DAHW: Neglected Tropical Diseases (NTDs) sind Krankheiten der Armut

Harald Meyer-Porzky

Harald Meyer-Porzky. Foto: DAHW

Interview mit Harald Meyer-Porzky, stellvertretender Geschäftsführer der DAHW


Über eine Milliarde Menschen sind von Neglected Tropical Diseases (NTDs), also vernachlässigten Tropenerkrankungen, betroffen. Welche Rolle spielt die Welt Gesundheitsorganisation (WHO) im Zusammenhang mit NTDs?

Die WHO hat diese sogenannten vernachlässigten Krankheiten seit einiger Zeit stärker in den Fokus gerückt. Das wirkt sich positiv auf die Forschung, die Förderung der Behandlung und die Aufmerksamkeit der Medien aus. Was dringend nötig war und ist. Die Herausforderungen beginnen jedoch schon in den Begrifflichkeiten. Die WHO hat 17 vernachlässigte tropische Erkrankungen (NTDs) benannt. Das vermittelt ein Gefühl von Überschaubarkeit. Nur sind diese Krankheiten bis auf den Tatbestand, dass sie eben vernachlässigt und armutsbedingt sind, alle ganz verschieden. Es reicht von Wurmerkrankungen bis zu viralen Erregern. Die medizinischen Behandlungen sind oft vollkommen unterschiedlich.

Mal von Lepra abgesehen, wie hat sich die DAHW bisher schon im Zusammenhang mit den NTDs engagiert?

Gut, dass Sie daran erinnern, dass Lepra zu den vernachlässigten Krankheiten gehört. Ich vergesse das leicht, weil die DAHW sich seit über 57 Jahren so erfolgreich für die Leprakranken einsetzt. Die DAHW hat sich seit Beginn nicht abgewendet, wenn sie mit anderen Erkrankungen der Armut konfrontiert war. Ob das nun Chagas oder Flussblindheit, Elefantiasis oder Buruli Ulcer waren. Wir haben getan, was wir konnten, um den Menschen zu helfen. Es war nur nie ein Schwerpunkt. Erst mit den zurückgehenden Leprazahlen konnten wir uns systematischer um diese anderen Erkrankungen wie zum Beispiel Buruli Ulcer kümmern. Mit verschiedenen Partnern haben wir eine funktionierende Diagnose und Behandlung von Buruli Ulcer entwickelt und inzwischen ein nationales Buruli Ulcer Programm in Togo verwirklichen können. Andere betroffene Länder sollen folgen.

Warum kann die DAHW im Zusammenhang mit NTDs helfen?

Die Mitarbeiter der DAHW sind Spezialisten für armutsbedingte Krankheiten. Wir gehen dorthin, wo diese Menschen leben, ignorieren sie nicht. Neben dem medizinischen Wissen, gut funktionierenden Strukturen und verlässlichen Partnern erfordert der Einsatz für diese Menschen die innere Bereitschaft sich dem auszusetzen, Geduld und immer wieder aufs Neue Mut. Mit dieser Haltung erarbeiten wir uns nun das notwendige Wissen für weitere vernachlässigte Armutserkrankungen. Und ich bin sicher, wir werden genauso erfolgreich sein wie bei der Lepra.

Was bewirkt die Netzwerkarbeit der DAHW?

Die DAHW ist Zeit ihres Lebens ein guter Netzwerker gewesen. So hat sie schon sehr früh die europäische und dann Internationale Vereinigung der Leprahilfswerke mitbegründet. Das zu einer Zeit, als viele noch für sich allein agiert haben. Der Ansatz dabei war und ist: „Gemeinsam sind wir stärker“. Daher sind wir auch Mitbegründer des neuen Deutschen Netzwerkes gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten, Mitglied im Stop-TB Forum und verleihen mit Netzwerkpartnern den Memento-Preis für Engagement gegen vernachlässigte Erkrankungen. So erreichen wir öffentliche Aufmerksamkeit und können auch politisch Druck ausüben.

Das Interview führte Barbara Temminghoff.