"Werk, das auf Ehrenamt baut"

Freifrau Gudrun von Wiedersberg

DAHW-Präsidentin Gudrun von Wiedersperg zur Zukunft der Hilfsorganisation


Sie selbst kam über das ehrenamtliche Engagement zur Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe DAHW, seit einem Jahr steht Gudrun Freifrau von Wiedersperg an der Spitze des Hilfswerks. Auf die Arbeit und Hilfe der Ehrenamtlichen legt die Würzburgerin auch als Präsidentin großen Wert.

Frage: Seit rund einem Jahr sind Sie Präsidentin des DAHW – wie lautet Ihre persönliche Zwischenbilanz?
Gudrun von Wiedersperg: Mit dem neuen Geschäftsführer und dem neuen Vorstand habe ich das Gefühl, dass die DAHW auf einem guten Weg ist. Unsere Hauptaufgabe ist, den Patienten in den Mittelpunkt zu stellen und zu schauen, als Mittler zwischen den Spendern hier und den Patienten vor Ort das Optimale veranlassen und bewirken können.

Was hat sich verändert?
Von Wiedersperg: Es gibt eine klare Weisung und Trennung: Der Geschäftsführer und mit ihm die Hauptamtlichen führen die täglichen Geschäfte. Der Vorstand greift nicht in das operative Geschäft ein. Sondern er macht die Vorgaben, überwacht deren Ausführung und setzt die Vorgaben der Mitgliederversammlung um.

An der Ausrichtung hat sich nichts verändert? Im Kampf gegen die Lepra war das DAHW sehr erfolgreich – suchen Sie jetzt neue Krankheitsfelder, neue Länder?
Von Wiedersperg: Die DAHW hat bei der Bekämpfung der Lepra und der Tuberkulose sehr viel erreicht. Aber, das sehen wir immer deutlicher, in manchen Ländern steigen die Leprazahlen auch wieder. Man muss daher die Lepra auch weiterhin ganz gezielt bekämpfen und dabei die Qualität der Arbeit sichern. Wir wollen uns, dort wo wir Menschen betreuen, verstärkt der Behandlung, der durch die Erkrankungen entstandenen Behinderungen, widmen. Und was ein großes Anliegen ist und verstärkt eine Aufgabe sein wird: Forschung. Wodurch wird Lepra eigentlich übertragen? Wieso können wir sie nicht ganz besiegen? Diese Fragen sind bis heute noch nicht beantwortet.

Aber sie planen keine Ausdehnung hin zu einem internationalen Gesundheitswerk?
V. Wiedersperg: Absolut nicht. Die DAHW wird ein Lepra- und Tuberkulosehilfswerk bleiben. Aber wir werden uns nicht Aufgaben verschließen, die wir mit unseren Einrichtungen und Büros vor Ort und mit unserem Know-how angehen können. Wo wir Kompetenzen haben, werden wir sie weiter ausbauen. Anfang des Jahres haben Sie eine Zukunftskonferenz veranstaltet.

Wie sieht die Zukunft des DAHW aus?
Von Wiedersperg: Das Ehrenamt und die Ehrenamtliche sollen wieder mehr in den Vordergrund gerückt werden. Das heißt nicht, dass wir die Unterstützung von bekannten und engagierten Persönlichkeiten nicht nutzen wollen. Aber die Ehrenamtlichen, die das Werk ja aufgebaut haben, sollen gestärkt werden.

Menschen zu motivieren zu aktivieren – ist das schwieriger geworden?

Von Wiedersperg: Wir müssen umdenken. „Den“ Ehrenamtlichen von früher, der jahrelang gestrickt oder Bazare organisiert hat, gibt es heute so nicht mehr. Heute findet man eher punktuelles Ehrenamt. Für Aktionen oder Events kann man auch junge Leute motivieren. Da sind unsere Hauptamtlichen gefragt, Ideen zu entwickeln. Klar ist: Die DAHW bleibt ein Werk, das auf Ehrenamtliche baut. Bei Spendengalas nach Katastrophen werden immer riesige Summen gesammelt.

Ist das Geschäft eines nicht ganz kleinen, aber auch nicht riesigen Hilfswerks schwieriger geworden?
Von Wiedersperg: Ja. Ich bin jetzt das zwölfte Jahr im Vorstand, und wenn ich an die ersten Etat-Planungen denke: Da ging alles leichter. Jetzt müssen wir sehen, wo und wie wir effektiv bleiben können bei unserer Arbeit, obwohl wir kürzen müssen.

Wie hoch ist der Verwaltungsanteil des DAHW?
Von Wiedersperg: Wir erfüllen die Vorgaben des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen, das das Spendensiegel verleiht und das von bis zu 30 Prozent ausgeht. Wir sind bei 6,5 Prozent Verwaltungsausgaben. Für Information und Öffentlichkeitsarbeit wenden wir 18 Prozent auf, dazu gehören satzungsgemäße Aufgaben wie Bildungsarbeit für Schulen und auch Spenderkommunikation und Werbung. Diese Zahl weiter zu senken, was unser Ziel ist, ist leider nur schwer umzusetzen.

Wo sparen sie dann? Ziehen Sie sich aus Ländern zurück?
Von Wiedersperg: Das ist ein hartes Ringen. Sich ganz aus einem Projekt zurückzuziehen tut weh. Wir haben praktisch bei allen Projekten kürzen müssen. Wie können sie das DAHW bundesweit in der Menge der Hilfswerke stärker platzieren? V. Wiedersperg: Wir sind bundesweit gut platziert. Wir sind Mitglied im Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) und werden dort sehr viel als Partner gefragt. Was einem aber sicher gut ansteht, ist eine kritische Haltung. Man muss immer abwägen: Wo machen wir mit, was entspricht nicht unserer Philosophie und Zielsetzung? Wenn VENRO anfängt, den Hilfswerken vorzuschreiben, wie wir uns zu organisieren haben, muss man auch mal Nein sagen. Da sind uns unsere Eigenständigkeit und unsere Erfahrung wichtig genug.

Sie spielen auf den Verhaltenskodex an: Vier-Augen-Prinzip, zweiter Geschäftsführer. Kann ein ehrenamtlicher Vorstand in einem eingetragenen Verein ein Hilfswerk dieser Größe leiten?
Von Wiedersperg: Sicher, sonst hätte ich das Amt als Präsidentin nicht angenommen. Aber es geht nur mit einem absolut zuverlässigen Schatzmeister und einem zuverlässigen Geschäftsführer. Das Vier-Augen-Prinzip praktizieren wir übrigens seit langem. Zusätzlich haben wir jedes Jahr freiwillig einen Wirtschaftsprüfer da – das müssten wir nicht. Die Diskussion über Sinn und Unsinn von Entwicklungshilfe ist nicht neu.

Können Sie es nachvollziehen, dass Entwicklungshilfe in Frage gestellt wird?
Von Wiedersperg: Ja, diese Frage halte ich für berechtigt und ganz wichtig. Wir müssen uns gerade als Hilfswerk immer wieder besinnen, dass unsere Hilfe nichts sein darf, was übergestülpt wird. Es geht um – ein stark strapaziertes Wort, aber man muss es so sagen – Hilfe zur Selbsthilfe. Wir sind da gut aufgestellt: In unseren Projekten versuchen wir, Menschen aus dem jeweiligen Land auf ihrem Weg weiter zu bringen. Wir bieten das Know-how, ihr Leben sollen sie selbst bestimmt und ohne Mitleid oder überhebliche Großherzigkeit führen können. Fast immer stammen unsere Repräsentanten vor Ort aus dem jeweiligen Land.

Wie lange arbeiten Sie noch in Schwellenländern wie Indien oder Brasilien?
Von Wiedersperg: Das Ziel ist, dass Brasilien und Indien ihre Probleme selber immer mehr in die Hand nehmen. Aber das ist ein Lang-Ziel, das nicht heute und nicht morgen und vielleicht auch noch nicht in fünf Jahren erreicht wird. Man muss klar sehen, dass die Schere zwischen Arm und Reich in diesen Ländern immer weiter auseinander geht. Wir versuchen unseren Projektpartnern vor Ort dabei zu helfen, Spenden in den Ländern selbst einzuwerben. Aber das ist noch sehr mühsam.

Eine letzte Frage zum Namen: Wir sagen „das“ DAHW, bezogen auf das Werk. Sie sagen „die“. Bleibt es bei dem Namen Lepra- und Tuberkulosehilfe, kurz DAHW?
Von Wiedersperg: Unsere einstimmig verabschiedete neue Satzung vom Juni 2010 legt den Namen als „DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e.V.“ fest, daher „die“ DAHW.


Das Gespräch führten ANDREAS JUNGBAUER und ALICE NATTER
Mit freundlicher Genehmigung der Mainpost

Foto: DAHW

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Gudrun Freifrau von Wiedersperg

Die 58-Jährige ist im Hauptberuf Lehrerin an der Förderschule Leo Deeg in Würzburg. Seit 1999 ist Gudrun Freifrau von Wiedersperg Mitglied des DAHW, ab 2004 war sie Vizepräsidentin, 2009 wurde sie zur Präsidentin gewählt. Als „Deutsches Aussätzigen-Hilfswerk DAHW“ 1957 in Würzburg gegründet, unterstützt die Lepra- und Tuberkulose-Hilfe heute 284 Hilfsprojekte in 32 Ländern. Rund 70 000 Menschen vertrauen der DAHW ihre Spenden an, 2000 Menschen sind bundesweit ehrenamtlich für das medizinisch-soziale Hilfswerk tätig.