Hintergrund: Tuberkulose

Naehrboden fuer Krankheiten: Slums in Neu Delhi

Medizin aus dem Uhrengeschäft - Der Kampf gegen Tuberkulose in den Slums von Delhi


Das Netz wird dichter: Private Gesundheitshelfer schaffen die Voraussetzung für nachhaltige Erfolge der einfachen Antibiotika-Therapie.

Jenseits der breiten Straßen im Regierungs- und Botschaftsviertel der indischen Hauptstadt Neu-Delhi, in den Vororten gerät man ins wahre Leben der ständig wachsenden Metropole. Zum Gemüsegroßmarkt ziehen Kulis Handkarren, auf denen sich Unmengen Gemüse und Obst türmen. Ochsenkarren bahnen sich ihren Weg, Fahrradrikschas und Fußgänger bestimmen das Straßenbild.

In die schmalen Gassen des Slums Jahangir Puri verirrt sich selten ein Auto, noch seltener ein Regierungsfahrzeug. Etwa 200.000 Menschen wohnen hier auf engstem Raum, viele sind Tagelöhner. In nächster Nachbarschaft wächst einer der größten Müllberge der Riesenstadt. Die Leute suchen im Abfall nach Verwertbarem. Armut und unhygienische, extrem beengte Wohnverhältnisse sind ein Nährboden für Tuberkulose.

Einfache Behandlung ist möglich

Jedes Jahr befällt diese Krankheit viele tausend Menschen allein in Delhi, vor allem in den Slums. In Indien sind es nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1,7 Millionen TB-Kranke pro Jahr, offiziell sterben mehr als 300.000 Menschen jährlich an dieser Krankheit.

Im Haus von Chinanjeet werden Pillen ausgegeben. Foto: DAHW/Ursula Meissner

Im Haus von Chinanjeet werden Pillen ausgegeben. Foto: DAHW/Ursula Meissner

Lungentuberkulose ist die am häufigsten vorkommende Form. Sie wird durch Tröpfcheninfektion übertragen, schwächt die Menschen schnell. Die Kranken verlieren Gewicht und können kaum mehr einer Arbeit nachgehen. Die Bakterien haben den Körper im Griff – können aber mit Antibiotika bekämpft werden.

Die Näherin Shahnaz leidet an einer selteneren Form der Krankheit, der Knochentuberkulose. Die 20-Jährige konnte kaum noch aufrecht stehen. Noch schwerer fiel ihr das Gehen. Seit einigen Wochen erhält sie die lebensrettende Therapie. Jetzt kann sie sogar wieder ihren einjährigen Sohn halten. Dreimal wöchentlich besucht sie Chinanjeet, die als Gesundheitshelferin für die DAHW tätig ist: Chinanjeet gibt in ihrem Privathaus Medikamente aus. Zwei Monate lang nimmt Shahnaz die Tabletten unter Aufsicht ein, später bekommt sie eine Ration mit. Die Behandlung dauert etwa ein halbes Jahr, danach wird sie sich wieder um ihren Haushalt kümmern und Näharbeiten übernehmen können.

Nähe verhilft zum Heilungserfolg

Die Menschen sind froh über die Hilfe in der Nachbarschaft. Der Weg zur Gesundheitsstation wäre für viele zu lang, denn sie müssten zu Fuß gehen. Eine Fahrt mit der Rikscha können sich nur wenige leisten – so brechen TB-Patienten ihre Behandlung oft ab. Sie fühlen sich nach ein paar Arzneieinnahmen auch schon deutlich besser, nehmen an Gewicht zu und können wieder arbeiten. Aber wenn die Medikamente zu früh abgesetzt werden, bricht die TB wieder aus, es bilden sich Resistenzen und der Patient kann mit der einfachen und billigen Antibiotika-Behandlung nicht mehr geheilt werden. Viele sterben deshalb.

Chinanjeet betreut rund 20 Leute. Sie erstellt eine Patientenkarte und besucht Kranke auch zuhause. "Das ist sehr wichtig, falls einer plötzlich nicht mehr kommt!“ sagt sie. "Vielleicht schwächt ihn eine andere Krankheit oder er braucht einfach etwas zum Essen, damit er seine Medikamente wieder besser vertragen kann.“

Hilfe im Umfeld der Krankheit

Der Leiter des örtlichen DAHW-Büros, Dr. Rajbir Singh, erklärt den neuen Projektansatz: "TB-Arbeit heißt nicht nur Pillen zu verteilen. Die Krankheit betrifft die ganze Familie. Unsere Mitarbeiter machen auch Gesundheitserziehung, klären über Hygiene auf und helfen den Familien, nach der Behandlung wieder auf die Beine zu kommen.“ So erhielt ein ehemaliger Patient ein Darlehen, um einen kleinen Kiosk aufzubauen. Dort verkauft er jetzt Snacks, aber auch einzelne Bonbons und Kaugummis an Kinder. Seinen Kredit hat er der DAHW wieder zurückbezahlt und kann jetzt seine Familie mit einem kleinen Einkommen über Wasser halten.

Arznei aus dem Laden durchbricht ein Stigma

Gemeinsam ist den "privaten Gesundheitsstationen“, die die DAHW im September 2005 startete: Sie haben lange geöffnet, vor allem abends. Chinanjeet ist für ihre Patienten von morgens sieben Uhr bis abends 20 Uhr da. Der Uhrenhändler Kamal Jaiswal hat neben seiner Ware eine Waage stehen, um Patienten zu wiegen. In einem Schrank lagern Medikamentenboxen für jeden einzelnen Kranken. Peinlich genau wird über die Behandlung Protokoll geführt. Alle Gesundheitshelfer haben dies in einem DAHW-Seminar gelernt.

Schon ein einfacher Mundschutz hilft, anderen nicht anzustecken. Foto: DAHW/Ursula Meissner

Schon ein einfacher Mundschutz hilft, anderen nicht anzustecken. Foto: DAHW/Ursula Meissner

Lange Öffnungszeiten hat auch ein weiterer Gesundheitshelfer, der in seinem kleinen Geschäft Lebensmittel und Getränke verkauft. Im winzigen Nebenraum stellt sich gerade ein neuer Patient vor. Sein Gewicht wird kontrolliert, während die Frau des Ladenbesitzers den Verkauf übernimmt. "Damit wird das Stigma der TB durchbrochen. Die Kunden kaufen bei dem Lebensmittelhändler ein und erfahren nebenher, was sie oder andere Familienmitglieder machen können, wenn sie lange andauernden Husten haben“, so Dr. Rajbir Singh.

Ein Modell wird beachtet

Im Frühjahr 2006 wurden in diesem neuen Programm der DAHW schon mehr als 200 Patienten betreut. Aufmerksam verfolgen auch Gesundheitsbeamte das gute Beispiel. Vielleicht ein Grund, dass bald mehr Fahrzeuge mit Regierungsbeamten den Weg in die engen Gassen nach Jahangir Puri finden – und dass das Beispiel in anderen indischen Slums Schule macht.

Zahlen und Daten

Neue TB-Kranke   weltweit


 

Im Jahr 2005*

Insgesamt: (Quelle: WHO)

5,13 Mio

registriert

Insgesamt: (Quelle: WHO) 8,8 Mio

geschätzt

Todesfälle: (Quelle: WHO) 1,58 Mio

geschätzt

In Projekten der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (ganz oder teilweise finanziert)

482.181

registriert

Relativer Anteil: 9,4 %

registriert

 

 

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-> Pressemitteilung zum Jahresbericht 2006

-> Der Jahresbericht 2006

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-> Vorwort zum Jahresbericht 2006 von Jürgen Hammelehle

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-> Hintergrund: Lepra - Rehabilitation gemeindenah gestalten

-> Hintergrund: Offen für neue Krankheiten - Buruli Ulcer, Chagas und Leishmaniose schoben sich ins Blickfeld

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