Hohe Auszeichnung für äthiopische Ordensschwester

Vier Jahrzehnte im Einsatz für Menschen mit Lepra


Die äthiopische Ordensschwester Senkenesh Gebre Mariam hat im Dezember 2010 den DAMIEN-DUTTON AWARD erhalten. Die Gründerin und Leiterin des Medhen Social Centers in Addis Abeba/ Äthiopien wurde von der Damien Dutton - Gesellschaft für Leprahilfe für ihren langjährigen und verdienstvollen Einsatz gegen Lepra, HIV-Aids und Armut ausgezeichnet. Damit steht sie in einer Reihe mit früheren Preisträgern wie Mutter Teresa, Dr. Ruth Pfau und dem Mitbegründer der DAHW, Hermann Kober.

Die DD Gesellschaft für Leprahilfe mit Sitz in New York wurde 1944 gegründet, um das Lebenswerk des Missionars Damian de Veuster (Heiliger Damian von Molokai) und seines Mitstreiters Joseph Dutton auf der zu Hawaii gehörenden Insel Molokai zu würdigen.

Der Agraringenieur Franz Söllner hat Ende der 1950er Jahre die Landwirtschaft im Relief Center Bisidimo, dem ersten Projekt der DAHW, mit aufgebaut. Von 1971 bis 1976 hat er das Zentrum geleitet. Franz Söllner erinnert sich an die Zusammenarbeit mit Sr. Senkenesh, mit der er bis heute in Verbindung steht.


Die 1940 geborene Sr. Senkenesh besuchte gemeinsam mit der Generaloberin und Mitschwestern der Barmherzigen Schwestern 1972 das Relief Center Bisidimo. Als damaliger Projektleiter sah ich die dringende Notwendigkeit, die Lepra-Bekämpfung nicht nur von der medizinischen Seite anzugehen, sondern auch das soziale Umfeld der Patienten zu beleuchten und Maßnahmen der Rehabilitation einzuleiten. Meiner Bitte, zwei Schwestern für die Bildungs- und Sozialarbeit freizustellen, kam die Generaloberin unter der Bedingung nach, dass Sr. Senkenesh ein einjähriges Zusatzstudium der Sozialverwaltung in London absolvieren dürfe. Diese Fortbildung wurde von der DAHW und einer skandinavischen Organisation finanziert.

Ein neuer Meilenstein in der Lepra-Arbeit

1973 konnte die Sozialabteilung in Bisidimo ihre Arbeit aufnehmen – ein Meilenstein in der Leprabekämpfung. Gemeinsam mit dem stationären und ambulanten Dienst wurde es nun möglich, die bisherige „Sackgasse” bei der Aufnahme von Patienten zu öffnen und eine gezielte Aufnahme von Leprakranken und deren mögliche Rehabilitation einzuleiten. Die biographischen Daten jedes einzelnen Patienten und dessen Herkunft wurden berücksichtigt, wenn es darum ging, die begonnene medizinische Behandlung wo möglich in einer Außenstation fortzusetzen. Junge Patienten erhielten die Chance, die Schule zu besuchen und einen Beruf zu erlernen, bevor sie aus dem Zentrum nachhause entlassen wurden.

Kriegerische Auseinandersetzungen in der Region veranlassten Sr. Senkenesh, Ende der 1970er Jahre nach Addis Abeba zurückzukehren.

In den Jahren 1982 bis 1989 arbeitete Sr. Senkenesh in der Sozialabteilung des von der DAHW geförderten Ausbildungszentrums ALERT. Von Beginn an hatte sie nur einen Wunsch: recht nahe bei den Menschen am Rande der Gesellschaft zu sein, besonders bei den Familien, die von Lepra betroffen waren.

Zunächst leitete sie die Trainingsabteilung von ALERT und gab Kurse über psycho-soziale Aspekte der Lepra. Es dauerte nicht lange, da wurden zu ihr die Menschen mit verschiedenen sozialen und anderen Problemen geschickt. Über diese Personen erhielt sie Kontakt zur nahe gelegenen Ansiedlung Gende Kore, in der vor allem Menschen mit Lepra lebten. ALERT stellte Sr. Senkenesh ein eigenes Budget zur Verfügung, um Kranken, Menschen mit Behinderungen und Ausgestoßenen zu helfen. Angestellte, Besucher und Freunde unterstützten sie.

1989 erhielt Sr. Senkenesh schließlich ein Stück Land und rief ein Hilfsprojekt für Menschen mit Lepra ins Leben, das Medhen Social Centre. Container, in denen aus Holland Hilfsgüter geliefert worden waren, dienten Schwester Senkenesh und ihrer Mitschwester Regart als Unterkunft sowie als Lagerräume und Büro.

Der kürzeste Weg der Entwicklung ist der Schulweg

Von diesem „Zentrum der Barmherzigkeit“ aus organisierte Sr. Senkenesh Hilfsmaßnahmen für die planlos angesiedelten, meist ehemaligen Leprapatienten. Es fehlte zunächst an Allem. Niemand konnte sagen, wie viele Menschen in dem Viertel lebten, die Schätzung von etwa 10.000 wurde schnell noch oben korrigiert. Die meisten Bewohner bestritten ihren Lebensunterhalt mit Betteln und der Verwertung der Abfälle der Deponie der Stadt. Trotz oder gerade wegen ihrer Lebensbedingungen entschieden die Bewohner nach vielen Diskussionen, dass der Wunsch: „Unseren Kindern soll es besser gehen” die höchste Priorität habe. Sr. Senkenesh war überzeugt, „der kürzeste Weg der Entwicklung ist der Schulweg“. Zusammen mit den Eltern rief sie ein Nachhilfeprogramm für Kinder ins Leben. In kleinen „Studierplätzen“, die die Eltern selbst liebevoll hergerichtet hatten, wurden die Kinder entsprechend ihres Alters und Bildungsgrads gefördert. Dieses bis dahin unbekannte Programm fand bei den Betroffenen großen Zuspruch und Unterstützung.

Bald nahmen mehr als 1 400 Kinder an dem Nachhilfeprogramm teil. Über 40 Hilfslehrer leiteten den Nachhilfeunterricht. Es folgten Maßnahmen zur Verbesserung der sanitären Einrichtungen, Versorgung der Kranken und Ausgebrannten mit Medikamenten, Kleidern und Lebensmitteln und die Suche nach Einkommensmöglichkeiten.

Als Folge von AIDS gab es auch in der Siedlung zahlreiche Waisenkinder. Um zu verhindern, dass diese Kinder zu Straßenkindern werden, suchte Sr. Senkenesh Spender in Holland, Deutschland und den USA.
Sie fand Pflegefamilien oder Pflegepersonen, die gegen einen geringen finanziellen Aufwand die Betreuung eines Kindes übernehmen. Damit wurde ein besonders kindgerechter und auch sparsamer Weg beschritten. Zurzeit werden an die 500 Kinder betreut. Bei Bedarf erhalten sie Nachhilfeunterricht. Immer wieder ist es erstaunlich, wie es das MSC schafft, die Betroffenen der Siedlung zu motivieren und sie in den verschiedenen Programmen als eigene „Entwicklungshelfer” zu gewinnen. Sr. Senkenesh ist überzeugt, dass die Gemeinschaft selbst die Nöte am besten kennt und auch überwinden kann. Supervisionen, Reflexionen in Gruppenarbeit bestärken die Menschen auf dem Weg ihre Lebenssituation zu verbessern.

Schon als Schülerin hat Sr. Senkenesh den inneren Wunsch verspürt, den ärmsten Menschen nahe zu sein, wie es auch Pater Damian de Veuster vorlebte. Sie ist mit der Verwirklichung ihrer Vision: „Eine Gesellschaft aufbauend auf eine Kultur der Liebe, ohne Stigma und Diskriminierung mit gleichen Chancen und Möglichkeiten” schon sehr weit fortgeschritten. Als neue Preisträgerin ist sie eine würdige Nachfolgerin des Heiligen Damian von Molokai, der sein Leben für die Verbannten auf der Insel Molokai aufopferte.

Für uns alle soll diese erfreuliche Ehrung ein weiterer Ansporn sein, unsere Bemühungen zur Überwindung der Ursachen von Armut und Stigma besonders in Äthiopien fortzusetzen.

Herzlichen Glückwunsch und innigen Dank an Schwester Senkenesh und Gottes Segen für die Zukunft.


Franz Söllner (72) arbeitete insgesamt acht Jahre für die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe in Bisidimo/ Äthiopien. Durch seine Vermittlung unterhält die Katholische Pfarrei St. Ludwig in Ansbach seit 1993 eine Projektpartnerschaft mit dem Medhen Social Center (MSC) in Addis Abeba/ Äthiopien.

Die DAHW hat Sr. Senkenesh und das MSC bis heute mit mehr als 127.000 Euro gefördert: Vor allem Angebote für alte und behinderte Leprakranke, befristete Sozialhilfe für akut Kranke, einkommenschaffende Maßnahmen für Frauen, Zusatzunterricht für Schüler und Berufsausbildung.