Interview mit Dr. Adolf Diefenhardt

Dr. Adolf Diefenhardt, Leiter der DAHW-Projektabteilung

Heute forschen, um morgen besser behandeln zu können.“


Im Jahr 2007 hat die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) nach längerer Pause wieder begonnen, Forschungsprojekte zu unterstützen. Drei dieser Projekte wurden mit insgesamt 73.221,98 Euro unterstützt. Die Fragen zu diesem für ein Hilfswerk ungewöhnlichen Engagement hat Dr. Adolf Diefenhardt beantwortet, medizinischer Leiter und stellvertretender Geschäftsführer der DAHW.

Frage: Herr Dr. Diefenhardt, warum unterstützen Sie Forschungsprojekte – wäre das Geld nicht in den Hilfsprojekten sinnvoller investiert?

Natürlich ist jeder Euro und selbst jeder Cent, der in unsere Hilfsprojekte fließt, sinnvoll investiert. Aber die Forschung ist hier nur ein kleiner Umweg, über den wir zukünftig noch effektiver arbeiten werden. Wir prüfen laufend, ob unsere Projekte nicht besser werden können – ob wir beispielsweise durch neue Maßnahmen vielleicht mehr Patienten finden oder durch Präventionstherapie bei Lepra Familienmitglieder und Nachbarn besser vor Erkrankung schützen könnten. Die Forschungsprojekte helfen dabei: Sie analysieren vorhandene Daten, um die Übertragungswege besser zu verstehen und geographische "hot spots“ zu identifizieren. Wir bereichern so unser Wissen, damit wir Krankheiten wie Lepra und Tuberkulose noch besser bekämpfen können.

Frage: Weiß die Wissenschaft denn nicht schon alles über diese Krankheiten?

Wir wissen noch viel zu wenig, zum Beispiel bei den Übertragungswegen der Lepra: Wir wissen bis heute nicht genau, welche Faktoren die Infektion begünstigen, welche Relevanz gesunde Infizierte für die kontinuierliche Ausbreitung der Lepra in der Gesellschaft haben und ob Chemoprophylaxe mit Medikamenten für gesunde Familienmitglieder oder Nachbarn in der Zukunft eine wichtige Schutzmaßnahme sein kann. Oder ein anderes Beispiel: Warum Menschen immun gegen diese Krankheit sind und trotzdem die Krankheit übertragen können, wurde noch nicht wissenschaftlich bewiesen.

Frage: Warum ist dieses Wissen so wichtig?

Bislang können wir sehr gut die erkrankten Menschen behandeln und heilen. Je eher ein Patient behandelt wird, umso größer ist die Chance, dass er vollständig geheilt wird und keine Folgen zurückbleiben. Damit bekämpfen wir aber nur die sichtbare Spitze des Eisbergs: Mehr als 250.000 Menschen erkranken jedes Jahr neu an Lepra, darunter mehr als zehn Prozent Kinder. Solange wir nicht genau wissen, warum sie erkranken, sind alle Erfolge bei der Behandlung nur kurze Momentaufnahmen. Besiegen können wir Lepra erst dann, wenn es uns gelingt, die Übertragung zu stoppen.

Frage: Warum übernehmen die großen Pharmaunternehmen denn nicht die Finanzierung dieser Forschungsprojekte?

Pharmaunternehmen sind natürlich am Gewinn orientiert, während Leprapatienten überwiegend in großer Armut leben. Mit dem Verkauf von Lepramedikamenten ist also kaum Geld zu verdienen, daher wird auch nicht geforscht. Außerdem sind selbst 300.000 bis 400.000 neue Leprafälle für Pharmafirmen wirtschaftlich keine interessante Option – auch wenn das zynisch klingen mag. Bei der Lepra sind auch bisher weltweit keine nennenswerten Resistenzsituationen entstanden, so dass hier der Druck nicht so groß ist. Bei der Lepratherapie haben wir eher ein Problem der Umsetzung und dass durch Therapie allein die Krankheit eigentlich nicht auszurotten ist. Es müssen da noch andere Faktoren hinzukommen.

Bei der Tuberkulose sieht es bezüglich Forschung etwas besser aus, aber dort kurbelt wohl eher das Drohpotential mit Tausenden unbehandelbarer Patienten, bei denen die vorhandenen Medikamente nicht wirken, die Forschung an – damit ist in den ersten Jahren Geld zu verdienen. Bisher sind aber keine wirklich neuen Medikamentengruppen auf dem Markt – es dreht sich um Medikamente, die die Behandlung vielleicht von sechs auf vier Monate reduzieren könnten, aber der ersehnte Durchbruch ist das nicht.

Frage: Sollten hier nicht staatliche Stellen einspringen und Forschung finanzieren?

Ich glaube kaum, dass der Staat selber Medikamentenforschung betreiben kann und will. Aber der Staat kann die Rahmenbedingungen schaffen, dass sogenannte Public-Private Partnerships entstehen, die mit öffentlichen und Stiftungsgeldern Firmen unterstützen, in diesem Bereich zu forschen. Und er sollte dies auch tun, weil ein großer Teil der Forschung bereits heute mit staatlichen Zuschüssen gefördert wird.

Ein unabhängiges Gremium sollte zudem sicherstellen, dass die Ergebnisse dieser Forschungen nicht ausschließlich wirtschaftlich genutzt werden, sondern für humanitäre Zwecke zugänglich sind. Wichtig ist, dass neue Medikamente dann auch den Ärmsten der Armen zur Verfügung stehen. Dies sollte im Übrigen bei öffentlicher Unterstützung für die Forschung selbstverständlich sein.

Wir brauchen dringend neue Medikamente und Erkenntnisse aus der Forschung, besonders bei der Tuberkulose. Ich bin überzeugt, dass jeder Euro, den wir heute in Forschung investieren, sich in einigen Jahren zehn- oder sogar hundertfach auszahlen wird, wenn wir mit den neu gewonnenen Erkenntnissen viel effektiver arbeiten können.


-> DAHW - Jahresbericht 2007


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