Interview mit Dr. Chris Schmotzer

Dr. Chris Schmotzer bei der Sprechstunde

Seit 1988 ist Dr. Chris Schmotzer in Pakistan – zunächst als Lepra-Ärztin. Seit 10 Jahren kümmert sie sich verstärkt um Tuberkulose-Patienten

Seit 1988 ist Dr. Chris Schmotzer in Pakistan -- als Lepra-Ärztin und seit 10 Jahren kümmert sie sich um TB-Patienten.


Dr. Chris Schmotzer gehört seit 1976 dem ev. Orden der Christusträger-Schwestern an. Seit 1988 ist sie in Pakistan – zunächst als Lepra-Ärztin. Seit 10 Jahren kümmert sie sich verstärkt um TB-Patienten, besonders um die stark ansteigende Zahl mit resistenten Erregern.

Was sind die größten Probleme im Kampf gegen Tuberkulose?
Tuberkulose TB kann man nur ganzheitlich bekämpfen. Man muss z. B. unterernährte Patienten auch „aufpäppeln“. Am meisten machen uns die Kinder Sorgen, deren Eltern den Ernst der Erkrankung nicht erkennen, weil in ihren Familien der tägliche Kampf um Arbeit und Essen Vorrang hat.

Wie entstehen eigentlich die gefährlichen resistenten TB-Erreger?
Das Problem ist selbst verursacht: Wenn ein TB-Patient Antibiotika bekommt, dann muss er alle Medikamente bis zum Ende der Behandlung regelmäßig einnehmen – manchmal bis zu zwei Jahre! Bricht er die Einnahme vorher ab, oder erhält er nicht alle, können die überlebenden Bakterien Resistenzen gegen diese Medikamente entwickeln.

Warum brechen Patienten dann überhaupt ihre Therapien ab?
Es sind die Lebensumstände, die dazu führen: In Pakistan sind die meisten Menschen Tagelöhner. Fast jeder Zweite hat keine Schule besucht, kann weder lesen noch schreiben. Selbst, wenn man ihnen sagt, warum die regelmäßige Einnahme so wichtig ist, lassen sie sich nur schwer überzeugen: Nach sechs Wochen Therapie geht es den Patienten wieder gut, sie fühlen sich gesund und nehmen die Medikamente nicht mehr ein, obwohl sie noch längst nicht gesund sind. Wir nehmen notfalls die Patienten sogar stationär auf, um dies zu verhindern.

Wurde Tuberkulose zu lange unterschätzt?
Ja, eindeutig! Tuberkulose ist eine zunehmende globale Bedrohung und müsste heute viel ernster genommen werden. Das bedeutet konsequente Behandlung und nachhaltige Hilfe, damit wir nicht in den nächsten Jahren eine Pandemie von resistenten Tuberkulosefällen bekommen, die nicht mehr behandelt werden können, weil es dafür keine wirksamen Antibiotika gibt.


Wussten Sie schon, dass...

  • seit 1980 keine neue Medizin gegen Tuberkulose auf den Markt kam?
  • jeden Tag weltweit etwa 5.000 Menschen an Tuberkulose sterben?
  • TB in vielen Ländern eine der häufi gsten Todesursachen ist?
  • die Diagnose von TB in vielen Ländern bis zu 3 Monate dauert?
  • eine Standard-Therapie in der „Dritten Welt“ 50 € kostet?
  • es in Deutschland im vergangenen Jahr etwa 5.000 Tuberkulose-Fälle gab? 
  • rund 30% aller Menschen TB-Erreger tragen, ohne zu erkranken?