Interview mit Dr. Pfau in Münster

Juergen Belker-van den Heuvel ueberreicht der -Mutter der Leprakranken- einen Blumenstrauß

Die "Mutter der Leprakranken“ und Botschafterin für die Verständigung zwischen den Kulturen und Religionen


Inis Schönfelder hat am Muttertag 2007 auf der Bühne im Schloß zu Münster (Westf.) ein Interview mit Ruth Pfau geführt. Inis Schönfelder ist Buchautorin und Fernsehjournalistin und kennt Dr. Ruth Pfau aus Pakistan, wo sie sich ehrenamtlich im Projekt engagiert hat. Gerade mit Blick auf die aktuellen Ausschreitungen in Islamabad bekommen die Passagen, in denen Ruth Pfau sich zur Problematik mit dem Islam äußert, ein besonderes Gewicht. Mehr denn je ist Ruth Pfau "die“ Botschafterin für die Verständigung zwischen den Kulturen und Religionen, die durch ihr gelebtes Verständnis überzeugt.

Inis Schönfelder: Wir alle erinnern uns an die Bilder von Kashmir nach dem Erdbeben 2005. Und Sie haben in einem Interview einmal gesagt, es habe Sie so erinnert an das Ende des 2. Weltkriegs. Wie sieht es heute aus? Was sind die Aufgaben, die Sie dort noch wahrnehmen?

Dr. Ruth Pfau: Es sah nicht nur ein bisschen so aus! Also, ich glaube, es ist mir nur einmal passiert bei meinem ganzen Einsatz – bei meinen ganzen Einsätzen, dass ich nicht weiter konnte. Dieses, mein unberührtes Bergparadies Kashmir, sah aus wie Deutschland 1945. So etwas an Zerstörung – so etwas an Zerstörung! Aber wenn man dann einmal in der Arbeit ist, dann wird es leichter. Weil man etwas Sinnvolles tun und helfen kann.

Schülerinnen und Schüler begrüßen Frau Dr. Pfau im Schloss. Foto: DAHW / Achim Pohl

Wir wussten von Anfang an, dass Nothilfe nötig war, aber auch, dass der Wiederaufbau bestimmt fünf bis zehn Jahre dauern würde. Wir hatten gehofft, wir könnten in diesem Jahr 900 Häuser bauen, damit es für die Menschen nicht der dritte Winter im Zelt ist. Wir haben aber nur 450 bauen können. Denn wir hatten enorm viel Regen. Und dann sind die Bergstraßen so schwer zugängig. Und überdies: Durch das Erdbeben hat sich das ja auch alles gelöst. Bergrutsche kommen immer noch runter. Dann kann man das Baumaterial nicht hochkriegen.

Und die Regierung hat uns verpflichtet, erdbebensichere Häuser zu bauen. Das ist ja auch sinnvoll. Aber zum einen können wir die nicht nur mit einheimischem Material bauen. Und zum anderen kosten sie uns doppelt so viel, wie unsere ursprünglich geplanten Selbsthilfehäuser, die wir halbe-halbe mit der Bevölkerung hätten aufstellen können. Deshalb sind bisher nur 450 Häuser fertig gebaut.

Wir hatten schnellere Möglichkeiten in der Rehabilitierung. Die meisten der Begbauern leben von Viehzucht. Mit fünf Ziegen konnte man einer Familie wenigstens wieder einen Anfang ermöglichen. Das hat enorm eingeschlagen. Mit unserem Reha-Programm sind wir ziemlich in der Zeit.

Aber fertig sind Sie noch nicht.

Noch nicht. In unseren Außenstationen arbeiten wir noch immer in Zelten.

Was Sie bei der Dönhoff-Preisverleihung (2005 in Hamburg) die "Hausfrauen-Tugenden“ genannt haben, brauchen Sie also dort oben in doppeltem Maße: Geduld und Ausdauer. Aber die brauchen Sie auch an anderen Stellen und an anderen Orten.

Ja, die braucht man bestimmt – überall im Leben. Den langen Atem braucht man ja immer!

Sie haben noch ungefähr 25.000 Familien, ehemalige, ausgeheilte Leprapatienten, wo die Rückführung in die Gesellschaft noch zu leisten ist.

Ja, zunächst zu den Zahlen: Das stimmt! Wir haben insgesamt 55.000 Leprapatienten erfasst. Wir behandeln zur Zeit noch 480. Der Rest ist ausgeheilt. Wir kriegen aber noch jedes Jahr 500 neue Fälle dazu. Das liegt daran, dass die Krankheit eine Inkubationszeit von drei bis fünf, ja bis zu 40 Jahren hat. Man kann sich heute anstecken und erst nach
40 Jahren diagnostiziert werden.

Dr. Ruth Pffau signiert ihre Bücher. Foto: DAHW / Achim Pohl 

Dr. Ruth Pffau signiert ihre Bücher. Foto: DAHW / Achim Pohl

Eine Ihrer Mitarbeiterinnen hat einmal gesagt: "Ich gehe davon aus, dass Gott in den Slums von Karachi wohnt. Denn wie wäre es sonst zu erklären, dass wir ihn dort jeden Tag beobachten können?“

Unser Ruf ist, Menschen zu helfen, die sich nicht selber helfen können und denen auch kein anderer hilft.

Als ich meine Nachfolge-Gruppe eingeführt hatte, habe ich sie gebeten: "Schreibt doch einmal nieder, wie ihr möchtet, dass das MALC (das ist die Abkürzung für das "Marie Adelaide Leprosy Centre“, unser Krankenhaus in Karachi) in fünf oder zehn Jahren aussieht.“

Dann hat mir Dr. Lobo das Produkt vorgeführt. Und da steht: "Wir sind eine Gruppe von ‚ordinary people‘ – also von gewöhnlichen Menschen, die etwas ‚extraordinary‘ – etwas Besonderes auf die Beine gestellt hat. Wir haben die Lepra im Griff. Und wenn wir jetzt etwas Zeit haben, werden wir uns immer denen zuwenden, um die sich niemand sonst kümmern will.“

Auch in den Konstitutionen unserer Ordensgemeinschaft steht: "Die Töchter vom Herzen Mariä werden sich immer solchen Aufgaben widmen, die kein anderer tun will“.

Da sind wir also jetzt mit unserer pakistanischen Gruppe auf gleicher Wellenlänge! Und so etwas kann man natürlich nicht selber machen. Ja! – Insofern stimmt es, dass der Herrgott offensichtlich nicht nur in den Slums, sondern auch in diesen weit abgelegenen Wüstengebieten lebt.

Sie haben es gerade beschrieben: Die Arbeit öffnet sich. Das medizinische Programm hat sich schon vor Jahren auf die Tuberkulose erweitert. Das ist eine neue Herausforderung, der die DAHW gefolgt ist. Sie heißt ja auch inzwischen Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe.

Was bedeutet das konkret für die Arbeit in Pakistan?

Es bedeutet sicher, dass die Probleme jetzt sehr viel komplexer sind. Bei der Lepra war es ja sicherlich nicht einfacher, aber ein bisschen klarer. Kein Mensch kümmerte sich darum. Und es war eine Krankheit, bei der es sich seit 1983 abzeichnete, dass sie eines Tages im Griff sein wird, aber nicht ausgerottet.

Wir arbeiten in Asad Kashmir schon seit 20 Jahren in der Lepra-Tuberkulose-Bekämpfung. Und wir hatten bereits zehn Tage nach dem Erdbeben in Zelten das gesamte Programm wieder am Laufen. Doch wo wir einen Leprapatienten haben, haben wir inzwischen zehn und 50 Tuberkulosepatienten. Das heißt natürlich nicht, dass man nichts machen kann. Denn in Asad Kashmir ist immerhin die Sterberate bei Tuberkulose von 56% auf 2 % gesunken.

Es wird zunehmend schwieriger für uns, uns wirklich nur auf bestimmte Krankheiten zu konzentrieren. Denn wir sind in der Zwischenzeit unter der Bevölkerung so bekannt, dass sie sich mit allen gesundheitlichen Problemen an uns wendet.

Und das nächste ist: Wenn wir in diesen Gebieten, um die sich sonst keiner kümmert, sowieso die ganzen Schwierigkeiten auf uns nehmen und dorthin gehen – warum sollten wir dann wirklich nur Lepra und Tuberkulose behandeln? Warum sollten wir die restlichen Krankheiten, bei denen wir etwas tun können, nicht auch mitbehandeln?

Wir bilden von diesem Jahr an unsere Lepra-Assistenten als Community-Health-Worker aus. Das heißt, sie sind nicht mehr nur Lepra-Assistenten, sondern Gesundheits-
Assistenten.

Wenn wir unser Programm wirklich auf die Gesundheitsbedürfnisse der Leute zuschneiden, können wir eine Menge mehr machen. Mit dem selben Personal, mit der selben Anzahl von Wagen. Das Budget wird ein bisschen höher gehen, aber nicht zu sehr. Und wenn wir Tuberkulose machen, da bietet sich eben AIDS an, dann Hepatitis und Hepatitis C. Und man muss sehen, dass man insgesamt die Hygiene verbessert.

In einigen Pilot-Projekten haben wir Wege gefunden, die so ein ganzes Slumviertel verändern. Wir haben nicht einmal Geld reingesteckt. Das haben die Bewohner alles selber aufgebracht. Da gibt es also jetzt Trinkwasser, einen Abfluss für das Schmutzwasser, eine regelmäßige Müllabfuhr. Die Mädchen gehen nun auch zur Schule. Sie haben Gesundheitskommitees gegründet, und wir haben in dieser Gemeinschaft auch die Tuberkulose im Griff. Die Menschen kommen mit den ersten Symptomen selber zu uns.

Also: Man kann etwas machen! Denn die Menschen möchten, dass ihre Kinder in Zukunft ein besseres Leben haben. Sie möchten gesund bleiben. Und die Zusammenarbeit ist nicht mal schwierig. Man muss nur – wie überall – am Ball bleiben.

Das Publikum applaudiert begeistert. Foto: DAHW / Achim Pohl

Das Publikum applaudiert begeistert. Foto: DAHW / Achim Pohl

Sie haben einmal gesagt: Indem wir jungen Menschen in Pakistan Bildung gebracht haben, haben wir ihnen beigebracht, "Warum?“ zu fragen. Gibt es einen Dialog? Oder können Sie beschreiben, was in Pakistan in Ihrem Umfeld und wo Menschen Begegnungen mit Ihren Projekten haben, sich verändert hat im allgemeinen Denken? Und wo können Sie das auch hier in Deutschland bei Ihren Reisen beobachten oder spüren?

Unsere Generation – oder unsere drei Generationen, die noch leben, – wir können ja nun einfach an der Aufgabe nicht vorbei! Der Westen und der Islam müssen zusammen leben lernen. Wenn wir das Zusammenleben nicht lernen, dann werden wir gegeneinander gehen. Und wir haben ja genügend Beispiele, um zu sehen, wohin das führt.

Es tut mir auch weh, dass in gewisser Beziehung wir – und mit "wir“ meine ich den Westen, die wir ja immer noch den Ton angeben – dazu beigetragen haben, dass sich der Islam so entwickelt hat, wie er sich entwickelt hat. Selbstmord-Attentäter sind wirklich ein Phänomen der letzten zehn Jahre. Aber das hat sich ausgebreitet – wahnsinnig!

Es ist eines der großen Geschenke für mich, wenn ich jetzt zurückschaue, dass wirklich im Lepra-Programm so eine Toleranz gewachsen ist. Das ist phantastisch!

Wenn wir ein Betriebsfest haben, dann kann man nicht anfangen, ohne dass jemand zunächst vom heiligen Koran gelesen hat, dann ein Christ einen Text aus der Bibel oder ein freies Gebet gesprochen hat. Und dann singt einer der Hindus noch aus der Bhagavad Gita.

Ich glaube wirklich, dass das Aufeinanderzugehen nur möglich ist, wenn man sich kennt, wenn man sich akzeptiert hat, wenn man sich schätzt. Aber kennenlernen, schätzen und akzeptieren kann man sich ja nur, wenn man genügend Tuchfühlung miteinander hat. Und die kriegt man am besten, wenn man gemeinsam in einem Projekt arbeitet, das alle Seiten interessiert.

Das Schlimmste, was in Deutschland geschehen könnte ist, wenn wir "DIE Muslime“ ghettoisieren. Darüber rede ich schon seit vielen Jahren. Denn, ein Feindbild von jemandem kann man nur aufbauen, den man nicht kennt. Und deshalb ist es wirklich meine Bitte an alle hier in Deutschland, irgendwie – da weiß ich natürlich im Einzelnen nicht wie – dass sich Muslime und Christen wirklich gemeinsam engagieren.

Ich kenne eine kleine Gemeinde in Deutschland, die hat ihre Nachhilfestunden für türkische Kinder aus den Schulen in die Wohnungen der Familien verlegt. Also die rufen immer 3 – 4 Kinder und eine deutsche Mutter oder Lehrerin in einer Wohnungen zusammen, ganz einfach weil man sonst an die Mütter der türkischen Kinder nicht herankommt. Und alle sagen: "Es ist so schön jetzt. Wenn wir sonst durch die "Türkischen Viertel“ gegangen sind, dann haben wir uns immer so ein bisschen unsicher gefühlt.“ Und jetzt winke von dem und jenem Balkon jemand herunter. Weil man sich bei einem Projekt, das beide Seiten interessiert, eben wirklich persönlich kennengelernt hat. Ja, vielleicht gibt es mehr Möglichkeiten, so was zu machen und Vorurteile gar nicht erst aufkommen zu lassen!

Ruth Pfau dankt allen Ehrenamtlichen. Foto: DAHW / Achim Pohl

Ruth Pfau dankt allen Ehrenamtlichen. Foto: DAHW / Achim Pohl

Nun eine Frage zum Auslands-Einsatz von Freiwilligen. Gibt es da etwas, was Sie jungen Leuten, die kurz vor dieser Überlegung sind, mit auf den Weg geben können?

Ja ich meine, der Durchschnitt denkt natürlich nicht an so etwas. Und ich finde es gut, dass wir so viel Durchschnitt haben. Denn sonst hätten wir keine Stabilität. Eine so verrückte Idee, unbedingt in ein muslimisches Dritte-Welt-Land zu fahren, ist schon wirklich etwas außerhalb des Normalen.

Aber wo ich mir ein bisschen Sorgen mache, ist dieser Trend zum virtuellen Leben. Darüber hatten wir schon geredet. Also, dass es junge Leute gibt, die sich offensichtlich im Virtuellen wohlfühlen.

Ich streite in keiner Weise ab, dass das Internet eine wunderbare Erfindung ist. Und ich glaube, es ist für uns in Pakistan eine noch wunderbarere Erfindung als für den Westen, weil wir ja sonst überhaupt an viele Informationen nicht ran könnten. Wo sollten wir die neuen Informationen herkriegen? Wir haben keine Büchereien. Und man kann sich ja nicht für jedes Thema ein Lehrbuch anschaffen und es ganz durcharbeiten. Aber im Internet kann man die Themen eingeben, um dann wirklich konzentriert eine Antwort zu kriegen.

Etwas ganz anderes ist es, wenn man meint, dass das Internet einem ein virtuelles Leben verschaffen könnte. Das Leben – das wirkliche Leben kriegt keiner aus dem Internet! Einfach deshalb nicht, weil das nicht riecht, nicht heiß oder kalt ist, weil man sich da nicht streiten kann, weil man das jederzeit abstellen kann.

Und wenn man im Leben wirklich etwas lernt, ist es gerade in den Situationen, die man nicht einfach abstellen kann, – wo man durch muss. Also das möchte ich allen ins Stammbuch schreiben: Haben Sie den Mut, das Risiko eines wirklichen Lebens einzugehen!

Das ist jetzt ein bisschen auch ein Mutter-Wort gewesen! Zwar hatten wir uns das ganz anders vorgestellt, wie wir unser Gespräch zu Ende bringen wollen. Aber ich finde, dem kann man jetzt eigentlich nichts mehr anschließen.

Darf ich dazu noch etwas sagen? (Dr. Pfau lächelt verschmitzt)

Es ist schon längere Zeit her, da kam einer meiner Neffen nach Karachi, uns zu besuchen. Und wir hatten gerade einen Jeep nach Gilgit zu fahren. Das ist am Karakorum-Highway. Wenn man von Europa kommt, ist das eine ziemlich riskante Tour! Aber er wollte das wahnsinnig gerne machen. Wir haben ihm natürlich Begleiter mitgegeben. Und als er dann zurück kam, sagte er: "Ich habe zum ersten Mal gemerkt, was ich kann!“ Ja! Er hatte wirklich zum ersten Mal "gelebt“ – im Sinne von Eigenverantwortung.

Wenn man die Kinder nicht auf Bäume klettern lässt, dann fehlt ihnen eine Erfahrung. Und heutzutage sind es nicht mehr Bäume – heutzutage ist es der Globus. Sie müssen global zurechtkommen – irgendwie. Und wenn sie in Deutschland bleiben, dann fehlen ihnen ganz wichtige Einsichten.

Ich finde das so toll mit dem Meistertitel im Mittelalter. Die Gesellen kriegten den Meistertitel nicht, wenn sie nicht einige Jahre auf Wanderschaft waren. Wer das nicht gemacht hatte, konnte nicht Meister werden. Darin steckt eine tiefe Weisheit. Ich glaube, wir sollten das wieder aufleben lassen!


′Dr. 

-> Bitte helfen Sie! - Herzlichen Dank!