Lepra, Grauer Star und andere Krankheiten

Deutsche Ärztin unterstützt Ruth Pfau in Pakistan


Die deutsche Ärztin Dr. Hanne Glodny aus Paderborn arbeitet seit ihrer Pensionierung unermüdlich und ehrenamtlich in den Projekten von Dr. Ruth Pfau in Pakistan mit. Seit über 20 Jahren fliegt sie regelmäßig in das südasiatische Land, wo sie - inzwischen 87 Jahre alt - Menschen in den von der DAHW unterstützten Projekten des Marie Adelaide Leprosy Center (MALC) hilft. Sie leistet dort medizinische Aufklärungsarbeit, unterstützt den Nachwuchs der Gesundheitshelfer und unterrichtet afghanische Flüchtlingskinder. Hier ihr Bericht über einen dreimonatigen Einsatz im Jahr 1999.

WDR Weltweit: Von Paderborn nach Pakistan
Dr. Hanne Glodny unterstützt Dr. Ruth Pfau

"Die Kletterei zurück am Steilhang ist schwieriger. Ich kann aber mit den anderen gut mithalten.

... Gegen Abend erreichen wir das Dorf Drug, wo man im Haus eines Lepra-Assistenten ein sehr gutes reichhaltiges Abendessen für uns bereitet hat. Ein sehr liebenswürdiges und herzliches Haus, sehr sauber, in dem man es leicht für längere Zeit aushalten könnte. Es gibt eine Pumpe, aber kein fließendes Wasser und keine Elektrizität. Als ich nach einer Toilette frage, nimmt mich die Mutter bei der Hand und führt mich in den Ziegenstall! Nach der sehr guten und reichhaltigen Mahlzeit herzlicher Abschied.

Das nächste Dorf ist Karia.

Das nächste Dorf ist Karia. Dort ist ein Leprapatient, der kontrolliert werden muss, genau wie auch alle Frauen und Mädchen aus seiner Umgebung. Das ist ziemlich schwierig, weil viele sehr verschämt sind und ihre Haut nicht zeigen wollen. Auch einige Allgemeinkranke können wir behandeln. Die Gastfreundschaft ist sehr herzlich und das Abendessen ausgezeichnet. Dann geht es zurück nach Garguji, das wir spätabends todmüde erreichen. Hier gibt es wieder Wasser zum Waschen und einen eigenen kleinen Raum, in dem man sich ungestört an- und ausziehen kann. Am nächsten Morgen wird nach dem gemeinsamen Morgengebet und Frühstück Medizin in den Store-Room gepackt und sorgfältig registriert. Es gibt ein Meeting, an dem alle teilnehmen. Die Möglichkeiten für die Entwicklung der Leprazentren Garguji und Warpragh werden besprochen, auch die notwendigen Arbeiten zum Erhalt und die Verbesserung der Bausubstanz beider Zentren und der Arbeitsplan für die nächsten Wochen und Monate.

Alle glauben, ihre Knochen einzeln zählen zu können.

Dann beginnt der lange Weg zurück durch die Stein- und Felswüste nach Loralai. Die Landschaft ist grandios: zerrissene Berge mit verschiedenen Schichten und Farben des Gesteins, tiefe Schluchten, über denen sich die schmale, teilweise eingebrochene Piste an den Berghängen entlang windet, Felsen, Steine in allen Farben und Formen. Der Jeep springt über Felsgestein, durch Furchen, Wasserlöcher, teilweise trockene, breite Flusstäler. Es ist fast ein Wunder, dass die Achsen nicht brechen. Spät nach Mitternacht erreichen wir Loralai. Alle sind geschafft, schmutzig, glauben ihre Knochen einzeln zählen zu können.

Es ist nur eine Katzenwäsche. Dann liegt jeder todmüde auf seinem Bett.

Am nächsten Morgen einkaufen, den Meeting-Bericht in normales Englisch übertragen, waschen, Haare waschen, gemütlich zusammensitzen und frühzeitig zu Bett gehen. Für den nächsten Morgen sind Besuche bei den leitenden Ärzten der verschiedenen Abteilungen des staatlichen Hospitals geplant. Überall ein sehr freundlicher Empfang und großes Interesse. Alle sind engagiert und voller Idealismus, aber die Einrichtung ist mehr als armselig.

Damit sind die Möglichkeiten der sehr gut ausgebildeten Ärzte zu ihrem Leidwesen sehr begrenzt.

Der Nachmittag vergeht mit Büroarbeiten, danach bügle ich und bringe meine Sachen wieder in Ordnung. Am nächsten Morgen werden notwendige Dinge für das Augen-Camp in Harnai gepackt: Generator, Lampen, mehrere Trommeln mit OP-Wäsche zum Sterilisieren, Medikamente usw. Dann sind wir wieder auf der „Straße" sprich Piste; Steinwüste mit vereinzelt stehenden Lehmhäusern oder kleinen Dörfern aus Reisighütten. Wir durchqueren breite, meist trockene Flusstäler, fahren durch eine bizarre Felsenlandschaft mit senkrechter, schräger oder planer Schichtung und verschiedener Färbung. Manchmal scheinen die hoch aufragenden Felsen den Weg zu versperren. Doch dann öffnet sich ein schmaler Spalt, in dem sich die Straße eng und kurvenreich, neben einem vom Wasser tief ausgewaschenen Canyon voller Felsgestein an den Felsenwänden entlang windet. In einem kleinen Basar an der Straße nach Santavi kaufen wir Chapatti, Obst und Gemüse für einen gemütlichen Lunch am Steilufer eines breiten Flusstales, wo wir ein kleines, schnell fließendes Rinnsal zum Waschen und als Kühlschrank benutzen können.

I feel well? No!!

Am Spätnachmittag erreichen wir das Civil Hospital in Harnai. Wir werden freundlich empfangen. Aber die Augenärzte sind nicht da. Erst am nächsten Morgen sind sie in Quetta erreichbar. Gegen Mittag treffen sie ein. Viel gearbeitet kann an diesem Tag aber nicht werden. Es ist Freitag und der Gesundheitsminister hat seinen Besuch angesagt. Überall wird gefegt, geputzt und gescheuert. Bewaffnetes Wachpersonal steht an allen Türen. Das Klinikpersonal trägt ein weißes Schild mit grüner Schleife. Dann ist „Er" da, ein kleiner Mann mit teilweise rot gefärbtem Bart. Der lange Flur füllt sich mit vielen Menschen. Lange Reden werden gehalten. Alle wesentlichen Leute bekommen ein großes Schild angesteckt mit grün und rot gefaltetem Rand und grüner Schleife, auch ich.

Weil man meinen Namen nicht weiß, steht „Augen-Camp" darauf. Der Chefarzt bietet mir seinen Platz auf einem der drei rot gepolsterten Sessel zur Rechten des Ministers an. Da sitze ich nun als Repräsentationsfigur, zigmal abgelichtet von den Pressephotographen. I feel well? No!!

Der Operationsbetrieb an zwei Tischen kann beginnen.

Dann kommt der Gang durch alle Räume. Immer wieder „Gruppenfotos", sogar in unserer Ambulanz mit Patient und Augenspiegel, den er nicht richtig zu halten weiß. Am Spätnachmittag bis weit in die Nacht, werden alle Kisten ausgepackt und der Operationsraum möglichst steril für den nächsten Tag hergerichtet. Mit vielen helfenden und geschickten Händen gelingt das Werk. Am nächsten Morgen beginnt die Arbeit. Ein Augenarzt, Dr. Aziz und ich arbeiten in der Ambulanz. Wir finden neben anderen Erkrankungen viele schon überreife Katarakte (Linsentrübungen), die dem Chirurgen vorgestellt und für die Operation vorbereitet werden. Ab Mittag ist die Zahl genügend groß. Der Operationsbetrieb an zwei Tischen kann beginnen. Mit einer kleinen Tee- und Essenspause wird bis in die späten Abendstunden operiert. Um Mitternacht liegen alle müde und „geschafft" auf ihren Matratzen oder Decken.

Mit richtigen Instrumenten könnte die Arbeit schneller gehen.

Am nächsten Tag morgens wieder Ambulanz bis in den frühen Nachmittag. Dann geht es mit Brillenbestimmungen weiter, bei denen ich wenig helfen kann. Der Operateur, Dr. Usman erlaubt mir, bei der Arbeit zuzusehen. Er arbeitet sehr sauber und sorgfältig, müht sich aber mit teilweise zu großen Instrumenten sehr vorsichtig ab. Mit richtigen Instrumenten könnte die Arbeit schneller gehen. Die Frauen bekommen ein Bett auf der Station, die Männer liegen auf einer Decke im Zelt. Die Familienangehörigen sitzen neben oder unter dem Bett. Nach 1-2 Tagen, wenn keine Komplikationen auftreten, werden sie entlassen und gehen an der Hand ihrer Angehörigen nach Hause.

Die Patienten strahlen vor Freude.

Am nächsten Tag die gleiche Arbeit, zwischendurch Visite auf den „Stationen". Die Patienten, besonders die Frauen, strahlen vor Freude, wenn man sich um sie kümmert. Brillenbestimmung bei Menschen, die weder lesen noch schreiben können und einen nicht verständlichen Dialekt sprechen: Fingertest oder das Einfädeln einer Nähnadel. Am Nachmittag helfe ich, die Patienten zur Operation vorzubereiten. Die alten Menschen sind zum Teil sehr ängstlich. Der nächste Tag vergeht in gleicher Weise. Viele Patienten konnten schon entlassen werden. Am dritten Tag ist am frühen Nachmittag alles geschafft.

Zufrieden mit dem Ergebnis.

 Wir haben in diesen drei Tagen 1.070 Patienten untersucht und behandelt. 52 Katarakte wurden operiert, neue Linsen eingesetzt, vier kleinere Kinder wurden zur Operation in die Kliniken Quetta oder Karachi überwiesen (Allgemeinnarkose).

Am Nachmittag werden wir von den Ärzten des Civil-Hospital zum Picknick eingeladen, das mit Verspätung stattfindet, weil bei einem der Jeeps die Frontscheibe gerissen war und sie erst repariert werden musste. Wir hatten Sorge wegen eines möglichen Unfalls. Aber nach einer längeren Zeit kamen alle gesund an. Mitten in der Steinwüste, unter schattigen Bäumen bei einer Quelle, waren Teppiche und Kissen ausgebreitet. Scharf gewürzte Fleischspeisen und Reis, Chapatti, Joghurt, Obst und Coca-Cola wurden serviert. Alle waren satt und zufrieden.


WDR Weltweit: Von Paderborn nach Pakistan
Dr. Hanne Glodny unterstützt Dr. Ruth Pfau

Dr. Ruth Pfau - Mutter der Leprakranken