Leprosenschau auf dem Mittelaltermarkt in Bourtange

Verschiedene Tests sollen die Lepraerkrankung bei der Leprosenschau nachweisen

Auf dem Mittelaltermarkt in Bourtange / NL führte die Mittelaltergruppe "Volk des heiligen Reiches" aus Wilhelmshaven erstmals eine Leprosenschau auf.


(Münster / Bourtange im Mai 2012) Beim „Volk des heiligen Reiches“ handelt es ich um eine Gruppe von mehr als zwanzig Personen aus zwei Generationen, die in ihrer Freizeit versuchen, sich an die Lebensumstände des Mittelalters so authentisch wie möglich anzunähern. Das fängt bei der Gewandung an, geht über das Kochen nach überlieferten Rezepten, der Verwendung von tönernem Geschirr und und endet mit dem Übernachten in Zelten nach mittelalterlichem Vorbild. Auf der Homepage (www.dasvolkdesheiligenreiches.de) des Volkes ist zu lesen: „Wir verstehen uns als Mittelaltergruppe „zum Anfassen, das heißt: Uns ist es wichtig, dass Besucher möglichst viel Einblick in das Leben in unserem Lager haben können…“

Dem Initiator der Gruppe, Christian Mehrens, ist die Authentizität dabei besonders wichtig: „Es soll schon nach echtem Mittelalter aussehen. Ein wenig authentisch muss es schon sein.“ Seine Freundin Mandy Weinert, die mit ihm zusammen die Gruppe gegründet hat, fügt hinzu: „Wir wollen nicht nur das Hochglanz Mittelalter zeigen, sondern auch die dunklen nicht so schönen Seiten wie die Pest oder Lepra. Dazu passt die Leprosenschau sehr gut.“

Vor drei Jahren wurde die Gruppe gegründet und zählt schon heute zu einer der größten Mittelaltergruppen in Norddeutschland. Fünf bis sechs Mal im Jahr wird ein 7,5-Tonner Lkw mit der Ausrüstung gepackt und für eine Woche oder ein verlängertes Wochenende das mittelalterliche Lager am Rande eines Mittelaltermarktes aufgeschlagen. Dort dient das Volk nicht nur als Kulisse, sondern sorgt mit kleinen Aufführungen für die mittelalterliche Atmosphäre und für die Kurzweil der Besucher. Kirchliche und weltliche Rechtssprechung gehören genauso zum Programm wie der „echte Ritterschlag“ durch einen leibhaftigen Herzog. Da dem Adel in Deutschland das Privileg des Ritterschlages nie entzogen worden ist, darf am Ende der Zeremonie der zum Ritter Geschlagene auch tatsächlich den Titel Ritter führen.

Miglieder der Mittelaltergruppe Volk des heiligen Reiches auf dem Mittelaltermarkt in Bourtange / NLIm letzten Jahr nahm Jens Rhinow vom „Volk des heiligen Reiches“ Kontakt zur DAHW auf, nachdem er sich schon längere Zeit in seiner Freizeit mit den meist an Lepra erkrankten Lazarusrittern beschäftigt hatte. Er hatte die Idee, mit seinem Hobby auch Gutes zu tun. Zusammen mit der DAHW wurde die Idee der Leprosenschau als weiteres Highlight im Programm der Mittelaltergruppe entwickelt. Schnell fanden sich weitere Mitglieder der Gruppe bereit, um daran mitzuwirken. Jens Rhinow, der in der Aufführung die Rolle des Lazarusritters spielt, äußert sich folgendermaßen über seine Motivation: „Wir als Mittelaltergruppe vom ’Volk des heiligen Reiches’ sind für eine gute Inszenierung immer zu haben. Schön, wenn sich unser Hobby dann noch mit einem guten Zweck verbinden lässt.“

Mittelaltermarkt in Bourtange / NLIn diesem Frühjahr wurde die Leprosenschau dann eifrig geprobt und am 14.04.2012 in der Festungsanlage Bourtange in den Niederlanden erstmals aufgeführt. Die Geschichte dieser Leprosenschau ist schnell erzählt: Auf einem Marktplatz treffen sich der Junge Salentin und die Magd Maria und kommen miteinander ins Gespräch. Dabei entdeckt die Magd am Hals des Jungen einen Leprafleck. Erschrocken weicht sie zurück und macht die Umstehenden, zu denen auch die Besucher des Marktes zählen, auf den Leprösen aufmerksam. Bevor Salentin, sich seiner Aussätzigkeit bewusst werdend, das Weite suchen kann, wird er von der herbeieilenden Stadtwache dingfest gemacht. Der herbeigerufene Medikus führt, unterstützt durch einen ebenfalls an Lepra erkrankten Lazarusritter, dann die Leprosenschau durch. Als erstes soll der Junge singen. Der nun vernehmbare krächzende schiefe Gesang des Jungen ist, nach damaliger Überzeugung, ein erstes Anzeichen für eine Lepraerkrankung. Zwei weitere Proben stehen jedoch noch aus. Als nächstes zückt der Medikus aus seinem beeindruckenden Behandlungsbesteck eine Zange. Überprüfung der Lepraerkrankung bei einer mittelalterlichen LeprosenschauDamit wird dem armen Salentin ein Haar aus der Augenbraue ausgerissen. Effektvoll wird das Haar ins Licht gehalten. Da es borstig wie ein Schweinehaar ist, sind die beiden Experten sich schnell einig: Für sie, gemäß der seinerzeit gültigen Definition, handelt es sich um ein eindeutiges Indiz für eine Lepraerkrankung. Zuletzt wird Salentin ein Fingernagel mit der Zange entfernt. (Hierbei handelt es sich natürlich um einen falschen Fingernagel, der vor der Aufführung auf die Unterseite des Fingers festgeklebt wurde.) Da der begutachtete Fingernagel deformiert ist, bestätigt sich für die beiden das Urteil. Alle drei Proben führen zu demselben Ergebnis: Der Junge Salentin hat Lepra und wird aus der Dorfgemeinschaft verstoßen. Er erhält ein Leprosengewand und eine Lepraklapper und wird vom Lazarusritter zum örtlichen Leprosenhaus begleitet, wo er fortan leben muss. Mehrfach ruft der Lazarusritter markerschütternd laut: „Unrein, unrein, unrein!“ und treibt die umstehenden Zuschauer auseinander.

Mittelalterliche Zangen für die medizinische BehandlungAuf die Frage, ob ihm die erschreckten Blicke der Zuschauer nicht unangenehm gewesen seien, äußert sich Bastian Eilers, der den an Lepra erkrankten Jungen Salentin spielt: „Die erschreckten Blicke der Zuschauer waren kein Problem. Das schiefe Singen zu Beginn der Leprosenschau fiel mir am schwersten.“

Noch während die Leprösen die Szenerie verlassen, beginnen drei andere Mitglieder des Volkes mit einer Sammeldose Spenden für die DAHW und die Leprakranken unserer Tage einzusammeln. Über eine Stunde sind sie unterwegs und vermitteln den Besuchern, dass die Lepra auch heute noch nicht besiegt ist. Abschließend meint Sascha Hein, der Medikus der Aufführung: „Wir sind mit der Premiere der Leprosenschau schon sehr zufrieden, an den Details wird jedoch noch weiter gefeilt. Das eine oder andere kann man bestimmt noch besser machen.“ Dabei wünscht das Team der DAHW „Viel Erfolg“! Macht weiter so!