Pakistan - Interview mit Dr. Tariq

Interview mit Dr. Tariq

Dr. Muhammad Tariq ist medizinischer Berater des DAHW-Partners MALC in Pakistan.

Wiederaufbau geht voran - DAHW unterstützt die Arbeit vor Ort


Ein halbes Jahr nach der verheerenden Flutkatastrophe ist das Wasser immer noch nicht überall abgeflossen. Einige Gebiete liegen tiefer als die Flüsse oder das Meer, hier wird es noch lange dauern, bis auch diese Senken ausgetrocknet sind.

Doch in den größten Teilen des Landes ist das Wasser zurückgegangen und hat eine große Zerstörung hinterlassen. Die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe unterstützt gemeinsam mit Caritas Österreich die Menschen in Pakistan beim Wiederaufbau. Partner vor Ort sind u. a. die Mitarbeiter des MALC (Marie Adelaide Leprosy Centre), das Team von Dr. Ruth Pfau, deren Einsatz für die Lepra- und Tuberkulosekranken seit vielen Jahren durch die DAHW mitgetragen wird.

Dr. Muhammad Tariq ist medizinischer Berater des MALC für die Region Khyber Pakhtunkhwa und koordiniert dort auch den Wiederaufbau. Er berichtet über Fortschritte, aber auch über Probleme bei der schwierigen Arbeit in der krisenreichen Region um die Provinzhauptstadt Peshawar.

Das folgende Gespräch mit Dr. Tariq führte Khalid Jan, MALC-Mitarbeiter im Norden Pakistans.

Wie ist die allgemeine Situation in den Dörfern, in denen MALC im Bereich des Wiederaufbaus und der Rehabilitation aktiv ist?
Die allgemeine Situation in den pakistanischen Dörfern war auch vor der Flut schon schwierig, aber die Katastrophe hat den Menschen das Leben zur Hölle gemacht. Dieses Jahr war der Winter besonders hart und viele Menschen mussten noch in Zelten leben. Daher haben wir auch warme Kleidung und Decken zur Verfügung gestellt.

Das Gute ist, dass die Wiederaufbauarbeiten gut vorangehen und viele der Betroffenen in wenigen Wochen ihr neues Zuhause beziehen können.

Wie sieht der Alltag aus? Wovon leben die Menschen?

Die meisten der betroffenen Menschen arbeiten als Tagelöhner. So haben sie zwar einige Wochen überhaupt kein Geld bekommen, aber viele von ihnen können inzwischen wieder arbeiten. Viele weitere haben ihre kleinen Geschäfte oder ihr Vieh in den Fluten verloren, standen vor den Trümmern ihrer Existenz.

Was die Landwirtschaft betrifft, so haben einzig die Zuckerrohrfelder die Flut überstanden. Das Wasser hat Weizen- und Maisfelder zerstört, beinahe überall ging die Ernte verloren. Auf die sind die Menschen jedoch angewiesen. Und so wurden sie aus ihrem Einkommenszyklus gerissen. Deshalb haben wir auch Saatgut und Dünger an die Bauern verteilt, damit sie ihre Felder – soweit möglich – wieder bestellen konnten. Mit der ersten Ernte rechnen wir frühestens im April.

Vor welchen Aufgaben steht MALC beim Wiederaufbau?
Ich gehe davon aus, dass fast 50 % des Wiederaufbaus bis Ende März / Anfang April erledigt sein wird. Für den Rest der Häuser hat der Winter die Arbeiten verlangsamt. Parallel helfen wir den Betroffenen mit Nutztieren (Schafe, Kühe, Büffel), und unterstützen sie bei einkommenschaffenden Maßnahmen wie z. B. kleinen Läden oder Ähnlichem.

Inwiefern hat der Winter das Leben der Dorfbewohner und den Wiederaufbau ihrer Häuser beeinträchtigt? Konnten sie sich vorbereiten und sind sie sicher über den Winter gekommen?
Es sieht so aus, als würde sogar die Natur auf den Menschen herumhacken, denn der Winter war dieses Jahr ungewöhnlich hart. In den Tälern hat es sehr früh angefangen zu schneien und es gibt noch immer Menschen, die in Zelten leben müssen. In einigen Regionen werden wir erst Ende März mit dem Wiederaufbau beginnen können.

Wir haben unser Bestes getan, um diesen Menschen wenigstens Zelte, Decken und warme Kleidung zur Verfügung zu stellen, wenn sie keine andere Hilfe erhalten haben. Meine Frau und ich sind auch zu vielen unserer Freunde gegangen, um gebrauchte Kleidung einzusammeln. Zu Hause haben wir sie gewaschen, gebügelt und verpackt. Das hat uns einige Tage und viel Mühe gekostet, aber es war eine dankbare Aufgabe.

Überall sonst sind wir zügig voran gekommen, so dass wenigstens dort die Familien bis Ende März / Anfang April ein festes Dach über dem Kopf bekommen werden.

Die Flut hat die Infrastruktur zerstört. Wie ist der Stand der Dinge bezüglich Straßen, Brücken und öffentlicher Gebäude wie Schulen oder Gesundheitsposten?
Die meisten Straßen sind zwar wieder befahrbar, aber in schlechtem Zustand. Feste Straßen werden bislang nur an wenigen Stellen gebaut. Die meisten Brücken sind nur provisorisch gebaut. Und nach wie vor gibt es viele Gebiete, die nur zu Fuß erreichbar sind. Wenn man sich die vergangenen Katastrophen so anschaut, kann man schwer sagen, wann öffentliche Gebäude wie Schulen oder Gesundheitsposten wieder aufgebaut werden.

Bislang ist alles, was gemacht wurde, von Hilfswerken erledigt worden, von Seiten der Regierung kam kaum etwas.


Wie ist die Gesundheitssituation in Bezug auf Tuberkulose und Lepra und andere Krankheiten?
In manchen Gebieten sind die Unterlagen über die Patienten verloren gegangen und einige Gesundheitseinrichtungen sind noch geschlossen, was die Versorgung der Lepra- und Tuberkulose-Patienten zusätzlich erschwert.

Auch andere ansteckende Krankheiten haben sich stark verbreitet. Das schmutzige, stehende Wasser begünstigt Malaria. Oft gibt es kein sauberes Trinkwasser, was besonders bei Kindern zu Durchfall führt. Zusätzlich sorgt das kalte Wetter für Entzündungen der Atemwege. Wir sehen auch sehr viele Hautinfektionen. Natürlich helfen wir auch diesen kranken Menschen.


Ist davon auszugehen, dass Menschen durch die Flutkatastrophe traumatisiert sind? Wie kann man solche Traumata in den Griff kriegen?

„Trauma“ scheint mir ein zu schwaches Wort zu sein, um dem mentalen Zustand der Menschen gerecht zu werden. Im nördlichen Teil des Landes haben sie in den letzten Jahren sehr viel mitgemacht: Erst das Erdbeben, dann der andauernde Krieg gegen den Terror, die Taliban und jetzt die Flut. Manchmal scheint den Menschen sogar ihr Leben gleichgültig geworden zu sein. Es ist einfach zu viel zu verarbeiten. Am meisten tun mir die Kinder leid. In was für einer Welt sie aufwachsen müssen!

Gibt es besondere Hilfsangebote für Frauen und Mädchen? Wie ist die Situation für Menschen mit Behinderungen?
Besonders schlimm ist die Situation für Frauen, die ihren Mann oder Vater in den Fluten verloren haben. Die konservative Haltung in bestimmten, von der Flut betroffenen Regionen, erlaubt es Frauen nicht, außer Haus zu arbeiten. Das Leben ist für sie besonders hart und sie sind abhängig von der Barmherzigkeit anderer.

Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen sind ebenfalls in einer sehr schwierigen Lage. Wir von MALC versuchen, sie ganz oben auf unsere Prioritätenliste zu setzen. In der Liste unserer Hilfsempfänger finden Sie viele Witwen, Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen. Die Regierung kümmert sich nicht besonders um sie.

Haben sich die Erwartungen der Menschen an die Politik verändert?
Es gibt eine generelle Missstimmung der Regierung gegenüber. Der Anteil der Regierung an der Nothilfe war sehr gering und die Tatsache, dass die Politiker völlig gleichgültig wirkten, war sehr verletzend. Die Menschen hatten ohnehin schon nicht viel erwartet, aber jetzt haben sie ganz besonders hart zu spüren bekommen, dass sie nicht erwarten können, dass jemand aus der Politik auf sie zugeht.

Ich glaube, die Erfahrung, die uns allen diese Katastrophe gebracht hat, ist wichtig für die Zukunftsfähigkeit der Menschen in diesem Land.

Jetzt wo die schlimmste Not überwunden ist, was wünschen sich die Menschen am meisten?
Zu ihren Hoffnungen ist schwer etwas zu sagen, aber eines haben sie gemeinsam. Sie wünschen sich Unterstützung, die ihnen hilft, wieder auf die Beine zu kommen. Deshalb leisten wir nachhaltige Hilfe zur Selbsthilfe.

Ich möchte dieses Interview nicht beenden, ohne Danke zu sagen:

Jeden Tag haben wir Schicksale gesehen und gehört, die einem das Herz zerrissen haben. Es gab Zeiten, in denen auch ich kurz davor war, zusammenzubrechen.
Ich danke meiner Frau, die nicht nur an meiner Seite war, sondern praktisch täglich unterwegs war, um ebenfalls zu helfen.

Und ich glaube, keine Worte können unseren Dank an Engel wie die Spender in Deutschland und die Mitarbeiter der DAHW zum Ausdruck bringen, die Tausende Meilen weit weg sind und unseren Herzen dennoch so nah.

Gott segne Sie alle!

Dr. Muhammad Tariq


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