"So schön und so schlimm zugleich"

Pflanzung eines Baumes zum Anstieg des Grundwasserspiegels

Ein Baum für Bisidimos Zukunft: Damit der Grundwasserspiegel wieder steigt, werden viele neue Bäume gepflanzt. Lehrer Raimund Folger packt hier mit an. Foto: Tobias Stößel / DAHW

Eine Schülergruppe und ihr Lehrer, Studiendirektor Raimund Folger, des Johann-Schöner-Gymnasiums (JSG) Karlstadt haben die Projekte der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe in Bisidimo/Äthiopien besucht. Für diese Arbeit hatten sie mit ihrer Aktion "Keep on Rolling" mit mehr als 2.000 Teilnehmern wenige Tage vor ihrer Abfahrt rund 40.000 Euro gesammelt - sehr viel Geld, das hier aber gut angelegt ist, wie sie selbst feststellen konnten.


(Würzburg, 30. Juli 2013). „Es ist ein wunderschönes Land, aber dass es so schlimm sein würde, hätten wir nicht gedacht“, so der Tenor von sechs jungen Menschen, die sich für ihre Abiturfahrt weder Balaton oder Ballermann noch die fast obligatorische Toskana ausgesucht hatten. Sie sind nach Bisidimo gereist, mehr als 500 km entfernt von der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Eine trockene Gegend und eine der ärmsten weltweit, mitten im Hochland Äthiopiens, kaum 80 km vor der Grenze Somalias.

Vorbereitet hatten sie sich schon lange: mit Maria Hisch, Bildungsreferentin der DAHW. Selbst viele Jahre als Entwicklungshelferin in einigen afrikanischen Ländern, besucht sie viele Schulen überwiegend in Mainfranken und ergänzt Unterrichtseinheiten zum Thema Entwicklungspolitik, aber auch zum Thema Lepra - dies besonders gefragt im Religionsunterricht. Im JSG Karlstadt kennt sie fast jeden Lehrer und Schüler, als Partnerschule der Bisidimo Highschool stehen ihre Themen hier oft auf dem Stundenplan.

Schülergruppe mit Lehrer und DAHW-Referentin in Äthiopien

Besuchergruppe von links: DAHW-Referentin Maria Hisch, Jonas Amrhein, Moritz Lübke, Georg Kordowich, Emma Schüpfer, Julia Schneider, Lukas Teske, Lehrer Raimund Folger. Foto: Tobias Stößel / DAHW

Für die Reise nach Bisidimo hat sie die sechs Schüler gezielt vorbereitet, trotzdem sind diese jetzt nach ihrer Rückkehr überwältigt von den vielen Eindrücken - positiven wie negativen: „Wir sind ja von großer Armut ausgegangen, aber das, was wir dort sehen mussten, war sehr erschreckend.“ Doch sie ziehen selbst daraus Positives, denn sie denken nun anders über Armut, Glück und Zufriedenheit: „Man kann auch mit wenig glücklich sein“, beschreiben sie das, was ihnen selbst widerfahren ist: „Die Menschen sind so arm, aber so viel freundlicher als in Deutschland.

Slum in Addis Abeba

Die Hauptstraße durch ein Slumgebiet in der Hauptstadt Addis Abeba. Noch der bessere Teil, trotzdem ein Schock für die Schüler. Foto: Tobias Stößel / DAHW

Einer drückt seinen ganz persönlichen Lerneffekt aus: „Ich habe vielen Dingen bislang eine zu geringe Wertschätzung zukommen lassen, das will ich nun ändern. Man lernt in dieser Armut, auch die kleinen Dinge so schätzen und Glück nicht nur an materiellen Maßstäben zu messen.“ Vier aus der Sechser-Gruppe wollen sich nun bei „Weltwärts“ anmelden, dem Austauschprogramm für ein freiwilliges soziales Jahr in Entwicklungsländern.

Den größten Eindruck haben aber die Menschen in Bisidimo hinterlassen, einer davon ist der DAHW-Repräsentant Ahmed Mohammed: „Er macht mit seinem Team eine tolle Arbeit, alles wird aufgelistet und kontrolliert, jeden Cent von den Spenden, den er ausgibt, kann man nachvollziehen.“ Unterwegs mit Leprahelfern und Sozialarbeitern der DAHW konnten die Schüler aus Deutschland sehen, wofür ihre Spenden verwendet werden.

Schüler aus Karlstadt beim Hausbau für eine ehemalige Lepra-Patientin in Bisidimo

Tatkräftig unterstützen die Schüler die Maurer beim Hausbau. Foto: Tobias Stößel / DAHW

Sie haben dabei mit einem Lepra-Patienten gesprochen, bei dem die Krankheit schon deutlich zu sehen ist. Sie haben Bäume gepflanzt und mitgeholfen beim Bau eines Hauses für eine ältere Frau, die an den Folgen ihrer früheren Lepra-Erkrankung leidet. Diese hat zum Dank und aus Freude über diese unerwartete Hilfe einen der Jungs aus Deutschland in den Arm genommen und ihm einen Kuss gegeben: „Das werde ich niemals vergessen, diese Dankbarkeit, die mir diese Frau damit ausgedrückt hat.“ Aber danach auch der erschreckendste Moment: Ein fünf Jahre altes Kind, das - völlig unterernährt - weniger als vier Kilo wog.

La Ola auf dem Sportplatz in Bisidimo

La Ola auf dem Sportplatz in Bisidimo. Foto: Tobias Stößel / DAHW

Nun müssen die Schüler das Erlebte zunächst einordnen und verarbeiten, aber dass es sie „gepackt“ hat, dass sie fasziniert sind von dem einfachen Leben in Afrika, ist ihnen deutlich anzumerken. Und dass sie mehr darüber nachdenken, wie wir hier in Deutschland leben, dass unser Luxus nicht so selbstverständlich ist, wie er Vielen erscheint.

Schüler des Johann-Schöner-Gymnasiums Karlstadt

Erschöpft, beeindruckt und glücklich über die gemachten Erfahrungen erzählen sechs Schüler und ihr Lehrer zu Hause in Karlstadt von Bisidimo. Foto: Tobias Stößel / DAHW

„Am schlimmsten ist wohl, dass so viel gute Arbeit letztlich doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist“, resümiert Lehrer Raimund Folger: „Solange diese Länder in Korruption versinken, wird es den Menschen kaum spürbar besser gehen.“ Trotzdem waren sich alle einig, dass die Arbeit weitergehen muss, denn mit genügend Tropfen kühlt auch der heißeste Stein irgendwann ab. Ein großer Tropfen waren die Einnahmen von „Keep on Rolling“ und das Engagement der Schüler für die Menschen in Bisidimo auf jeden Fall.


Weitere Informationen

Gymnasiasten engagieren sich in Äthiopien
Bericht und Audio-Beitrag vom Bayerischen Rundfunk

Keep on Rolling 2013 - Sponsorenlauf in Karlstadt
Bericht in Wort und Bild