Spurensuche in der Leprakolonie

Reinaldo Bechler - Vortrag

Der Medizinhistoriker Reinaldo Bechler hat seine Forschungsergebnisse in einem interessanten Vortrag mit Unterstützung der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) vorgestellt.

Medizinhistoriker suchte seinen Großvater in der Leprakolonie


Jahrelang glaubte der Historiker Reinaldo Bechler, sein Großvater sei gestorben. Dass dieser in einer Leprakolonie lebte, entdeckte er nur durch einen Zufall. Grund genug für den jungen Brasilianer, das Thema in den Mittelpunkt seiner Dissertation als Medizinhistoriker zu stellen.

Die zwangsweise Einlieferung in die entlegenen Leprakolonien war in Brasilien zu Zeiten der Militärdiktatur üblich – für ihre Umwelt waren die meisten Patienten damit „gestorben“. So dachte auch der junge Reinaldo Bechler, sein Großvater sei tot. Erst viele Jahre später erfuhr er, dass sein Großvater als Leprapatient in eine entfernte Kolonie deportiert worden war.

Der Medizinhistoriker hat seine Forschungsergebnisse jetzt in Würzburg der Öffentlichkeit präsentiert – in einem interessanten Vortrag mit Unterstützung der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW).

Als Geschichts-Student forschte Bechler in den Archiven der Kolonie, von der er glaubte, dass dort sein Großvater gelebt hat. Ein Problem fand er dabei heraus: Die Patienten hatten bei der Zwangseinweisung neue Namen bekommen – so sollten die Kontakte zu den Familien endgültig abgebrochen werden.

Reinaldo Bechler und Gudrun Freifrau von Wiedersperg Präsidentin der DAHW

Reinaldo Bechler im Gespräch mit Gudrun Freifrau von Wiedersperg
Ehrenamtliche Präsidentin der DAHW.

Dabei ließ die Regierung nichts unversucht, um den Deportierten das Leben in der Kolonie „schmackhaft“ zu machen: Die Kolonien waren vollständig autark, um jeglichen Kontakt mit der Außenwelt – der Welt der „Gesunden“ – unnötig zu machen.

Die Colonia Santa Isabel, in der Bechler die Spuren seines Großvaters gefunden hat, ist eine von zahlreichen Leprakolonien Brasiliens, in denen auch heute noch viele der damals zwangsweise deportierten Menschen leben. Viele Bewohner wissen nicht, wohin sie sonst gehen sollten, andere haben sich und ihr Leben einfach dort eingerichtet.

Dass sein Großvater weit entfernt von seiner Familie in dieser Kolonie gelebt hat, ist inzwischen sicher – Belege dafür hat Bechler bei seinen Forschungen gefunden. Seinen Wunschtraum allerdings hat er sich noch nicht erfüllen können: ein Foto seines Großvaters. Nicht ein einziges Bild konnte der Historiker zweifelsfrei seinem Großvater zuordnen, nicht einmal aus der Patientenkartei. Die Spuren der Patienten wurden durch die neuen Namen bei der Einweisung vollständig ausgelöscht.

Der Medizinhistoriker arbeitet derzeit an der Würzburger Universität an seiner Dissertation, sein Thema ist die Geschichte der Leprakolonien in seiner Heimat Brasilien. Der Kontakt zur DAHW war jedoch ein Zufall, der sich aus der räumlichen Nähe in Würzburg ergeben hat.

Die menschenunwürdigen Deportationen werden heute in Brasilien zwar nicht mehr durchgeführt, aber die Ächtung der Krankheit und der Erkrankten ist bei vielen Menschen immer noch üblich. Das gilt zwar für viele Länder, doch in Brasilien ist Lepra mit über 40.000 Neuerkrankungen pro Jahr besonders präsent.


Reinaldo Bechler, geboren 1979 in Belo Horizonte, hat Geschichte studiert und promoviert derzeit an der Würzburger Universität. Das Thema seiner Doktorarbeit, „Leprabekämpfung und Zwangsisolierung im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert“, ist stark geprägt von den Erfahrungen seiner eigenen Familie.