
DAHW lässt die Menschen in Nigeria nicht im Stich
Nur spärlich bekleidet kommen drei Mitarbeiter der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) am späten Abend im Krankenhaus von Abeokuta an – zu Fuß, obwohl sie mehr als 400 km Reise hinter sich haben. Gestartet waren sie vom DAHW-Büro in Enugu mit einem Auto. Der ältere Geländewagen ist bei den Straßenverhältnissen im Land das sinnvollste Verkehrsmittel für längere Strecken.
Fidelis Adebayo läuft zum Tor, um die Kollegen zu begrüßen. Der Sozialarbeiter der DAHW in Abeokuta ahnt schon, was passiert war: Kurz vor dem Ziel wurde das Fahrzeug von einer bewaffneten Bande gestoppt und ausgeraubt. Jeder Mitarbeiter der DAHW in Nigeria hat gelernt, wie man sich in solch einem Fall verhalten muss: langsam die Hände heben, den Anweisungen der Räuber folgen und höflich anbieten, sie sollten alles nehmen, was sie wollen.
In diesem Fall wollten die Räuber wirklich alles: Fahrzeug, Geld, Uhren, Reisetaschen und sogar einige der Kleider und die Schuhe ihrer Opfer. Aber das Wichtigste konnten die DAHW-Mitarbeiter retten: ihr eigenes Leben. „Das ist so eine Art Ehrenkodex der Räuber, wenn das Opfer nicht den Helden spielt“, sagt Fidelis und fügt später hinzu: „Nigeria wirst Du niemals begreifen können!“
Warum es hier so viele schwer bewaffnete Banden gibt, ist im Land selbst kein Geheimnis: Die modernen Schnellfeuergewehre bekommen die Gangster von ihren Auftraggebern. Sie werden von Unternehmen oder reichen Privatleuten engagiert und ausgerüstet, um diese zu beschützen, manchmal müssen sie damit auch deren Gegner einschüchtern.
Brauchen die Auftraggeber aus irgendwelchen Gründen diese „Schutzdienste“ nicht mehr, werden sie einfach entlassen. Die Waffen dürfen sie behalten, quasi als „Existenzgründungshilfe“, das Geschäft ihrer neuen „Ich-AG“ wird auf die Kernkompetenzen reduziert: Raub, Erpressung und Einschüchterung – eben das, was sie bislang auch gemacht haben, nur notgedrungen auf eigenes Risiko. Die Verursacher dieser Misere kümmern sich um diese Probleme nicht mehr, und fast jeder in Nigeria kann Opfer dieser Banden werden – Hilfsorganisationen genauso wie staatliche Institutionen.
Fidelis zuckt mit den Schultern, eine Lösung hat er auch nicht: „Wir versuchen, nur tagsüber unterwegs zu sein, dann ist die Gefahr nicht so groß.“ Die Alternative wäre, gar nicht mehr durch das Land in die vielen, kleinen Orte abseits der großen Metropolen zu fahren. Aber das kommt für den DAHW-Mitarbeiter nicht in Frage: „Wer kümmert sich dann noch um die Menschen, die an Lepra oder Tuberkulose erkrankt sind und Hilfe benötigen? Viele von ihnen haben keine Möglichkeit, bis zur nächsten großen Stadt zu einem Krankenhaus zu fahren.“
Im bevölkerungsreichsten Land Afrikas wird jedes Jahr bei fast 5.000 Menschen eine Lepra-Erkrankung diagnostiziert, die Dunkelziffer der nicht entdeckten Fälle dürfte weitaus höher liegen. Mehr als 500.000 Menschen erkranken jedes Jahr neu an Tuberkulose, jeder zehnte davon sogar in Kombination mit HIV/Aids. Fast alle dieser Patienten gehören zu den Ärmsten, wohnen entweder in Dörfern ohne Infrastruktur oder ausreichende Versorgung oder in den Slums der großen Städte, wo sich manchmal mehr als zehn Menschen ein Zimmer teilen müssen. „Das sind mehr als 500.000 gute Gründe für mich und meine Kollegen, nicht vor der Gewalt auf unseren Straßen zu kapitulieren“, meint Fidelis, als er sich auf sein altes Motorrad setzt, um einige seiner Patienten zu besuchen – die Menschen, die er auch weiterhin nicht allein lassen will.