Dr. Chris Schmotzer - Mein Leben in Pakistan

Dr. Chris Schmotzer in Pakistan

Eigentlich war es ein Zufall, dass Dr. Chris Schmotzer mit den Christusträger-Schwestern zusammentraf. Eine Begegnung, die ihr Leben in neue Bahnen lenken sollte: Kurz vor ihrem 21. Geburtstag tauscht sie den Traum von einer wissenschaftlichen Karriere und tritt in die Gemeinschaft der Christusträger-Schwestern ein.


(Rawalpindi / Würzburg, Mai 2015) Die Entscheidung führte sie nach Nordpakistan: Und wie heute ihr Alltag dort in der Stadt Rawalpindi aussieht, was sie glücklich macht und was ihr Sorge bereitet, welche Hoffnungen sie hegt und welchen Herausforderungen sie gegenübersteht, erzählt Dr. Chris im nachfolgenden Interview.

Dr. Chris, Sie gehören seit 1976 dem Orden der Christusträger-Schwestern an. Würden Sie diesen Schritt wieder tun?

Für mich war es eine Entscheidung, die ich nie bereut habe. Einige Monate vor dem Abitur spielte ich sogar mit dem Gedanken, aus der Kirche auszutreten, weil ich mich heuchlerisch fand. Durch Zufall geriet ich aber in eine große christliche Jugendveranstaltung. Im Laufe dieser Tage erlebte ich eine tiefe Zuwendung zum Glauben, d.h. ich entschied mich dafür, bewusst als Christ zu leben.

Dr. Chris Schmotzer mit einem LeprapatientenDr. Chris Schmotzer mit einem Leprapatienten. Foto: Bernd Hartung

Und wie kamen Sie nach Rawalpindi?

Während der ersten Jahre bei den Christusträger-Schwestern schloss ich mein Medizinstudium ab und machte meine Facharztausbildung in Gynäkologie/Geburtshilfe. Während dieser Zeit wurde mir auch klar, dass ich ins Ausland gehen wollte. Am Tag nach meiner Facharztprüfung fragte mich eine unserer Schwestern aus Rawalpindi/Pakistan, ob ich mir vorstellen könnte nach Pakistan zu kommen, da sie gern die Leprabehandlung speziell für die Frauen verbessern wollten. Es war ein schnelles Ja. Nach einem Leprakurs in Äthiopien kam ich im Frühjahr 1988 in Pakistan an.

Inwieweit erleichtert Ihre Ordenszugehörigkeit Ihre Arbeit?

Für mich ist unsere Gemeinschaft „der sichere Hafen“, ohne den Rückhalt und das „Zuhause-Sein“ bei den Schwestern könnte ich mir meine vielfältige Tätigkeit nicht vorstellen.

Dr. Chris Schmotzer bei einer OPTäglich werden OPs durchgeführt. Foto: Bernd Hartung / DAHW

Sie sind unermüdlich im Einsatz für Ihre Patienten. Wie sieht Ihr Arbeitstag aus?

Ich bin gern Ärztin, meine beruflichen Aufgaben machen mir im Großen und Ganzen viel Freude und ich möchte mit niemand tauschen. Wenn ich in Rawalpindi bin, beginne ich meinen Tag mit Joggen. Nach dem gemeinsamen Frühstück haben wir Schwestern eine Andacht und dann geht es an die Arbeit. Zuerst bespreche ich mit den Mitarbeitern die Tagesaufgaben. Dann folgen die Visite auf Station, kleinere Eingriffe im OP , Untersuchungen in der Ambulanz, Besprechungen, Telefonate, E-Mails und Briefe sowie Besucherempfang. Jeder Tag ist anders und kunterbunt, was mir gut gefällt. Zum Mittagessen sind wir Schwestern wieder zusammen, danach geht es meist nochmals bis zum Abend in die Ambulanz und die Verwaltung und nach dem Abendessen arbeite ich oft noch am Computer. Nach unserer Abendandacht sehen wir uns die Nachrichten im Fernsehen an.

Aber ich bin auch viel unterwegs zu unseren Mitarbeitern in den dörflichen Behandlungsstationen, zu Leprakursen für Ärzte oder Besprechungen mit Regierungsstellen. In jeder ersten Woche des Monats bin ich im Lepra-hospital Balakot. Das ist für mich ein „Ausgleich“ zur Arbeit im großen Krankenhaus in Rawalpindi. Das Reisen ist bei uns oft mühsam, aber ich bin gern unterwegs, weil man den Menschen nahe kommt. Wir Schwestern haben auch viele in- und ausländische Freunde, werden oft eingeladen, um Hilfe gebeten, beschenkt, es ist ein aktives Leben in Fülle.

Dr. Chris Schmotzer mit ihren Kolleginnen in PakistanBesprechung der Aufgaben für den Tag. Foto: DAHW

Was bereitet Ihnen Sorge? Was macht Ihnen Hoffnung? Was macht Sie glücklich? Gibt es Dinge, die Sie wütend machen?

Schwer fällt es mir, wenn Mitarbeiter schlecht arbeiten oder unehrlich sind. Da kann ich wütend werden. Außerdem bin ich nicht immer sehr geduldig, was in der dortigen Kultur eine Reibungsfläche bietet.

Medizinisch gibt es in Pakistan viele Herausforderungen, z.B. die hohe Zahl an Tuberkulosepatienten, die rasante Zunahme der Zuckerkrankheit oder die schlechte medizinische Grundversorgung der Bevölkerung. Es ist eine kontinuierliche Gratwanderung, dem Patienten die jeweils bestmögliche Behandlung zu geben.

Glücklich bin ich, wenn es schwerkranken Patienten unerwartet besser geht, wenn Angehörige sich engagiert um ihre Patienten kümmern und bereit sind zu lernen, wenn eine der vielen bürokratischen Hürden überraschend überwunden werden kann, wenn es einfach „rund“ läuft.

Mühe macht mir, dass viele Einheimische selbst wenig Hoffnung für ihr Land haben. Wer etwas kann und gut in seinem Fach ist, strebt ins Ausland, ob Arzt, Ingenieur oder Banker. Das hinterlässt große Lücken. Andererseits beeindruckt mich die Vitalität der Menschen, oft solche, die es nicht leicht haben. Ich bin fast beschämt, wie selbstverständlich sie mit den vielen täglichen Schwierigkeiten, z.B. den stundenlangen Stromsperren oder der Gasknappheit umgehen und Lösungen finden. Auch die Höflichkeit und Gastfreundschaft sind sehr positive Züge.

Dr. Chris Schmotzer bei der Visite mit TB-PatientinnenVisite bei TB-Patienten. Foto: Bernd Hartung / DAHW

Als Beraterin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Ihre Expertise gefragt. Wo sehen Sie Chancen? Was muss passieren, damit sich die Lage bessert?

Seit 1999 bin ich Beraterin der WHO für Lepra in Pakistan. Es ist sehr bereichernd, wenn man „über den eigenen Tellerrand schaut“ und Ideen und Denkanstöße bekommt. Die Aufgabe beinhaltet unter anderem, dass ich mich um die Beschaffung und Verteilung der Lepramedizin in Pakistan kümmere.

Es ist mir ein großes Anliegen, dass jederzeit genügend Vorräte in allen Leprakliniken vorhanden sind, damit jeder neue Patient sofort behandelt werden kann. Wertvoll sind die „Verbesserungsideen“, die ich von Tagungen mit nach Hause bringe, die wir dann auch umsetzen. Dank der internationalen Kontakte mit Experten sind wir medizinisch auf dem neuesten Stand, das kommt unseren Patienten zugute.

Man hört oft von gewalttätigen Übergriffen in Pakistan.

Unser Land hat ja leider einen schlechten Ruf, es gibt Terroranschläge, immer wieder politische Unruhen, Benachteiligung von Frauen und Übergriffe auf Minderheiten ..., die Negativliste ist lang. Das tut mir oft leid, denn wie überall leidet die „normale Bevölkerung“ am meisten unter der Situation.

Ein einschneidendes Ereignis für das Land war der letzte große Anschlag auf eine Schule in Peshawar im Dezember 2014 mit unglaublich vielen getöteten Kindern. Regierung und Militär bekämpfen den Terrorismus, aber es ist ein langer, schwerer Weg.

Praktischer Unterricht durch Dr. Chris SchmotzerDr. Schmotzer gibt ihr Wissen innerhalb des praktischen Unterrichtes weiter. Foto: DAHW

Ergeben sich Probleme für Ihre Arbeit im Hospital? Wie erleben Sie diese Gewalt, wie gehen Sie damit um?

In unseren Einrichtungen hat es noch nie einen Anschlag gegeben, dafür sind wir von Herzen dankbar.

Wir Schwestern haben noch nie das Land wegen einer Krisensituation verlassen, das wird von den Menschen sehr geschätzt: „Ihr gehört zu uns“, sagen sie. Wir beten täglich um Schutz und Bewahrung, nicht nur für uns, sondern für alle, mit denen wir zu tun haben.

Welche Wünsche hegen Sie – für sich persönlich, für Ihre Patienten und für Ihre Arbeit?

Ich fühle mich am richtigen Platz in Pakistan – und es ist die richtige Aufgabe. Als größte Herausforderung empfinde ich, jeden Tag die richtigen Prioritäten zu setzen. Wer oder was ist heute das Wichtigste? Wer oder was braucht heute meine besondere Beachtung?

Meine Wünsche für die Patienten sind natürlich, dass sie schnell und ohne Komplikationen oder Spätfolgen gesund werden. Für mich persönlich wünsche ich, dass ich weiterhin die Kraft und Gesundheit habe, in Pakistan tätig sein zu können.

Meine Wünsche für die Arbeit gehen in Richtung Zukunft. Ich wünsche mir bessere diagnostische Möglichkeiten für Lepra, schnellere und einfachere Tests für Tuberkulose und bessere, nebenwirkungsärmere Medikamente. Und unserem Gastland Pakistan wünsche ich mehr inneren Frieden, damit die Menschen in Sicherheit leben können.

Liebe Dr. Chris, wir danken Ihnen für dieses Interview.