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Der 11. September war ein Tag wie viele Tage der vergangenen Wochen...
Fünf neue TB-Patienten werden in den Kliniken aufgenommen und beginnen ihre Behandlung. Gleichzeitig können wir drei Frauen als geheilt entlassen. Bei den Lagerschuppen werden die Rationen für die nächste Lebensmittelverteilung vorbereitet und in der Werkstatt wird einmal mehr eine Unterwasserpumpe repariert, damit die Wasserversorgung eines Krankenhauses wieder funktioniert. Die zunehmende Beobachtung durch den Geheimdienst und die Religionspolizei belastet. Aber wir sind froh und dankbar, dass wir heute wieder unbehelligt unserer Arbeit nachgehen können. Wie es morgen sein wird, wissen wir nicht. Alle westlichen Hilfsorganisationen kommen zunehmend unter Druck. Der Argwohn der regierenden Taliban ist groß.
Um 17.30 Ortszeit hören wir zum ersten mal in BBC vom Geschehen in New York. Die Meldungen überstürzen sich. Bald wird Afghanistan und seine "Gäste" mit den Attentaten in Verbindung gebracht. Später kommen die Drohungen des US Präsidenten, mit schnellen Vergeltungsschlägen die Urheber der Terroranschläge zu bestrafen. Wir erinnern uns natürlich noch sehr gut an die Cruise Missiles, die vor zwei oder drei Jahren nach Afghanistan geschickt wurden, damals als Vergeltung für die Anschläge auf die US-Botschaften in Ostafrika. Und dass damals UN Leute in Kabul von Extremisten angegriffen wurden – ein Italiener kam dabei ums Leben. Bei einer erneuten militärischen Aktion der USA bestünde nicht nur direkte Gefahr, sondern alle westlichen Ausländer würden Zielscheibe der Fundamentalisten werden. Wir sind uns einig, dass wir unter diesen Umständen nicht mehr länger im Land bleiben können. Am Mittwochmorgen, den 12. September, versammeln sich die Deutschen in der Botschaft. Aus Islamabad ist ein Konsularbeamter wegen den "Shelter Now“-Mitarbeitern in Kabul. Er gibt die dringende Aufforderung des Auswärtigen Amtes in Berlin weiter, dass alle Deutschen das Land sofort, sofort verlassen sollen. Das heißt, noch am selben Tag. Wir klären die Transportmöglichkeiten: Bruder Schorsch und ich verlassen noch am selben Tag gegen elf Uhr Kabul, Bruder Gerolf und Bruder Jacques werden am nächsten Tag folgen. Sie können noch unsere Mitarbeiter informieren und die Arbeit während unserer Abwesenheit organisieren, so dass die Projekte weiterlaufen können. Am Montag, den 17. September, sind wir alle via Pakistan in Deutschland angekommen.
Nach 30 Jahren ununterbrochenem Dienst in Afghanistan stellt unser Rückzug aus Afghanistan natürlich eine Zäsur dar. Auf der einen Seite sind wir froh, dass wir unmittelbar vor unserer Ausreise unser Lager noch mit Medikamenten und Lebensmitteln für unsere Patienten gefüllt hatten.
Wir hoffen, dass die Behörden unsere Mitarbeiter arbeiten lassen und es zu keinen Plünderungen kommt. Es bleibt uns nichts anderes übrig als abzuwarten und die Entwicklungen zu beobachten. Über die Zukunft unserer Arbeit lässt sich im Moment gar nichts sagen. Viele Leute haben nach unserem Ergehen gefragt und wie man damit umgeht, plötzlich ein Lebenswerk loslassen zu müssen. Aber ich denke nicht so sehr an das, was wir aufgeben mussten. Ich denke an die Tausenden von Menschen, Bedürftigen, denen wir über all die Jahre helfen konnten und bin dankbar. Einen Dank, den ich gerne auch an Sie weiterleiten möchte.
Endlich klingelt das Telefon. Kabul meldet sich. Alles geht gut, die Patienten werden in den Kliniken versorgt und die Bedürftigen bekommen ihr Mehl. Erleichterung bis zum nächsten Anruf und ein: Gott sei Dank.
Ihr Bruder Reto.
Bruder Gerolf (4.v.re.) mit seinem Team bei Aufbauarbeiten in Kabul.
So sieht Kabul aus - das sind nicht die Auswirkungen von US-Angriffen, sondern von 20 Jahren Bürgerkrieg im eigenen Land
Die Christusträger sind wieder in Kabul
Bruder Reto hat in unserem letzten Brief von der Ausreise der vier Mitarbeiter des "German Medical Service“ berichtet. Mit Spannung und Sorge haben sie die Entwicklung dort mitverfolgt – so bald wie möglich wollten sie wieder zurück. Inzwischen sind sie nach Kabul zurückgekehrt und waren froh, ihre Mitarbeiter wohlbehalten anzutreffen. Dank des mutigen Einsatzes dieser Mitarbeiter war auch das Lager mit Medikamenten und Lebensmitteln nicht ausgeraubt worden.






