Bisidimo in Äthiopien

Aethiopien - Bisidimo: Fatumah gehoert zu den ersten Leprapatientinnen des Landes

Projekt der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW)


Women Self Help Group von Gende Kore

Geschichte
Bisidimo, so heißt eine kleine Ortschaft in Äthiopien, rund 20 km östlich der Stadt Harar gelegen und etwa 550 km von der Hauptstadt Addis Abeba entfernt.

Bisidimo ist kein normal gewachsenes Dorf. Es entstand aus einem Entwicklungshilfeprojekt, das im Jahr 1957 begonnen wurde und ist das allererste Projekt der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe die im Jahr 2007 auf 50 Jahre ihres Bestehens zurückblickt (gegründet 1957 als Deutsches Aussätzigen-Hilfswerk).

Bisidimo, in der Übersetzung bedeutet der Name "“Roter Fluss“, entstand aus einer Siedlung von ausgegrenzten Leprakranken, die fern der übrigen Ortschaften, in der Nähe eines Flusses leben mussten. Den Gesunden sollte damals der Anblick der Aussätzigen möglichst erspart bleiben.

Heute ist Bisidimo nicht nur ein funktionierendes Allgemeinkrankenhaus mit – nach Jahrzehnten nur für die Lepra – nun zusätzlichen Behandlungsschwerpunkten wie Tuberkulose, Aids, Malaria und anderen Krankheiten. Es gibt inzwischen auch eine Zahnstation, eine dermatologische Abteilung, eine angegliederte Farm, Werkstätten und ein Berufstrainingszentrum, alles zusammengefasst unter dem Namen: Leprosy Relief Center Bisidimo.

Um Bisidimo herum siedelten sich im Laufe der Jahre eine Reihe von Leprapatienten mit ihren Familien an, es entstanden die Siedlungen Gende Kore und Kuffa Kassa.

Gende Kore ist die zweitgrößte Siedlung in Äthiopien, die aus einer Leprakolonie hervorgegangen ist. Dort leben ehemalige Leprapatienten, Behinderte und Gesunde gemeinsam. Gende Kore liegt in einem fruchtbaren Flusstal, aber ohne Regen zur rechten Zeit. Für eine erfolgreiche Landwirtschaft ist dringend Bewässerung notwendig.

Frauen-Selbsthilfegruppe von Gende Kore

Die Fatumah in der Frauen-Selbsthilfegruppe von Gende Kore. Foto: DAHW / Thomas Einberger

Die Frauen-Selbsthilfegruppe von Gende Kore - von der Bettlerin zum Genossenschaftsmitglied durch Mikrokredit
Fatumah ist eine Bäuerin, die zu den ersten Leprapatienten von Bisidimo gehört. Sie lebt heute in Gende Kore, in unmittelbarer Nähe des Leprosy Relief Centre Bisidimo.

Infolge ihrer Lepraerkrankung, die erst in einem fortgeschrittenen Stadium behandelt werden konnte, ist Fatumah an Händen und Füßen behindert. Trotzdem hat sie heute eine Arbeit und kann für ihr Leben sorgen. Möglich wurde das durch ein Mikrokreditprojekt der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe in Bisidimo.

Das Projekt
Fatumah gehört der Frauen-Selbsthilfegruppe ehemaliger Leprapatientinnen in Gende Kore an. Fatumah ist um die 50 Jahre alt und wie die meisten Frauen in der Gruppe ohne Schulbildung.

Unter Anleitung von Mitarbeitern aus Bisidimo begann ein langer Prozess, in dem aus Fatumah und mehr als 30 anderen armen Landfrauen ohne eigenes Einkommen eine erfolgreich wirtschaftende, von Frauen geführte, Produktions-genossenschaft wurde.

1997 wurde, unter Anleitung der Sozialarbeiter des Leprosy Relief Center Bisidimo und in strenger Selbstkontrolle durch die äthiopische Dorfgemeinschaft (Affosha), begonnen, in den Dörfern um Bisidimo Frauengruppen zu bilden, mit dem Ziel, aus eigener Kraft für den Lebensunterhalt sorgen zu können.

Die Basis dieses  Projektes bildete das Erlernen des Sparens jedes einzelnen Gruppenmitglieds  auf einen definierten Zweck hin. Die Frauen verpflichteten sich anfangs, pro Woche 25 Cent anzusparen. Sie wählten aus ihrem Kreis Verantwortliche, die dieses Geld wöchentlich einsammelten und verwalteten.

Am Ende sollten aus den gemeinsam angesparten Beträgen Hühner gekauft werden, um Eier zu produzieren und eine Hühnerzucht zu beginnen. Für andere Zwecke durfte das Geld nicht ausgegeben werden oder es drohte de Ausschluss aus der Gruppe. Das Hühner-Projekt gelang. Die Frauen-Selbsthilfegruppe stellte sich nun  der nächsten Aufgabe, dem Aufbau einer Ziegenzucht.

Mit einem festen Sparplan konnten in 36 Wochen alle Frauen eine Ziege kaufen und damit eine Milchwirtschaft beginnen, um neben der Produktion von Eiern aus der Hühnerzucht jetzt auch Milch zu haben.

Die Herausforderung
Das große Ziel der Frauengruppe war jedoch der Anbau von landwirtschaftlichen Produkten in Form einer Genossenschaft auf den Feldern rund um Bisidimo.

Frauen beim Feldanbau in Bisidimo

Foto: DAHW / Thomas Einberger

Dafür wurden Ochsen und Kühe benötigt, die für die schwere Arbeit auf den Feldern unbedingt erforderlich sind. Der aufzubringende Sparbetrag für jedes Mitglied der Selbsthilfegruppe wurde für diese Investition mit 5 Birr pro Monat (1 € entspricht rund 11 Birr, Stand 2007) ermittelt.

Rund fünf Jahre würde es nach Einschätzung der Gruppe und ihrer Berater dauern, bis mit diesem Sparbetrag Kühe oder Ochsen angeschafft werden könnten - eine zu lange Zeit um tatsächlich einen Ausweg aus der Armut auf dem Land zu finden! Dieses Projekt konnte also wegen des finanziellen Umfangs kurzfristig nur mit fremder Unterstützung umgesetzt werden. 

Kleinkredit zur Existenzgründung
Das Leprosy Relief Center in Bisidimo stellte der Frauen-Selbsthilfegruppe zur Realisierung des Landwirtschafts-projektes einen Kredit zur Verfügung. Jede Frau der Gruppe erhielt 400 Birr, die auf das Gemeinschaftskonto eingezahlt wurden. Die Kreditbedingungen: Die Gruppe stellte einen Eigenanteil des benötigten Gesamtbetrages durch weiteres Ansparen zur Verfügung. Jede Frau zahlte monatlich 10 Birr auf das Gemeinschaftskonto ein, davon wurden jeweils 5 Birr für die Kreditrückzahlung verwendet.

Projektumsetzung
Kühe und Ochsen wurden nun gekauft und rund 2 Jahre nach der Gründung der Selbsthilfegruppe begann auf einer Fläche von etwa 5 ha Land die gärtnerische Nutzung durch die Frauen-Selbsthilfegruppe.

Grundlage für den Anbau von Obst und Gemüse in dieser Region bildet die Bewässerung der Ackerflächen. Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) stellte als weitere Anschubfinanzierung Pumpen, Schläuche und Geräte zur Bewässerung der Anbauflächen zur Verfügung. Aus Flächen, die ehemals mit Kakteen bewachsen waren, entstanden so Gemüsegärten und -felder.

Die Frauen bauen heute Tomaten, Kartoffeln und Zwiebeln, Papaya und Bananen, aber auch die, für die äthiopische Küche wichtigen scharfen Gewürze an. Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe leisten unterschiedliche Arbeiten in ihrer Genossenschaft, je nachdem, welche körperlichen Voraussetzungen sie mitbringen.

Fatumah mit ihrer Behinderung durch die Folgen der Lepra-Erkrankung kann trotz ihrer körperlichen Einschränkungen noch schneller Körbe flechten als manche Gesunde. Sie lacht gern bei der Arbeit. Selbstbewusst ist sie geworden und stolz auf ihre Arbeit. Sie kann nun  für ihren eigenen Lebensunterhalt und den ihrer Familie sorgen – eine gelungene soziale und ökonomische Rehabilitation einer ehemaligen Bettlerin.

Wirkung und Nebenwirkung
Das Projekt von Bisidimo zeigt, Frauen, die ehemals als Bettlerinnen am Straßenrand saßen, sind jetzt in einer Genossenschaft mit strenger Eigenverwaltung organisiert. Sie sind selbständig geworden, haben Arbeit und viel dazu gelernt. Sie können mit ihrem Einkommen ihre Familien ernähren. Die Frauen der Genossenschaft vergeben jetzt sogar Kleinkredite an Nachbarn zum Kauf von Schafen, Ziegen und Hühnern. Und die Frauen tragen dazu bei, dass ein Traum der Eltern von Bisidimo, der ehemaligen Leprasiedlung, in Erfüllung geht; eine weiterführende Schule am Ort wird gebaut. Dann müssen die Kinder der Dörfer nicht mehr täglich ins 25 km entfernte Harar zum Unterricht.

10.000 äthiopische Birr haben die Frauen der kleinen Genossenschaft schon für den Bau der High-School von Bisidimo gespendet, für die Verhältnisse in der äthiopischen Provinz und im Hinblick auf die Einkommensverhältnisse vieler ehemaliger Leprapatienten, ein beeindruckender Betrag.

1958 wird das Bisidimo-Projekt gegründet

Geschichte

  • 1958 Bisidimo wird das erste Projekt das ein Jahr zuvor gegründeten Deutschen Aussätzigen-Hilfswerk e.V. (DAHW). Ein Trupp deutscher Entwicklungshelfer kommt unter der Führung von Graf Magnis.
  • 1960 Das Hospital wird fertiggestellt und eingeweiht. Kaiser Haile Selassie würdigt das Hospital als “wertvolle Hilfe des deutschen Volkes für das äthiopische Volk”.
  • 1966 Bisidimo wandelt sich vom Leprosorium und Asyl für Dauerpatienten zum Hospital für akute Fälle mit verstärktem ambulanten Charakter.
  • 1967 Das erste Hospital erweist sich als zu klein - der Grundstein für ein 150-Betten-Krankenhaus wird gelegt.
  • 1971 Das neue Krankenhaus wird eingeweiht.
  • 1972 Eine größere Gruppe deutscher Entwicklungshelfer kommt zum Aufbau verschiedener Werkstätten, insbesondere zur Gründung der Orthopädie-Werkstatt nach Bisidimo.
  • 1977 Der Somalia-Krieg bricht aus und die ausländischen Entwicklungshelfer müssen Bisidimo verlassen.

Im Laufe der Jahre verschob sich der Fokus von der reinen medizinischen Lepra-Behandlung über die Behandlung inklusive medizinischer Rehabilitation zur umfassenden Versorgung mit sozioökonomischer Rehabilitation. Das heißt, dass neben dem eigentlichen Krankenhaus Einrichtungen zur Edukation, Physiotherapie, Ergotherapie, Versorgung mit orthopädischen Hilfsmitteln, zur Berufsausbildung und Projekte zur wirtschaftlichen Wiedereingliederung eine bedeutende Rolle spielen.

Um das Behandlungs-Zentrum Bisidimo herum siedelten sich im Laufe der letzten 40 Jahre Leprakranke und ehemalige Leprakranke mit ihren Familien an. Die Gründe zum Bleiben waren insbesondere die Angst vor weiterer Stigmatisierung in den ursprünglichen Herkunftsorten, andererseits aber auch die Gewährleistung von weiterer medizinischer und rehabilativer Versorgung. Heute haben sich die Siedlungen Genda Kore und Koffa Kassa zu relativ eigenständigen Kommunen entwickelt.

Entsprechend den Notwendigkeiten aufgrund der vorgefundenen Erkrankungen bei den Patienten wurde im Laufe der Jahre zunächst die Tuberkulose-Behandlung hinzugenommen, in den letzten Jahren werden zunehmend auch HIV-Patienten versorgt. Ein besonderer Schwerpunkt liegt heute insbesondere in der Aufklärung über Ansteckungswege, Krankheitsvermeidung und Selbstfürsorge. Auch aufgrund neuer Behandlungsmöglichkeiten müssen immer weniger Patienten stationär behandelt werden.

Der Betrieb des Behandlungszentrums ist mittlerweile vollständig in äthiopischer Hand, die Finanzierung erfolgt großteils aus staatlichen Mitteln, Medikamente werden zum Teil von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gestellt. Das DAHW (in Äthiopien GLRA - German Leprosy Relief Association) finanziert die fachliche Aufsicht und das gut etablierte Controlling.

In Deutschland erfuhr Bisidimo besonderes Medienecho durch die Besuche der Bundespräsidenten Heinrich Lübke und Horst Köhler.