Brasilien - Land der Lepra

Flavio Serafin Lisboa aus Sao Luis

Flavio Serafin Lisboa lebt bis heute in der alten Lepra-Kolonie von Sao Luis. Die DAHW unterstützt ihn und andere alte Patienten bei der Bewältigung des Alltags. Foto: Hövekenmeier / DAHW

Einige Regionen haben die höchsten Raten an Neuerkrankungen weltweit


Eine große sowie reiche Industrienation will Brasilien sein und hat auch alle Möglichkeiten dazu. Es ist ein reiches Land, nur ist der vorhandene Reichtum extrem ungerecht verteilt. Wenige Familien und Großkonzerne besitzen fast das gesamte Land. Die Masse der fast 200 Mio. Einwohner lebt in großer Armut.

Brasilien belegt im Entwicklungsindex HDI Platz 73 (von 169) und ist damit immer noch das am höchsten platzierte Land, in dem die DAHW tätig ist. Und das Land hat ein riesiges Problem: Lepra.

Einige Regionen Brasiliens haben die höchsten Raten an Neuerkrankungen weltweit. Im Bundesstaat Mato Grosso, an der Grenze zu Bolivien, gibt es Städte mit 10.000 Einwohnern, von denen jedes Jahr mehr als 200 an Lepra erkranken. Nicht von ungefähr arbeitet Manfred Göbel, der Repräsentant der DAHW in Brasilien, von Cuiaba aus, der Hauptstadt dieses Staates.

Der Schwerpunkt liegt auf Nachsteuerungen für das staatliche Gesundheitssystem. Ein System, das früher als vorbildlich für Entwicklungs- und Schwellenländer galt, aber immer schon Lücken hatte. Lepra war, ist und bleibt eine der größten Lücken.

Bis 1984 mussten alle Menschen, bei denen Lepra diagnostiziert wurde, in eine der zahlreichen Kolonien – meist mitten im dichten Urwald, weit entfernt von den Städten. Mit Lepra wollte man nichts zu tun haben, sie also einfach wegschließen – aus den Augen, aus dem Sinn.

Nach einer Schulung für kubanische Ärzte in BrasilienNach einer Schulung für kubanische Ärzte, die in den staatlichen Gesundheitsposten im Süden von Mato Grosso arbeiten. Foto: Hövekenmeier / DAHW

Mit dem Ende der Militärdiktatur fiel auch dieses Gesetz, und der staatliche Gesundheitsdienst musste sich um die vielen Patienten kümmern. Doch kaum jemand war dafür ausgebildet und wusste, wie man diese Menschen nach der Heilung der eigentlichen Infektion weiter betreut.

Manfred Göbel begann, die Mitarbeiter in den Gesundheitsposten, Polikliniken und Krankenhäusern zu schulen: Erkennen der ersten Anzeichen, Untersuchung der Kontaktpersonen im Umfeld der Patienten und – besonders wichtig – die Nachsorge nach der eigentlichen Therapie. Wenn die Nerven durch Lepra zerstört sind, werden Gliedmaßen gelähmt oder aus kleinen Verletzungen werden chronische Entzündungen.

Lepra ist eine soziale Krankheit, das wird besonders in Brasilien deutlich, das seit vielen Jahren eben kein Entwicklungsland mehr ist. 2012 sind nach der offiziellen Statistik mehr als 33.000 Menschen neu an Lepra erkrankt, besonders in den dünn besiedelten Regionen wie Mato Grosso.

Allerdings wird die Dunkelziffer wohl weitaus höher liegen, schätzt Lepra-Experte Göbel, denn in jedem Ort steigt die Zahl der Diagnosen nach seinen Schulungen stark an. Diese Menschen hätten ohne die Arbeit der DAHW weiter mit der Krankheit gelebt und wären erst in einigen Jahren als Lepra-Patienten entdeckt worden – mit den typischen, deutlich sichtbaren Behinderungen.

Dank der frühen Diagnose haben die Menschen nun eine Chance, nach der Therapie wieder ein ganz normales Leben führen zu können. Und sie werden keine weiteren Menschen in ihrem Umfeld anstecken.