Menschen mit Behinderung - Ein Dorf in Sierra Leone entwickelt sich

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Recycling: Aus alten Autoreifen nähen die Azubis wasserdichte Taschen für Laptops. Foto: Jochen Hövekenmeier

Sozialarbeiter der DAHW unterstützt nachhaltige Arbeit in Masanga / Sierra Leone


Ausgangssituation
Sierra Leone ist eines der ärmsten Länder der Welt, auch fast zehn Jahre nach dem langen Bürgerkrieg (1991-2002). Unter dessen Folgen leidet das Land noch heute: Die Krankheit Lepra war vor Ausbruch des Krieges fast schon unter Kontrolle: von ehemals 12.000 Patienten (1975, alle von Lepra betroffenen Menschen) sank die Zahl bis 1990 auf ca. 1.200, darunter lediglich 300 neu erkrankte Patienten.

Trotz der Wirren des Krieges blieb die damalige Repräsentantin der DAHW, Antoinette Fergusson, im Land und führte unter großen Gefahren für Leib und Leben mit ihrem gesamten Team die Arbeit fort. Allerdings war dies nicht überall im Land möglich, denn einige Regionen waren vollständig von der Außenwelt abgeschnitten.

Dort war eine Versorgung mit Medikamenten, orthopädischem Schuhwerk oder Verbandmaterial unmöglich. Durch fehlende Pflege verstärkten sich die Leprareaktionen bei den Patienten, die oft Amputationen notwendig machten. Als die DAHW nach dem Krieg die Kontrollarbeit erstmals wieder flächendeckend fortführen konnte, stieg die Zahl der neuen Fälle auf über 700, im Jahr 2009 waren es immerhin noch 462 neue Patienten.

Ebenfalls gibt es in Sierra Leone eine sehr große Zahl an Kriegsversehrten – Minenopfer oder Überlebende von Massakern marodierender Soldaten. Dies führte bei den Verantwortlichen der DAHW zu der Erkenntnis, dass CBR („Community based rehabilitation“) der richtige Ansatz für eine nachhaltige Unterstützung sein wird: Projekte für alle Menschen mit Behinderung, unabhängig von einem Lepra-Hintergrund.

Jahresbericht_2010_Leprapatient Ziele des Projekts
Masanga liegt in Sichtweite der „Diamond Road“ – jener Straße zwischen Bo und Makeni, auf der die Blutdiamanten während des Bürgerkriegs zum nahen Flugplatz gebracht und dort gegen Waffen getauscht wurden, um weiter Krieg führen zu können. Die Reisfelder vertrockneten, weil sich niemand mehr hinaus trauen konnte, um die nötige Arbeit zu erledigen. Das rund ein Kilometer entfernte Krankenhaus zerstörten die Soldaten vollständig.

Von den ursprünglich mehr als 500 Einwohnern leben heute noch etwa 150 in Masanga, 12 davon sind oder waren an Lepra erkrankt – fast alle haben deutlich sichtbare Spuren dieser Krankheit. Zehn weitere Menschen sind als Kriegsversehrte ebenfalls nicht mehr in der Lage, aus eigener Kraft ein Feld zu bestellen.

Die DAHW will den Menschen mit Behinderung in Masanga ein normales Leben ermöglichen mit voller Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Gleichzeitig soll das Dorf als Gemeinschaft agieren, um sich auch langfristig wieder selbst versorgen zu können.

Aktivitäten
Das nahe gelegene Krankenhaus baut derzeit eine Organisation aus Dänemark wieder auf. Die DAHW hat bei einigen Gebäuden geholfen, eines davon dient jetzt dem nationalen Lepra-Kontrollprogramm als regionaler Stützpunkt. In weiteren Gebäuden unterstützt die DAHW lokale Initiativen, die dort jungen Menschen aus der Region eine Berufsausbildung ermöglichen.

Im Dorf selbst hat ein Sozialarbeiter der DAHW eine Selbsthilfegruppe gebildet, an der sich alle Einwohner beteiligen – auch die Alten, Schwachen und Kranken sowie die Menschen mit Behinderung. Sinn und Zweck dieser Gruppe ist es, die lange brachliegenden Felder wieder zu bestellen und mit den Ernten nicht nur das Dorf selbst zu ernähren, sondern langfristig auch den gesamten Lebensunterhalt daraus bestreiten zu können. Bislang hatten die Menschen von Masanga nur zur Eigenversorgung und jeder für sich einen kleinen Teil der Felder genutzt.

Nach dem Grundprinzip einer Genossenschaft bringt sich nun jedes Mitglied mit der Tätigkeit ein, für die er oder sie geeignet ist: Auch Menschen mit Behinderung können so ihren Anteil an der Arbeit einbringen und sind zu gleichen Teilen am Ertrag der Felder beteiligt.

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Masanga liegt in der Mitte von Sierra Leone und direkt an der berüchtigten "Diamantenstraße" von Makeni nach Bo.

Was wurde 2010 erreicht?
CBR ist ein laufender Prozess zur Stärkung der Zivilgesellschaft, in Masanga es gibt schon sichtbare Ergebnisse: Die ersten Schülerinnen und Schüler haben ihre Berufsausbildung in der Näherei abgeschlossen und können mit ihrem Handwerk nun ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Auch die Felder des Dorfes sind gewachsen: Auf nunmehr drei Hektar wird Reis angebaut. Im Jahr 2010 konnten die Bewohner erstmals Reis und Cassava auf den umliegenden Märkten verkaufen. Die Ernte hat mehr Ertrag gebracht, als die Menschen selbst für ihre Ernährung benötigen. Erstmals seit vielen Jahren haben sie nun eine Perspektive für ihr kleines Dorf.

Planungen für 2011
Schritt für Schritt wollen die Einwohner von Masanga ihr Dorf stärker machen – Sozialarbeiter der DAHW begleiten sie dabei. Für 2011 planen sie, mit Reis und Cassava wieder einen Überschuss zu erwirtschaften. Darüber hinaus wollen sie ausprobieren, ob sie auf den Feldern auch andere Früchte wie beispielsweise Erdnüsse anbauen können.

Aus dem Verkauf dieser Produkte will die Gemeinschaft Rücklagen bilden, die später auch größere Anschaffungen ermöglichen sollen, zum Beispiel moderne Werkzeuge für die Feldarbeit. Die DAHW-Sozialarbeiter wollen zudem das benachbarte Krankenhaus zu einem sozialen Zentrum machen und die Berufsausbildung weiter ausbauen. Masanga soll ihnen als Vorbild dienen für die rund 30 weiteren Dörfer im Umkreis des Hospitals.

Risiken des Projekts
Das größte Risiko in Sierra Leone ist die unsichere politische Lage. Die immense Armut des Landes und die Aussicht auf schnellen Reichtum in den Diamantenfeldern waren der Grund für den Bürgerkrieg und können jederzeit wieder zu Konflikten führen. Im Bürgerkrieg sind die DAHW-Mitarbeiter zwar im Land geblieben und haben trotz aller Gefahren versucht, die Lepra-Kontrollarbeit weiter zu führen, jedoch ist ihnen dies nur in ca. 70% des Landes auch gelungen.

Ob die Dorfgemeinschaft von Masanga allein durch den Verkauf der Ernte genügend Einnahmen erwirtschaften kann, hängt zudem von den wirtschaftlichen Voraussetzungen im Land ab und ob es gelingt, die Waren auf den Märkten der größeren Städte auch zu verkaufen.


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