19.06.09 Tangara da Serra und Barra de Bugres

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Manfred Göbel zu Gast bei Radio Pioneira. Foto: Nikola Freygang

6. Tag - Interview bei "Radio Pioneira"


Heute sind wir erneut zu einem Radiointerview aufgebrochen. In einem alten Gebäude mitten in der Stadt von Tangara da Serra gehen wir über einen Seiteneingang in den ersten Stock zu „Radio Pioneira“. Das kleine Radiostudio besteht aus zwei Mikrophonen und einem Computer. Manfred Göbel spricht über die Lepra- und Tuberkulosearbeit der DAHW in Brasilien und welche Symptome die Krankheiten mit sich bringen. Radio hört auch die ärmste Bevölkerung fast rund um die Uhr und die Anzahl an Patienten, die mit Verdacht auf Lepra oder TB in die Gesundheitsstationen kommen, steigt nach einer solchen Sendung enorm an. Dieser Erfolg ermuntert Manfred Göbel immer wieder, sich um Interviews bei Sendern in ganz Mato Grosso zu kümmern.

Um 9.00 Uhr haben wir den nächsten Termin im Gesundheitsposten für Lepra und Tuberkulose der Stadt. Einige Patienten sitzen bereits im Wartezimmer und begrüßen uns.

Die Lebensgeschichte eines Patienten trifft mich besonders - es ist die Geschichte von Davie. Bereits als Kind mussten er und seine Geschwister hart abeiten, um einen Teil zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Eines Tages wurde er von seinem Vater an den Fluss geschickt, um für die Kühe Wasser zu holen. Als er mit den schweren Wasserbehältern den schmalen, steilen Pfad vom Fluss wieder nach oben klettern wollte, ist er auf dem schlammigen Weg ausgerutscht und einige Meter gestürzt. Er bemerkte, wie ihn etwas mitten ins Auge traf und verspürte einen starken Schmerz im rechten Auge. Seitdem ist er auf diesem Auge blind.

Davie beim Lepratest.Davie beim Lepratest

Er erzählt uns weiter, dass er in seinem Leben immer hart gearbeitet hat, zuerst als Edelsteinwäscher, jetzt als Landarbeiter. Er baut Sojabohnen, Mango und Mais an, um sich und seine Familie durchzubringen. Seit einem Jahr kamen noch gefühllose Stellen der Haut hinzu, die ihm seine Arbeit weiter erschwerten. Davie hätte nie daran gedacht, dass er Lepra haben könnte: „Ich habe meine Haut mit Seife geschrubbt und mich gewundert, warum nur einige Flecken so hell sind.“ Durch die DAHW-Plakate, auf denen die Symptome der Lepra beschrieben sind, wurde er auf die Krankheit aufmerksam und kam in den Gesundheitsposten nach Tangara da Serra. Jetzt nimmt er seit Juni Lepra-Medikamente und kommt regelmäßig in die Gesundheitsstation. Vor bleibenden Behinderungen kann er so zumindest bewahrt werden.

Als wir uns gerade von Davie verabschieden wollten und in den Warteraum gehen, fällt mir sofort ein Mann auf, der in sehr schlechtem Zustand zu sein scheint. Die Krankenschwester bittet mich sofort, wieder zurück zu gehen, denn er hat Tuberkulose und ist ohne Behandlung hoch ansteckend. Ich bin geschockt, sein Körper ist derart abgemagert, dass ich die Rippen durch sein Hemd sehen kann. Er hustet und ist so entkräftet, dass er sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Ich bin überglücklich als kurze Zeit später der Arzt mit Mundschutz auf den Patienten zugeht und sich um ihn kümmert.

Flussüberquerung vor dem Indianerdorf. Foto: Nikola Freygang

Flussüberquerung vor dem Indianerdorf. Foto: Nikola Freygang

Nachmittags brechen wir zu einem besonderen Abenteuer auf, wir besuchen Lepra- und TB-Patienten in einem Indianerdorf in der Nähe von Barra de Bugres. Die meisten von ihnen leben hier zwar bereits in Steinhäusern und tragen westliche Kleidung, ihren Bräuchen gehen sie aber nach wie vor nach. Um zu diesem Gebiet zu kommen, fahren wir mehrere Kilometer auf einer holprigen Straße bis ans Flussufer. Dort angekommen, gibt ein Gesundheitsagent sonderbare Laute von sich. Nach knapp einer Minute erwidert ein Indianer seine Rufe. Kurz darauf sehen wir einen Mann und eine Frau, die ihr Kind um den Bauch gebunden hat, am anderen Ufer. Der Mann stellt sich vorne auf das Boot und paddelt zu uns herüber.

Er erzählt uns, dass es im Fluss Kaimane und Piranhas gibt. Als wir im Dorf angekommen sind, begrüßt uns der Häuptling. Da er westliche Kleidung trägt, wäre er für uns nicht zu erkennen.

Er zeigt uns den Ort, an dem sie sich versammeln, um mit ihren Geistern zu sprechen.

Heiliger Ort für die Indianer. Foto: Nikola Freygang

Heiliger Ort für die Indianer. Foto: Nikola Freygang

Dann zeigt er uns das Haus, das vor mehreren hundert Jahren hier von Rondon erbaut wurde. Er hat viel für die Indianer getan und zu seinen Ehren hängt noch immer ein Bild von ihm an der Wand.

Nach den Gesprächen mit einigen Patienten fahren wir tief beeindruckt wieder zurück nach Cuiaba, denn es liegen noch 140 km vor uns.


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