Begegnung mit der Leprawelt von Brasilien

Besuch Ralf Klötzer bei Manfred Göbel in Brasilien - ehem. Hauptgebäude Leprakolonie

Ralf Klötzer (links) mit Buchautorin Tomázia Tavares und DAHW-Repräsentant Manfred Göbel in Vila Paricatuba bei Manaus vor dem verfallenen Hauptgebäude der ehemaligen Leprakolonie.

Ein Erlebnisbericht von Historiker Dr. Ralf Klötzer aus Münster


Alle drei Jahre findet in Brasilien ein großer nationaler Leprologen-Kongress statt. Als Vertreter der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe hielt ich einen Vortrag zur europäischen Leprageschichte. Außerdem konnte ich auf einer Rundreise mit Manfred Göbel, DAHW-Repräsentant in Brasilien, die Leprageschichte und –probleme des Landes kennenlernen.

In Cuiabá, Sitz des lokalen DAHW-Büros im Bundesstaat Mato Grosso, sind die Wohnviertel der armen Bevölkerung von Lepra betroffen. Von hier aus koordiniert Göbel den Einsatz der DAHW für Mato Grosso und vier weitere brasilianische Bundesstaaten. Was mir in diesen beiden Wochen in Brasilien entgegengebracht wurde, erschien mir im Laufe der folgenden Tage als eine Mischung aus Gastfreundschaft, Wertschätzung und Wissen um die Hilfe, die die DAHW dem Land und seinen Menschen bereitstellt.

Maßanfertigung

Wir besuchen im Landesgesundheitszentrum von Cuiabá eine DAHW-finanzierte Schusterwerkstatt. Die Mitarbeiter versorgen Lepra-Patienten mit maßangefertigten Einlagen und Schuhen. Für zwei Männer, die mehr als 1.000 Kilometer aus dem Norden von Mato Grosso hierher gekommen sind, wird gerade gearbeitet. Dafür nehmen die Betroffenen lange Busfahrten in Kauf.

Die Leprakolonie Vila Paricatuba in der Nähe von Manaus hat sich zum Wohnort für geheilte, vielfach behinderte frühere Lepra-Patienten, ihre Nachfahren und neu Zugezogene entwickelt. Wir treffen Manoel Menas Vasconcelos, einen geheilten Lepra-Patienten. Er kam 1958 als 14-Jähriger nach Vila Paricatuba. Damals nahm der Staat den Eltern die leprakranken Kinder weg.

Politik der Zwangsisolierung

Der 82-jährige Anastacio Pereira da Costa war schon im Alter von sechs Jahren leprakrank. Er kam 1947 im Alter von 18 Jahren in die Leprakolonie Antonio Aleixo, rund 20 Kilometer von Manaus entfernt. Mit 20 Jahren heiratete er seine leprakranke Frau, der schon zwei gesunde Kinder genommen worden waren. In Brasilien bemühen sich heute die Leprawaisen um Entschädigung, die zu Opfern der Politik der Zwangsisolierung wurden.

Ich nehme am viertägigen Leprologen-Kongress in Maceió an der Atlantikküste, Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Alagoas, teil. Anschließend besuchen wir im Bundesstaat Maranhão die Leprainsel vor São Luis mit der früheren Leprakolonie Bonfim. Noch heute leben hier viele geheilte Lepra-Patienten. „Als ich hier 1946 geboren wurde, trennte man mich von meinen Eltern und brachte mich ins Waisenhaus. Erst 1962 wurde festgestellt, dass ich leprakrank bin“, erzählt Flávio Serafin Lisboa, der in einem alten Siedlungshaus wohnt. Flávio wurde im Waisenhaus unter Quarantäne gestellt und kam nach 25 Tagen zu seinen Eltern nach Bonfim zurück. Dann erzählt er von Fluchtversuchen anderer, die im Wattenmeer zwischen der Leprainsel und São Luis tödlich endeten.

Schließlich besuchen wir noch den Mittelpunkt der Lepraarbeit in Maranhão, das Centro de Saúde Dr. Genésio Rêgo in São Luis. Das angeschlossene, neu erbaute Lepra-Rehabilitationszentrum wurde durch die von der DAHW beantragte Förderung des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) mit physiotherapeutischen Spezialgeräten ausgestattet.

Ribamar hat 18 Jahre als Goldwäscher gearbeitet. „In dieser Zeit muss ich mich angesteckt haben“, sagt der heute etwa 40-Jährige. „Vor drei Jahren entdeckte ich einen Hautfleck am Knie.“ Seit einigen Monaten erhält er Medikamente. „Die hohe Dosis am ersten Monatstag hat mich sehr geschwächt. Ich beschäftige mich intensiv mit der Krankheit und bin dadurch fast zum Experten geworden.“

Ricardo ist ein weiterer Patient, der mit seiner Nachbarin ins Gesundheitszentrum kommt. „Sie hat mich zur Behandlung motiviert“, sagt der 65-Jährige. Er nimmt seit einem Jahr Medikamente. Vor kurzem sind Hautknoten entstanden.

Dass die Lepra in Brasilien ein soziales und auch politisches Problem ist, bestätigt uns auch der Leiter des Gesundheitszentrums. Keiner bemühe sich, mit Lepra die Wahlen zu gewinnen.

In dem armen Bundesstaat Maranhão sind 40 Prozent der Bevölkerung, aber 70 Prozent der Lepra-Patienten ohne Schulabschluss.

Quelle: „Die Klapper“, Mitteilungen der Gesellschaft für Leprakunde e. V., 19/2011


Hier können Sie helfen:

Ihre Spende ist in guten Händen. Jetzt spenden!