Eindrücke der Reise nach Ganta - Teil I

Liberias Straßen

3. Februar 2014, gerade mal 20 Uhr. Es ist stockdunkel, und wir liegen in unseren Betten unter den Moskitonetzen. Endlich, nachdem wir aus Münster in Westfalen, Würzburg und Prag im Lepra- und TB Rehabilitation Center Ganta, Nimba County, im Norden von Liberia, angekommen sind.


In Deutschland und Tschechien ist es Winter, hier sind es 35 Grad. Nachdem wir über Brüssel zunächst nach Freetown in Sierra Leone und dann weiter nach Monrovia geflogen waren, holen uns zwei Fahrer des Leprosy- and TB Centers am Flughafen ab. Wir steigen sofort auf die Vornamen um, Förmlichkeit braucht es nicht. Samuel und Sampson bringen uns zunächst zu einer Niederlassung der Consolata Schwestern in Harbel, nah am Flughafen von Monrovia. Wir sind neun Gäste: Lubomir aus Prag, von der Tschechischen Organisation Likvidace Lepry, und acht Mitarbeiter der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe aus Deutschland: Lea, Elke, Franz, Matthias, Sylvia, Priscila, Sonja und ich, keiner von uns Mediziner. Wir sind eine gute Mischung aus langjährigen Mitarbeitern und einigen, die erst ganz kurz „dabei“ sind. Und wir kommen aus den verschiedenen Abteilungen der DAHW, von der Verwaltung über den Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising bis zur Projektabteilung.

Uns ist allen eines gemeinsam: Wir sind freiwillig hier, weil wir hautnah erfahren möchten, was es bedeutet, in den Projekten der DAHW zu arbeiten. Zu erleben, was mit den Spenden im Projekt geleistet wird. Wir alle sind neugierig, bereit, uns überraschen zu lassen. Unser ehrenamtlicher Vorstand in Deutschland sowie unser Geschäftsführer haben uns bereits vor über einem Jahr motiviert, diese Reise anzutreten, damit wir zurückkommen und unseren Spendern noch besser erklären können, wofür wir ihre Spenden benötigen. Und sie waren sich sicher, dass wir als Team zusammenwachsen würden. Nun endlich, nach gründlicher Vorbereitung, sind wir hier.

Die erste Nacht verbringen wir auf dem Gelände der Consolata Schwestern in Harbel und ein Teil von uns im nahegelegenen Gästehaus der Firma Firestone aus Amerika, die hier seit Jahrzehnten eine der größten Kautschukplantagen weltweit unterhält. Unser kurzer Besuch wird fast gefeiert. Wir versuchen alle gegenseitig, uns die Namen zu merken. Irgendwann haben wir Franz 1 und 2 und verschiedene Matthias(e).

Die Schwestern sind aus Italien und Brasilien, eine Kollegin unseres Teams aus Mexiko. Andere haben sich schon mal in Brasilien getroffen. Es wird ein „italienischer Abend“ mit Pizza und Wurstbrot, Erdnussbutter und Nutella sowie endlosem Gelächter und einem Sprachgewirr aus Deutsch, Englisch, Italienisch und Spanisch. Und das in Afrika. Wir sind da.

Erst am nächsten Morgen können wir weiter in den Norden von Liberia, nach Ganta. „Nachts ist die Strecke zu gefährlich“, sagt man uns. Was das heißt, sehen wir dann in der Helligkeit der afrikanischen Sonne. Der sogenannte Highway von Monrovia nach Ganta ist an vielen Stellen nur eine Schotterpiste. Dort, wo es Asphalt gibt, stoppen einen badewannengroße Löcher in der Fahrbahndecke. Immer wieder wird die eh schon gefährliche Piste einspurig oder durch den Busch geführt, weil die Chinesen dort im Auftrag der Regierung die gesamte Strecke modernisieren. Sie fräsen sich regelrecht durch den Urwald, teilweise mitten durch kleine Dörfer. Wessen Haus weichen muss, ist meist nicht mal böse, denn er bekommt vom Staat Geld, um ein neues Haus etwas weiter abseits zu bauen. Auch diese Häuser sind sehr einfach, aber solide. Ganz anders als die noch vielerorts üblichen Häuser aus getrockneten Lehmziegeln und Wellblech.

Kaum zu glauben, dass es hier bald eine moderne Straße geben soll. Die wenigen fertigen Stücke sind „echte“ Highways, unseren Kraftfahrstraßen vergleichbar. Später wird es vielleicht nur noch drei Stunden von Monrovia nach Ganta dauern. Doch heute sind es fünf bis sieben Stunden, und das ist noch sehr gut: In der Regenzeit kann es auch schon mal zum kompletten Stillstand kommen.

Doch genug von Highways geträumt. Oft nimmt uns der Staub vorausfahrender Fahrzeuge jede Sicht. Jedes Schlagloch, das wir nicht sehen, droht den Wagen förmlich zu zerreißen. Motorräder mit bis zu fünf Personen beladen suchen sich zwischen den Schlaglöchern ihren Weg. LKW mit abgerissenen Achsen liegen am Straßenrand. Wie normale Autos hier fahren können, bleibt uns ein Rätsel, aber sie fahren im wilden Zickzack durch die Hügellandschaft. Welchen Kompass die Fahrer haben? Wir wissen es nicht! Und irgendwann fahren wir nur noch im Schritttempo, weil der Highway etwa 20 km vor Ganta nicht mal mehr den Namen Straße verdient.

Nach 6 Stunden sind wir da. Unsere Fahrer sind Helden. Wir durchgeschüttelt, gar gekocht und einfach nur noch müde. Die Begrüßung macht alle wieder fit. Jeder kommt und freut sich über den Besuch aus dem Norden. „Die aus dem Winter kommen.“ In ein Land, in dem die Menschen bei 25 Grad frieren. Um sich vorzustellen, wie sich der Winter auf der nördlichen Weltkugel anfühlt, müssten sie sich in eine Kühltruhe legen. Wovon wir dann doch abraten.

Hier werden wir nun die nächsten fast zwölf Tage leben und arbeiten, das ist der Plan. Es geht nicht allein darum, ein spannendes Projekt der DAHW kennenzulernen, denn nachdem alle Welt dachte, in Liberia seien die Probleme Lepra und Tuberkulose keine mehr, belehrt uns der lange Bürgerkrieg eines Besseren. Liberia braucht uns heute. Vielleicht noch mehr als früher.

Wir wollen dort mitarbeiten, ohne Sonderbehandlung; wollen helfen bei dem Neubau einer Sanitäranlage, bei der Renovierung des Krankenhauses, im Krankenhausbetrieb, in der Schuhmacherei, der Klinik, der Farm. Und ein paar von uns gehen auch auf eine 2-3 Tage Tour durch abgelegene Buschgebiete, auf der Suche nach neuen Leprafällen. Denn das sogenannte Case Finding ist hier ebenso wichtig wie alles andere auch. Die Absprachen untereinander waren klar. Wir sind zu allem bereit und werden mithelfen, wo wir können. So hatten wir es auch dem Partner signalisiert: „Wir kommen und ihr setzt uns da ein, wo ihr uns brauchen könnt.“

Soviel vorweg. Liberia ist anders. Anders als alles, was wir uns vorstellen konnten. Inzwischen hatten wir eine ausführliche Führung über das gesamte riesige Gelände des Leprosy and TB Rehabilitation Center Ganta. Wir haben uns bei fast jedem, der hier arbeitet, vorgestellt, mit unzähligen Patienten und deren Familien gesprochen. Und wir haben eine klarere Vorstellung davon, wo wir ab morgen arbeiten werden.

Fotos werden wir übrigens erst und nur dann schicken können, wenn uns ein etwa 30 Minuten entferntes, kommerziell betriebenes Gästehaus, Zugang zu seinem WLAN Netzt gibt. Denn hier auf dem Gelände würde es bei dem langsamen Internetzugang und wegen der nur stundenweise zur Verfügung stehenden Stromversorgung endlos dauern, Bilder nach Deutschland zu mailen.

Für das Reiseteam
Harald Meyer-Porzky
Leiter Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising / stellvertretender Geschäftsführer der DAHW