Fall-Findung im Hinterland Liberias

Die Dorfbewohner kommen am Versammlungsort zusammen

Die Dorfbewohner von Zontuo kommen am Versammlungsplatz des Ortes zusammen. Foto: Becker / DAHW

Eindrücke der Reise nach Ganta - Teil III: Mitarbeiterin Sonja erlebt hautnah die Lepra-Arbeit in Liberia. Auf der Fahrt in abgelegene Dörfer sind sie auf der Suche nach neuen Lepra-Fällen.


Aufgeregt sitze ich am Frühstückstisch. Gleich, nach dem Morgengebet mit den Mitarbeitern des Ganta Rehab Centers, geht es los – in das Hinterland Liberias, den Busch, wie es die Einheimischen nennen. Ein bisschen Angst vor meiner eigenen Courage begleitet mich diesen Morgen: War es eine gute Idee, sich für einen Trip anzumelden, der als hart beschrieben wurde und für den man sich besser mental vorbereiten sollte? Doch entgehen lassen wollte ich mir die einmalige Gelegenheit nicht, hautnah mitzuerleben, wie Mitarbeiter des Centers in Dörfern auf dem Land nach neuen Lepra-Patienten suchen.

Beim Morgengebet, das jeden Tag von einem anderen Mitarbeiter gesprochen wird, gibt man uns drei „Busch-Reisenden“ die besten Wünsche mit auf den Weg. Kurz darauf ist es soweit: Der beige-braune Jeep steht startklar bereit – drinnen warten schon Fahrer Sampson und Krankenpfleger John. Schnell verabschieden wir uns von unseren Kollegen. Und dann sind wir auch schon unterwegs.

Die große, für Liberias Verhältnisse recht gut ausgebaute, jedoch nicht asphaltierte Straße, führt uns aus Ganta heraus. Wir kommen durch Sanniquellie, der Hauptstadt der Region Nimba. Es ist die Stadt, in der das erste Treffen der African Union (AU) stattgefunden hat, klärt John uns auf. Von Sanniquellie aus geht es auf schmaleren Straßen weiter, die Schlaglöcher werden größer und wechseln sich mit tiefen Furchen ab, die vermutlich in der Regenzeit in die Straße gespült wurden.

Eine Radiostation ist unser erster Halt. Gegen Bezahlung wird von hier aus eine Ankündigung – auf Englisch und Gio, dem lokalen Dialekt – im Radio gesendet, dass die Menschen in den umliegenden Dörfern zu einer kostenlosen Hautuntersuchung kommen können.

Der freiwillige Gesundheitshelfer AlexDer freiwillige Gesundheitshelfer Alex (links) erläutert, dass alle Dorfbewohner sich kostenlos auf Hautkrankheiten untersuchen lassen können. Foto: Becker / DAHW

Im Dorf Zontuo stoppen wir erneut. Hier treffen wir Alex, der als freiwilliger Gesundheitshelfer bei der Suche nach neuen Patienten hilft. „Alex macht die Arbeit komplett freiwillig“, erklärt John. „Die Regierung bezahlt nichts für diese Arbeit. Aber von uns erhält er für jeden Besuch etwas Geld – als Motivation.“ Während Alex das Dorf zusammenruft, warten wir am Versammlungsort: eine Art runde Hütte mitten im Dorf, die jedoch keine Wände besitzt, sondern zu allen Seiten hin offen ist und somit einen angenehmen Wind in der Hitze zulässt. Schnell werden ein paar Bänke angeschleppt, die man uns als Sitzgelegenheit anbietet. Nach und nach hat sich unsere Ankunft im Dorf herumgesprochen. Immer mehr Menschen, vor allem Kinder, kommen und begrüßen uns. Einige ältere Dorfbewohner, unter ihnen auch der Chief – eine Art Dorfvorsteher, heißen uns mit dem landestypischen Handschlag willkommen: Man reicht sich die Hände und schnippt beim Auseinandergehen mit den Mittelfingern. Andere starren uns weiße Besucher zunächst nur an. Doch als wir lächeln und winken, wird daraus schnell ein fröhliches Lachen.

Nach einer Weile geben uns Alex und John Bescheid, dass nun alles für die Untersuchung bereit sei. Gemeinsam betreten wir ein nahe gelegenes Wohnhaus und stehen in einem Raum, der von der hier lebenden Familie wohl als eine Art Wohn- und Esszimmer genutzt wird. Beide Fenster werden geöffnet, so dass genügend Licht hineinfällt. Das ist wichtig, damit sich John die Haut genau ansehen kann. Sampson steht an der Tür und fordert die Dorfbewohner auf, sich nacheinander anzustellen. Einzeln, immer eine Person nach der anderen, kann das Untersuchungszimmer betreten werden. Von jedem lässt sich John zuerst die Arme zeigen. Dann überprüft er den Oberkörper und die Beine. Er sucht nach auffälligen, helleren Flecken auf der Haut. Kann er nichts Ungewöhnliches entdecken, schickt er die Leute mit einem „Alles ok. Du kannst gehen.“ hinaus. Viele strahlen und freuen sich, dass alles in Ordnung ist. Einige Frauen sind so erleichtert, dass sie John umarmen oder einen kleinen Freudentanz hinlegen.


Bei einer Frau mittleren Alters fällt Johns Untersuchung gründlicher aus, und wir ahnen, dass er hier eine Erkrankung vermutet. Tatsächlich weist er uns wenig später auf einige helle Hautpartien an ihren Beinen hin. Sampson reicht ihm aus der großen, blauen Medikamenten-Box ein Stück Watte, das John zu einer kleinen Spitze zusammenrollt. „Ich werde damit Deine Haut berühren. Wenn Du etwas spürst, sagst Du 'Yes'", erklärt er der Dorfbewohnerin. Die nickt, und John beginnt, mit der Watte die Empfindlichkeit der Haut zu testen. Zunächst berührt er willkürlich Stellen an den Beinen. Dann bittet er die Frau, die Augen zu schließen. Wie zuvor wird jede gefühlte Berührung der Haut mit einem „Yes“ beantwortet. Doch als die Watte schließlich über die hellen Hautflecken streicht, bleibt eine Antwort aus. Wieder und wieder testet John die betroffenen Stellen – keine Reaktion. An uns gewandt fasst er das Ergebnis der Untersuchung zusammen: „Die Nervenzellen in den Hautflecken sind angegriffen. Deshalb fühlt die Frau dort keine Berührung mehr.“ Das Wort „Lepra“ lässt der Krankenpfleger an dieser Stelle bewusst aus – zu groß ist das Stigma, das mit dieser Krankheit verbunden ist. Mit einem diskreten Kopfnicken bedeutet John dem Gesundheitshelfer Alex, dass die Frau eine neue Patientin ist. Für die spätere Aufnahme ihrer Daten wird sie gebeten zu warten, bis die Untersuchung aller Dorfbewohner abgeschlossen ist.

Als Nächste ist ein junges Mädchen an der Reihe – um die 14 Jahre alt. Sie wirkt verschüchtert, und bei näherem Hinsehen erkenne ich, dass sie weint. „Tochter“, sagt Alex nur und deutet von der zuvor untersuchten Frau auf das Mädchen. John reicht ihr seine Hand, fragt nach ihrem Namen, stellt sich selbst vor. Beruhigend spricht er auf sie ein und beginnt vorsichtig mit der Untersuchung. Als sie das T-Shirt auszieht, sehe ich die hellen Flecken an ihrer Schulter. Auch bei ihr benutzt der Krankenpfleger Watte, um die Sensibilität zu testen. Und auch bei ihr ist die Diagnose Lepra. Er erklärt Mutter und Tochter, dass es gut sei, dass sie gekommen sind. „Ihr bekommt von uns Medikamente – kostenlos“, fügt er hinzu, „dann seid Ihr bald wieder gesund.“

Sensibilitätstest bei einem vermeintlichen Lepra-PatientenMit einem Stück Watte berührt John die hellen Hautpartien und überprüft, ob diese Stellen berührungsempfindlich sind. Foto: Becker / DAHW

Bei den folgenden Untersuchungen entdeckt John einen weiteren Lepra-Patienten: einen jungen Mann, der kaum älter als 18 Jahre alt ist. Anderen Dorfbewohnern, die mit Ausschlag oder anderen Hautveränderungen kommen, gibt Sampson auf Anweisung von John eine Salbe. Alle sind dankbar für die Hilfe vor Ort, die sie nichts kostet.

Nach zwei bis drei Stunden und um die 100 untersuchten Personen kommen keine weiteren Menschen mehr. John setzt sich an den kleinen Tisch im Raum und holt aus der Medikamenten-Box einen großen Ordner heraus. Einen nach dem anderen bittet er die drei neu gefundenen Lepra-Patienten zu sich. Für jeden von ihnen erstellt er ein zwei-seitiges Patienten-Blatt, das neben dem Namen und dem Alter auch die Anzahl der Lepra-Flecken sowie die betroffenen Stellen des Patienten festhält. Eine kürzere Abschrift dieser Informationen erhält Alex, der Gesundheitshelfer. Er wird derjenige sein, der die Einnahme der heilenden Medikamente sowie die Gesundung der Patienten über die nächsten Monate hinweg im Auge behält. Der erste Schritt jedoch geschieht direkt vor Ort: John reicht jedem der Erkrankten die erste Tablette der Antibiotika-Kombination und beobachtet, wie diese mit einem Schluck Wasser geschluckt wird. Die restlichen Medikamente, die über mindestens sechs Monate eingenommen werden, übergibt er danach an Alex.

Medikamentenausgabe an die neuen Lepra-PatientenDirekt vor Ort erhalten die neu gefundenen Lepra-Patienten die erste Dosis der heilenden Medikamente. Foto: Becker / DAHW

Als alle Materialien wieder eingepackt und im Auto verladen sind, heißt es Abschied nehmen. Inzwischen ist auch die letzte Unsicherheit uns Besuchern gegenüber verschwunden. Wir finden uns umringt von den Dorfbewohnern, die uns die Hände schütteln und mit uns fotografiert werden möchten. Immer wieder sagen sie, wie dankbar sie sind, dass John gekommen ist, um sie zu untersuchen, und dass wir ihn begleiten, um zu sehen, wie sie leben.

Tief beeindruckt von der Arbeit, die Fall-Findung bedeutet, steige ich in den Jeep. Mir wird bewusst, dass John durch die frühe Diagnose heute drei Menschen vor den fürchterlichen Folgen einer unbehandelten Lepra-Erkrankung bewahrt hat. Als ich den Dorfbewohnern im Vorbeifahren zum Abschied zuwinke, erfüllt mich ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit für diese Erfahrung und die Möglichkeit, ein Teil dieser Hilfe für erkrankte Menschen sein zu können.

Sonja Becker für das Reiseteam