"Mir schien, als würde die Luft immer dünner."

Tuberkulosepatient Madan

Auf Madan war Verlass. Immer. Er galt als zuverlässiger Lastenträger, zäh und ausdauernd. Die Veranstalter von Expeditionen heuerten ihn an, als Sherpa, der den Bergsteigern und Treckingtouristen die schwere Ausrüstung trug.


Von Rolf Bauerdick

Zelte, Proviant und Sauerstoffflaschen hievte er hoch in die Basislager der Achttausender, zum Annapurna und zum Mount Everest. Bis er selber kaum noch atmen konnte. „Die Lasten wurden schwerer. Mir schien, als würde die Luft immer dünner.“

Der 35-jährige Nepalese unterdrückte den Husten, wehrte sich gegen den schleichenden Verlust an Gewicht, an Kraft, an Lebensenergie. „Ich musste doch Geld verdienen für meine Frau, die kleine Tochter und den gerade geborenen Sohn“.

Madan verlor seinen Job. Seinen körperlichen Verfall führte ein Arzt im nepalesischen Hochland auf eine Typhuserkrankung zurück. Eine Fehldiagnose. Madan nahm die falschen Medikamente ein. Als im Hospital von Nepalgunj endlich seine Lungentuberkulose erkannt wurde, bewegte er sich am Rande des Todes.

Madan vermutet heute, dass er sich bei einer Expedition angesteckt hat. „Kein Wunder“, sagt Hikmat Khadka, „wenn die Tagelöhner in stickigen Zelten über Wochen auf engstem Raum zusammenhocken.“

Khadka ist der Direktor des Referenzzentrums für Tuberkulose in Nepalgunj, das die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe seit 1973 unterstützt. Die heiße und staubige Großstadt liegt im nepalesischen Tiefland an der Grenze zu Indien.

Die meisten Klinikpatienten kommen aus den Bergregionen, wo die Armut einen ebenso idealen wie fatalen Nährboden für Tuberkuloseerkrankungen schafft. „Die Äcker sind karg, die Leute ernähren sich einseitig und vitaminarm“, erklärt Hikmat Khadka.

„Hinzu kommen extreme Kälte, fehlende Hygiene, der beißende Rauch offener Herdfeuer und die Unwissenheit von Menschen, die nie Lesen und Schreiben gelernt haben.“

Im letzten Jahr suchten 32.000 Patienten das Hospital in Nepalgunj auf. 14.000 Sputumproben wurden untersucht und über 1.000 Patienten sogar stationär behandelt. Bei vielen entpuppt sich die Tuberkulose als resistent gegen die meisten gängigen Antibiotika. Diese Menschen müssen sich einer aufwändigen, sehr teuren und zwanzig Monate dauernden Therapie unterziehen.

Frauen wie die abgemagerte Alma. Oder die anämische und ausgezehrte Mina, die hochschwanger ihr drittes Kind erwartet, während sich ihr Mann als Arbeiter in Indien verdingt. Um ihres und das Leben ihres Babys nicht zu gefährden, braucht Mina eine intensive Betreuung.

Daher hilft die DAHW dem Hospital vor allem bei den Personalkosten. Denn ohne die Krankenschwestern in Nepalgunj könnten Kranke wie Alma und Mina nicht einmal ihre Medikamente zum Mund führen.

Die hohe Sterberate der Tuberkulosekranken in Nepal hat einen ganz bestimmten Grund: „Wo Menschen in entlegenen Regionen unter enormen Entbehrungen am Rande des Existenzminimums leben“, so Klinikdirektor Hikmat Khadka, „funktioniert die regelmäßige Einnahme der Medikamente nicht.“ Doch nur diese führt zur Heilung.

Werden die Medikamente nicht regelmäßig eingenommen, können gefährliche Resistenzen entstehen. Deshalb unterstützt die DAHW in Nepal das sogenannte DOT-System („directly observed treatment“, direkt überwachte Behandlung).

DOT zielt auf eine medizinische Begleitung der Patienten und eine strikte Kontrolle bei der Einnahme der lebensrettenden Medikamente. Aber dann müsste Madan bis zum nächsten Gesundheitsposten jeden Tag vier Stunden Fußweg durch die Berge auf sich nehmen, um sich seine Medikamentendosis verabreichen zu lassen.

Schon für einen gesunden Menschen wäre der Weg anstrengend, für Madans Lungen eine Tortur, schlichtweg nicht zu bewältigen. Deshalb bleibt Madan zur Behandlung in Nepalgunj. Seit sechs Monaten hat er seine Familie nicht mehr gesehen. Aber er weiß, weshalb er den Schmerz der Trennung auf sich nimmt. „Wenn ich zurückkehre, bin ich wieder gesund.“

(Abdruck honorarfrei bei Nennung des Autors Rolf Bauerdick.)


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