Deutschlands größtes Leprahospital im Mittelalter

In Koeln hatte das groeßte Leprahospital des Mittelalters seinen Sitz

Köln - Melaten 1180-1810


Die Lepra gilt als älteste bekannte, chronisch verlaufende Infektionskrankheit, die von Mensch zu Mensch übertragen wird. Sie war im Mittelalter auch in Europa  weit verbreitet und machte auch von den Stadttoren Kölns nicht halt.
In Europa sind erste gesicherte Nachweise der Lepra im 4. Jh. n. Chr. im westfränkischen Raum und Südengland zu finden. Erste Leprosorien, in denen die Leprakranken isoliert von der Außenwelt und außerhalb der Städte und Orte lebten, werden in Frankreich im 5. und 6. Jh. erwähnt, gefolgt von den 636 n. Chr. belegten Leprosorien zu Metz, Maastricht und Verdun, St. Gallen um 720 und Echternach 992.

Im 12. Jh. setzt dann die Überlieferung wieder ein, darunter erste Nachweise für Leprosorien in Winkel am Rhein (1106), Passau (1160), Kehlheim (1168) und Köln (1180-89). Mit der zunehmenden Mobilität ganzer Bevölkerungsgruppen und der allmählich wachsenden Anzahl von Städtegründungen nimmt die Anzahl nachweisbarer Leprahospitäler im deutschsprachigen Raum sprunghaft zu.

Die Ausbreitung der Krankheit findet ihren Höhepunkt zwischen dem 13. und 15. Jh. Über 1.000 Leprosenhäuser sind innerhalb dieser Zeitspanne entstanden.
Köln-Melaten, erstmals in der Schreinskarte der Pfarrei St. Aposteln 1180 erwähnt, gehört zu den frühesten Gründungen im damaligen Deutschen Reich. Es lag außerhalb der Stadt, vor dem Ehrentor an der Fernhandelsstraße nach Aachen, im heutigen Stadtteil Lindenthal und entwickelte sich rasch zum größten Leprosorium mit zeitweise über 100 Bewohnern. Kein Wunder, war Köln doch im 13. und 14. Jh. mit ca. 40.000 Einwohnern innerhalb des 400 ha umfassenden Mauerrings die größte Stadt im Reich.

Melaten – nach dem französischen „malade“ (krank, siech) benannt – verfügte bis zu seiner Auflösung 1765 über ein stattliches Anwesen und einem sehr großen Einkommen. Auf der umfriedeten großen Grundfläche von Melaten befanden sich neben den Wohnungen für die Siechen, Unterkünfte für Knechte und Mägde, eine eigene Kirche, die bereits 1245 eingeweiht wurde (heutige Friedhofskapelle von Melaten) mit dazugehörigem Friedhof, ein Wirtshaus (mit eigener Brauerei), ein großer Pachthof und eine eigene Wäscherei. Die regelmäßigen Einkünfte bezog Melaten nicht nur durch den eigenen „Schellenknecht“, der als Angestellter des Hospitals regelmäßig für die Aussätzigen in der Stadt Almosen sammelte, sondern vor allem aus den Stiftungen und Testamenten reicher Bürger. Das Hospital kam dadurch in den Besitz von Häusern in und um Köln, zu Besitzungen im weiten Umland wie z.B. Höfe in Damsdorf, Zieskoven, Stockheim (bei Düren), Benden (bei Bergheim), Landbesitz in Endenich (bei Bonn), in Blatzheim, im Mundersdorfer und Vintzer Feld.

Weitere Erlöse entstammten den Eintrittsgeldern eines jeden Leprösen, der neu aufgenommen wurde, Strafgeldern, Erlösen aus den Sammeldosen des Hauses und Kaufhäusern. Einmal im Jahr erhielten die Kranken in der Fastenzeit 1 Tonne Hering, im Herbst einen Ochsen, an Fronleichnam Leinen, Weißbrot und Wein. Eine feste Einnahmequelle war auch die Gebühr für die Untersuchung von Lepraverdächtigen, die sich in Köln-Melaten zur Lepraschau vorzustellen hatten. Melaten war auch letzte Instanz bei der Lepraschau für viele Städte in Westdeutschland. Ab 1385 wurde die Verwaltung von Melaten durch Ratsherren oder Bürgermeister der Stadt Köln übernommen (Verwaltung der Finanzen und Liegenschaften, Aufnahme und Verweis der Leprösen, Personaleinstellung).

Sie führten auch das eigene Siegel von Melaten (seit 1227), auf dem der arme Lazarus und der reiche Prasser abgebildet waren. Finanzkraft und materielle Ausstattung veranlassten zunehmend mehr reiche Pfründner aus Köln oder ortsfremde Pfründner, sich mit einer Pfründe in Melaten einzukaufen und sich damit das Wohnrecht im Alter dort zu sichern. Vom Ende des 16. Jh. bis Anfang 17. Jh. sind bei den Bewohnern Melatens eine Verweildauer im Leprosorium von wenigen Tagen bis zu 37 Jahren belegt. Spätestens mit dem Rückgang der Lepra ab dem 16./17. Jh. setzt auch ein Funktionswandel in Melaten ein, der Übergang vom ursprünglichen Leprahospital zum Pfründnerhaus.

Damit ging einher ein allmählicher Verfall, verbunden mit der Ausstellung falscher Siechenbriefe nach einer angeblichen Lepraschau, die Gesindel und Räubern  Unterschlupf ermöglichten. Zuletzt flog dort die große Siechenbande auf, die als Räuberbande im Raum Köln auf Beutezüge gingen. Als der Rat 1708 eine große Untersuchung anordnete, waren 8 von 9 Bewohnern nicht leprakrank. 1766 wurde aus Melaten ein Zucht- und Arbeitshaus, dem alle Einkünfte aus dem vormaligen Leprosorium übertragen wurden. Das Haus bestand bis 1801. Am 29.06.1810 wurde der Friedhof Melaten als Zentralfriedhof der Stadt Köln eingeweiht.

Jürgen Belker-van den Heuvel