Hinter den Schleier sehen

Frauen in Pakistan - am Rande der Gesellschaft

Frauen und Mädchen in Pakistan sind in vielen Situationen vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Die strikte Trennung von Mann und Frau in der Gesellschaft macht dies notwendig. Auch Krankheit bildet hier keine Ausnahme. Deshalb sind Patientinnen auf die Hilfe anderer Frauen angewiesen - auf Ärztinnen, die sie behandeln und ihre Nöte lindern.


Seit vielen Jahrzehnten fördert die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe Gesundheitsprojekte in Pakistan. Vor einigen Jahren kam mit der Fluthilfe ein weiteres großes Projekt hinzu. DAHW-Präsidentin Gudrun Freifrau von Wiedersperg reiste mit einer Delegation der DAHW in das asiatische Land, um die Projektpartner vor Ort zu besuchen. Die Begegnung mit pakistanischen Frauen, ihre besondere Verwundbarkeit als Kranke und Hilfsbedürftige, zeigt uns, wie unverzichtbar der Einsatz von Dr. Ruth Pfau und Dr. Chris Schmotzer in Pakistan ist.


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Nur 50 Euro kostet die Standardbehandlung eines Lepra- oder Tuberkuklose-Patienten


Viele pakistanische Frauen können die Welt außerhalb ihres Hauses nur durch einen Schleier sehenViele pakistanische Frauen können die Welt außerhalb ihres Hauses nur durch einen Schleier sehen.

Es gibt keine Berührungsängste

Ruth Pfau erwartete die Gruppe aus Deutschland im MALC (Marie Adelaide Leprosy Centre) in Karachi. Bei den Begegnungen der Gäste mit den Patientinnen gab es keinerlei Berührungsängste. Ganz im Gegenteil, oft suchten die Kranken die Nähe und waren gerührt von den Umarmungen, mit denen ihnen Mut gemacht und Zuversicht gegeben wurde. Diese Momente der Aufmerksamkeit und Zuneigung sind ungewohnt für Frauen in Pakistan.

DAHW-Präsidentin Gudrun Freifrau von Wiedersperg mit Patientinnen in PakistanFrau von Wiedersperg im Gespräch mit einer Patientin im MALC.

In der Regel müssen Frauen und Mädchen im Hintergrund – quasi unsichtbar – bleiben und werden nicht beachtet. Gerade in den ärmeren Bevölkerungsschichten haben Frauen kaum Rechte. Sollten sie krank werden, entscheidet das männliche Familienoberhaupt, ob sie zur Behandlung dürfen oder nicht. Sich von einem Mann untersuchen zu lassen, ist für Frauen in dem patriarchalisch geprägten Land tabu. Sie können nur zu Ärztinnen oder Krankenschwestern gehen – und die gibt es in Pakistan nur selten.

Dr. Ruth Pfau im Gespräch mit einer Lepra-PatientinUmarmungen und freundliche Worte sind eine ganz besondere Medizin.

Vor diesem Hintergrund ist die Arbeit von Dr. Ruth Pfau und Dr. Chris Schmotzer, der medizinischen Leiterin des ALP (Aid for Leprocy Patients) im Norden Pakistans, von besonderer Bedeutung. Ruth Pfau ist bekannt als die „Lepraärztin“, Chris Schmotzer ist eine hochangesehene Expertin für Tuberkulose. Beide Frauen sind aber auch Fachärztinnen für Gynäkologie und unermüdlich in ihrem Einsatz, pakistanischen Frauen die so lebenswichtige und doch so seltene medizinische Versorgung zu bringen.

Etwas zurückgeben wollen

Und manchmal gelingt es diesen engagierten Ärztinnen über die medizinische Hilfeleistung hinaus, den Lebensweg eines ihrer Schützlinge zu beeinflussen, wie das Beispiel von Samina zeigt. Samina kam gezeichnet von schwerer TB ins MALC. Sie war sehr schwach, ihre Situation war fast aussichtslos. Nur eine konsequente, im Krankenhaus überwachte Einnahme von Medikamenten konnte ihr Leben retten. Sie entschied sich zu kämpfen und verbrachte ein halbes Jahr im Krankenhaus, weg von der Familie und den täglichen Pflichten zuhause. „Als es mir besser ging, dachte ich mehr und mehr darüber nach, wie ich etwas von der Hilfe zurückgeben könnte“, sagt die junge Frau heute. Sie erfuhr, dass Gesundheitshelferinnen dringend gebraucht werden.

Ehemalige Lepra-Patientin Samina wird zur Lepratechnikerin ausgebildetSamina wird zur Lepratechnikerin ausgebildet.

Nach vollständiger Genesung will sie im MALC bleiben, um anderen Kranken zu helfen. Jetzt macht Samina eine Ausbildung zur Lepratechnikerin. „Das war die beste Entscheidung meines Lebens“, sagt die 20-Jährige glücklich.

Zwar gab es Widerstände von Seiten der Familie, doch mit Unterstützung von Dr. Ruth Pfau wurde ihr Wunsch erfüllt. Und heute sind ihre Angehörigen stolz über die qualifizierte und von der DAHW finanzierte Ausbildung der jungen Frau.



Nur Frauen können Frauen helfen

Saminas Schicksal ist ein schönes Beispiel dafür, wie die Unterstützung durch die DAHW aus Deutschland positiven Einfluss auf das Leben von pakistanischen Frauen haben kann. Noch ist es selten, dass eine Frau eine Ausbildung machen darf. Aber Vorbilder wie Samina geben den jungen Mädchen Mut.

Dr. Chris Schmotzer im Gespräch mit einer pakistanischen FrauUnbefangen kann Dr. Schmotzer mit den Frauen ins Gespräch kommen.

 „Viele Frauen in Pakistan stehen immer noch am Rand der Gesellschaft – ohne Freiheiten, wie sie für uns in Deutschland selbstverständlich sind, nämlich Entscheidungen ohne Männer zu treffen und sich in der Öffentlichkeit, Schule und im Studium frei bewegen zu können. Ein selbstbestimmtes Leben zu leben, ist für diese Frauen nicht möglich“, sagt Gudrun Freifrau von Wiedersperg rückblickend auf ihre Reiseerfahrungen. Umso wichtiger ist die Tätigkeit der beiden Medizinerinnen Dr. Pfau und Dr. Schmotzer. Beide wissen in ihrer Eigenschaft als Gynäkologinnen um die Tragik in den Familien und helfen, wo sie nur können.

Die Frauen und Mädchen sind dankbar, dass die Ärztinnen und ihre Teams für sie da sind, ihre Leiden mindern und ihnen zuhören. Es sind starke Frauen wie die beiden Ärztinnen, die die Frauen hinter dem Schleier sichtbar machen wollen und ihnen eine Stimme geben. Das können sie nur mit der Unterstützung der Menschen aus Deutschland, die bereit sind, diese Hilfe zu finanzieren.


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