Pakistan: "Geht dorthin, wo niemand hin will!"
Wenn Dr. Ruth Pfau im "New Afghan Camp" auftaucht, klammern sich alle Hoffnungen an die berühmte Lepra-Ärztin.
Es sind "vergessene Menschen, von denen niemand mehr spricht“, die in armseligen Lehmhütten am Rande der pakistanischen 14-Millionen-Metropole Karachi leben. Die meisten von ihnen sind zivile Opfer des Krieges der USA gegen die afghanischen Taliban. Trinkbares Wasser kann man nur kanisterweise kaufen. Es gibt keinen Strom, kaum Essen, keine Medikamente. "Dafür“, sagt Ruth Pfau "grassieren die Krankheiten der Armut, vor allem die Tuberkulose.“
Außer Dr. Pfau und ihren Mitarbeitern sorgt sich niemand um die Gesundheit der Flüchtlinge: Um den 18-monatigen Dada, den stümperhafte Ärzte für den Rest seines Leben zum Krüppel gespritzt haben. Um die Frauen Barfe und Nur Bibi, die an grauem Star erblindet sind und denen eine einfache Operation das Augenlicht zurückgeben könnte. Oder um den tuberkulosekranken Kaleem, der ohne die rettende Medizin sein erstes Lebensjahr mit Sicherheit nicht überlebt hätte.
Wenn die in Leipzig geborene Ruth Pfau am 9. September 75 Jahre alt wird, könnte sie gelassen auf die Früchte eines erfüllten Lebens zurückblicken. Nach ihrem Medizinstudium in Westdeutschland entfloh sie 1960 dem Wohlstand des Wirtschaftswunders, um in Karachi unter den ausgestoßenen Leprakranken zu arbeiten. Heute genießt das von der Ordensfrau gegründete Marie-Adelaide-Lepra-Krankenhaus einen legendären Ruf. Über Jahrzehnte baute Ruth Pfau, maßgeblich unterstützt von der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW), in Pakistan ein flächendeckendes Kontroll- und Behandlungssystem auf. Trotzdem werden allein in Karachi jährlich noch Hunderte mit Leprabakterien infiziert.
Ruth Pfau mit einer schwerbehinderten Leprapatientinnen in Manghopir am Stadtrand von Karachi. Foto: Rolf Bauerdick
"Wir können uns nicht darauf ausruhen, dass Lepra heute heilbar ist und zugleich das himmelschreiende Unrecht ignorieren, das nicht nur den Frauen in Pakistan widerfährt“, sagt Ruth Pfau. Unrecht, wie es die 26-jährige Zahida erdulden musste. Ihr Leidensweg begann, als ihr Vater sie nach pakistanischer Sitte mit einem unbekannten Mann verheiratete. Zahida gebar fünf Töchter, keinen Sohn. Ihr Ehemann schlug und beschimpfte sie, von einer Frau aus einer Leprafamilie sei schließlich auch nichts Gutes zu erwarten. Ihre Schwiegermutter drohte sie mit Kerosin zu übergießen und zu verbrennen. Dass die junge Frau bereits als Kind von der Krankheit geheilt wurde, zählte nicht. Verstoßen und davon gejagt lebt sie heute als alleinerziehende Mutter in Karachi. "Da ihr Ehemann eine rechtsgültige Scheidung verweigert“, erklärt Ruth Pfau, "droht Zahida die Todesstrafe, sollte sie mit einem neuen Partner zusammenleben.“ Ohne die Hilfe Frau Pfaus und ohne die finanzielle Unterstützung der DAHW, die der mittellosen Mutter eine Ausbildung ermöglicht hat, wüsste Zahida nicht ihre Kinder zu ernähren.
In der letzten Zeit ist die Arbeit in Pakistan schwieriger geworden. Und auch gefährlicher. Seit dem terroristischen Anschlag auf das New Yorker World Trade Centre hat sich das Klima im Lande verschlechtert. "Der Afghanistankrieg der USA hat einen religiösen Fanatismus und eine politische Unruhe ausgelöst, die unsere Arbeit nicht leichter machen“, sagt Ruth Pfau. Die Einsätze der Lepra- und Tuberkulose-Assistenten des Marie-Adelaide-Lepra-Krankenhauses sind mit hohen Risiken behaftet. "Das Gefühl der Bedrohung zerrt an den Nerven“, so die Ordensfrau. "Man weiß nie, wo die nächste Bombe hochgeht.“
Dennoch ermutigt Ruth Pfau ihre Mitstreiter immer wieder, "dorthin zu gehen, wo sonst niemand hin will“. Etwa in die heiße und karge Wüstengegend des Sindh, wo die Tuberkuloserate zu den höchsten in ganz Asien zählt, die staatlichen Krankenhäuser aber nicht einmal über ein Mikroskop verfügen. Wochenlang mit dem Landrover zu den Kranken unterwegs zu sein, dass ist heute die Sache jüngerer Generationen, die bei Ruth Pfau ihre Ausbildung erfahren haben. "Meine Aufgabe besteht darin, die Mitarbeiter immer wieder zu motivieren, sich ihre Utopien zu bewahren.“ Nicht als medizinische Fachleute, die Tabletten gegen Bazillen verteilen, sondern die sich auf den Weg machen, "um Menschen zu heilen“.
von Rolf Bauerdick
Kontakt: Renate Vacker, Pressesprecherin, Telefon: (0931) 7948-132, E-Mail: renate.vacker@dahw.de
Ruth Pfau hat mehrere autobiographische Bücher im Herder-Verlag veröffentlicht. Zuletzt erschien im Jahr 2003 "Das Herz hat seine Gründe – Mein Weg“. Kontakt: http://www.herder.de/





