"Zu Weihnachten wünsche ich mir Gesundheit und meine Familie"

Anji mit anderen Kindern beim Spielen

Ein 14-jähriger indischer Junge lernt, die Folgen der Lepra zu besiegen


Anji V. ist glücklich. Seit einem halben Jahr besucht er die Schule in Sivananda, im mittleren Süden von Indien und ist in dieser Zeit nicht gehänselt worden, war nie Ziel des Spotts oder wurde nie als "Leprakranker" ausgegrenzt. Und das liegt nicht daran, dass die anderen etwa Angst vor ihm hätten, weil er mit Abstand der größte und älteste in seiner Klasse ist. Das ist in dieser Schule fast normal, dass ein Kind mit 14 Jahren die 5. Klasse besucht. Denn viele Kinder hatten vorher kaum die Möglichkeit, regelmäßig eine Schule zu besuchen.

Anji erging es nicht anders: Vor fünf Jahren starb sein Vater. Die Familie hat auf einer Müllhalde alles eingesammelt, was sich irgendwie noch verkaufen ließ: Meistens hat der Lohn aber nicht mal für ein Abendessen gereicht. Anji musste daher oft bei seinem Onkel an einem kleinen mobilen Imbiss arbeiten. Dafür bekam er zwar keinen Lohn, aber wenigstens etwas zu Essen - auch, wenn es kaum für alle gereicht hat.

Endlich kann Anji wieder unbeschwert lernen

Endlich kann Anji wieder unbeschwert lernen. Foto: Fabian Fiechter / DAHW

Wenn Anji überhaupt einmal die Schule besuchen durfte, plagte ihn der Hunger. Lernen konnte er so hungrig kaum. Und dann kamen die Knötchen im Gesicht. Erst an den Ohren, später deutlich sichtbar auf dem Kinn. Anji wurde zum Spott seiner Mitschüler. Er schämte sich sehr und ging deshalb lieber arbeiten.

Fast drei Jahre dauerte es, bis die Mutter auf die Idee kam, dass Anji an Lepra erkrankt sein könnte. Die Fahrkarten zum Lepra-Zentrum in Sivananda kosteten fast einen Wochenlohn, aber dafür gab es Gewissheit: Anji hatte Lepra. Ein Jahr lang wurde er dort behandelt und konnte endlich die Schule besuchen. Ohne den entwürdigenden Spott, den er früher schon erlebt hat. Hier stammen alle Kinder aus von Lepra geplagten Familien oder sind, wie Anji, selbst daran erkrankt.

Lebensverhältnisse in den Slums von Hyderabad

Lebensverhältnisse in den Slums von Hyderabad. Foto: Franco / DAHW

"Wir mussten ihn damals richtig aufpäppeln", erinnert sich Dr. Ananth Reddy, medizinischer Leiter des Hospitals, "Anji war unterernährt und viel zu klein für sein Alter. In diesem Jahr bei uns konnte er sich auch davon erholen und schnell wachsen." Nach einem Jahr wurde Anji als geheilt entlassen und kam zurück nach Hause. Dort arbeitete er wieder auf der Müllhalde und ging nur sporadisch zur Schule. Denn dort wussten inzwischen alle von seiner Lepra-Erkrankung.

Zum beißenden Spott kam nun noch die völlige Ausgrenzung, kein anderes Kind wollte mit Anji spielen. Der Lehrer wies ihm einen neuen Platz zu: allein, in der letzten Bank. Selbst seine Brüder wollten nicht mehr, dass er beim Essen neben ihnen saß, sofern es etwas zu essen gab.


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Plötzlich wurde Anji wieder schwächer und bekam starke Schmerzen. Sein Gefühl in den Händen wurde schwächer, die Finger wurden immer unbeweglicher. Manchmal konnte er selbst kleine Teile auf der Müllkippe nicht aufheben, weil seine Hände ihm nicht mehr gehorchten. Es schien, als würde die Lepra zurückkommen.

Erfolgreiche Operationen an der Hand dank spezieller OP-Technik

Erfolgreiche Operationen an der Hand dank spezieller OP-Technik. Foto: Franco / DAHW

Bei einer Nachuntersuchung stellten die Ärzte aus Sivananda fest, dass Anji an schweren Lepra-Reaktionen (Immunreaktionen des Körpers) litt, die starke Schmerzen verursachen und nur schwierig - meist mit Kortison und Entzündungshemmern - zu behandeln sind. Auch waren seine Nerven in den Armen durch die Krankheit so geschädigt, dass die Hände fast taub waren. Anji konnte einige Muskeln der Hände nicht mehr nutzen und somit seine Finger kaum noch bewegen.

Seit über einem halben Jahr ist Anji nun wieder in Sivananda, und Dr. Reddy sieht, wie es ihm Tag für Tag besser geht: "Die Knötchen im Gesicht sind fast verschwunden, die Schmerzen erträglich, und die Finger kann er auch schon etwas besser bewegen." Eine Kombination aus Physiotherapie und Medikamenten macht es möglich, manchmal unterstützt durch kleinere Operationen an den Nervenbahnen des Unterarms. Ärzte in Sivananda haben sich seit vielen Jahren spezialisiert, sind inzwischen berühmt für ihre Erfolge dieser Behandlung.

Anji hat in Sivananda Freunde gefunden

Keine Ausgrenzung mehr - Anji mit einem Freund. Foto: Fabian Fiechter / DAHW

Manchmal ist Anji trotz der Heilungserfolge traurig, weil er seine Mutter kaum sehen kann. Die Busfahrkarte für die fast 40 Kilometer können sie sich kaum leisten, nur für besondere Anlässe sparen sie sich das Geld vom Munde ab. "Weihnachten", strahlt Anji, und es sprudelt förmlich aus ihm heraus: "Weihnachten möchte ich bei meiner Mutter sein. Ich möchte ihr mein Gesicht zeigen und wie gut ich meine Hände wieder bewegen kann, wie gut ich lesen, schreiben und rechnen kann und wie gesund ich jetzt wieder bin. Und ich wünsche mir, dass wir uns öfter sehen, auch wenn ich weiter hier bleiben und meinen Schulabschluss machen möchte."

Nach erfolgreicher Behandlung sollen Patienten eigentlich wieder zurück zu ihren Familien gehen, aber bei Anji ist das nicht so einfach, erklärt Dr. Reddy: "Wir bereiten ihn jetzt vor, dass er bald eine ganz normale, öffentliche Schule besuchen und dort seinen Abschluss machen kann. Und dann sehen wir weiter."

Anji hört dies und setzt sich gleich wieder an seine Übungen. Die Hand auf Augenhöhe halten und versuchen, die Finger gerade zu machen und wieder zu beugen. Immer wieder, während er gleichzeitig für die Schule lernt. Damit die Muskeln wieder besser funktionieren. Das ist seine Art der Dankbarkeit: die Möglichkeiten nutzen, die ihm in Sivananda geboten werden.