10. Lepra und Public Health

Mehr noch als andere Krankheiten betreffen Infektionserkrankungen und ihre Auswirkungen immer die ganze Gesellschaft.


So ist auch die Lepra des Einzelnen ein individuelles und ein öffentliches Problem, das eine personenbezogene Antwort ebenso erfordert wie eine gemeinschaftliche. Methoden zur Kontrolle von gesundheitlichen Risikofaktoren zählen zum Arbeitsgebiet der Disziplin Public Health. Auch im Fall der Lepra kreist letztlich alles um die Beantwortung der Frage, wie sich eine gegebene Infektion mit ihren Auswirkungen unter Einsatz minimaler Ressourcen möglichst umfassend eindämmen oder besser noch ausrotten läßt. Diesbezügliche Aktivitäten werden zum Zwecke der Koordination in Kontrollprogrammen gebündelt. Lepra-Hilfswerke wie die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e.V. sehen daher in - wo immer sie existieren -nationalen Leprosy Control Programmes die idealen Partner zur Hilfe für möglichst viele von der Seuche Betroffene.
Eine Reihe von Punkten zur Kontrolle der Epidemie wurden schon angesprochen:
  • Die frühe Erkennung und sachgerechte Therapie der Lepra spielen eine Schlüsselrolle nicht nur in der Behandlung des Individuums, sondern indirekt auch im Durchbrechen der Infektions-Kette
  • Frühe Erkennung und sachgerechte Therapie bauen nicht nur auf einer adäquaten medizinischen Infrastruktur auf, sondern darüber hinaus auf einem angemessenen Wissensstand des medizinischen Personals, der Patienten und der Allgemeinbevölkerung.


In Ergänzung dessen sind eine Reihe weiterer Aspekte zu beachten:


  • Erfolgreiche Lepra-Kontrolle ist nur mit einem ausgereiften Dokumentationssystem möglich, wo jeder Patient registriert ist und die Behandlung verfolgt wird
  • Ebenso wichtig ist ein funktionierendes Überweisungssystem, das jedem Patient eine ihm und seinen etwaigen Komplikationen angepaßte Behandlung garantiert
  • Die effektive und effiziente Behandlung der Lepra beugt einem vorzeitigem Abbruch der Behandlung am besten vor, nichtsdestotrotz sollten Maßnahmen zum Aufsuchen der die Therapie unterbrechenden Patienten (defaulter) getroffen werden
  • Die kontinuierliche Medikamentenversorgung und ein funktionierendes Transportnetz müssen organisiert werden
  • Die Mitarbeit aller Betroffenen (Personal, Patienten und Bevölkerung) wird maßgeblich durch angepaßte Aufklärungsarbeit und Fortbildung gesichert
  • Schließlich sollte der Fortschritt der Lepra-Kontrolle regelmäßig überwacht und ausgewertet werden

Die Auswertung oder Evaluierung des Programms stützt sich auf bestimmte epidemiologische Parameter (Indikatoren), deren Grundlage das Dokumentationssystem ist. Idealerweise sollten sie nicht nur der Bestandsausnahme, sondern gerade und vor allem auch der Adjustierung der Programm-Aktivitäten für die Zukunft dienen. Schließlich sind bei jeder Erkrankung auch ihre finanziellen Auswirkungen und die Kosten ihrer wirksamen Eindämmung (die Kosteneffektivität der Bekämpfung) von Bedeutung. Zum Bedauern vieler Helfer und Experten in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit kann gerade in den Ländern niedrigen Nationaleinkommens kaum ein humanitäres Problem mehr losgelöst von wirtschaftlichen Zwängen betrachtet werden. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß die Lepra-Kontrolle auch aus der Perspektive des Gesundheitsökonomen eine äußerst dankbare Intervention darstellt: Der durch die Krankheit verursachte Schaden gilt als derart beträchtlich, daß ihre Eindämmung auch von erwiesenem volkswirtschaftlichem Nutzen ist.
Diese besondere Rolle der Lepra-Kontrolle im Schnittpunkt verschiedener gesundheitspolitischer Ansätze macht sie zu einem außergewöhnlich faszinierenden Aufgabengebiet im epidemiologischen Arbeitsgebiet Disease Control wie auch in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit.