Bei Lepra-Medikamenten droht ein Engpass

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DAHW fordert Offenheit im Umgang mit Patientenzahlen


(Würzburg/ Münster, im Januar 2008). Die offizielle Zahl der Leprakranken sinkt seit fünf Jahren, und doch droht die Seuche zurückzukehren. Aktuell fehlen die notwendigen Medikamente in einem der am meisten betroffenen Länder: Brasilien. Dort hat man über Jahre hinweg viele Neuerkrankungen nicht in die offizielle Statistik aufgenommen. Zwar wurde die Zahl von höchster Ebene im Gesund-heitsministerium inzwischen korrigiert, doch noch immer fehlen über 5.000 "nicht offiziell registrierte Fälle“ bei der Berechnung der notwendigen Medikamente. Diese Menschen warten nun auf ihre Medizin.

Auch in diesem Jahr werden wieder mehr als 250.000 Menschen neu an Lepra erkranken. Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) schätzt die tatsächliche Zahl der Neuerkrankungen jedoch deutlich höher. Grund für diese Ein-schätzung ist die weiterhin erfolgende Übertragung der Infektionskrankheit. Ein Indikator dafür ist der Anteil von erkrankten Kindern, der seit Jahren konstant bei rund 10% liegt. Auch der gleichmäßige, aber nur äußerst geringe Rückgang von Neuerkrankungen außerhalb Indiens – ähnlich wie vor einigen Jahren in Brasilien – stützt diese These.

 
Offizielle Statistik weist riesige Lücken auf

"Unsere Schätzungen waren bereits vor drei Jahren in Brasilien realistischer als die offiziellen Zahlen über die Neuerkrankungen bei Lepra“, erklärt der medizinische Leiter der DAHW, Adolf Diefenhardt zu der Differenz bei den Zahlen. Nach der offiziellen Statistik sank die Zahl der Neuinfektionen weltweit von 620.000 (2002) auf 260.000 im Jahr 2006. Allein in Indien ging diese offizielle Zahl im gleichen Zeitraum von 470.000 auf 140.000 zurück. Für Lepra-Arzt Diefenhardt ein Indiz für die geringe Aussagekraft dieser Statistik: "Aus medizinischer Sicht ist ein so schneller Rückgang fast unmöglich. Und man muss kein Prophet sein, um für das Jahr 2007 ein weiteres Absinken auf unter 120.000 offizielle Neuerkrankungen in Indien zu erwarten.“

Mit dieser Zahl würde Indien auf weniger als einen neu erkrankten Leprapatienten pro 10.000 Einwohner kommen – nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gälte die Krankheit damit in Indien als "eliminiert“ und stellte kein gesundheitliches Problem mehr dar. Ein Ziel, das auch ärmere Entwicklungsländer bereits erreicht haben oder in diesem Jahr erreichen dürften.

Ein weiteres großes Fragezeichen stellen die "silent transmitters“ dar: Diese "stillen Überträger“ sind selbst nicht erkrankt und immun gegen die Krankheit. Allerdings können diese Menschen trotzdem das Leprabakterium weiter verbreiten. Laufende Studien sollen hier endgültige Gewissheit verschaffen und den Einfluss dieses Phänomens auf die Übertragungswege erklären.

Schon heute eine Gefahr: fehlende Medikamente gegen Lepra

Die Gefahr der Zahlenspiele: aufgrund zu niedriger offizieller Zahlen werden weniger Medikamente bestellt, verschickt und auch produziert. Dies führt aktuell bereits in Brasilien zu Engpässen bei der medizinischen Versorgung. Im besonders stark betroffenen Bundesstaat Mato Grosso sind Leprakampagnen bis auf Weiteres eingestellt. Für viele Erkrankte gibt es keine Medikamente, und sie müssen auf ihre Behandlung warten.

Die DAHW fordert daher Politiker und Meinungsbildner weltweit auf, sich um die-se Gefahr bereits jetzt zu kümmern und nicht erst dann, wenn es zu spät sein wird: "Wenn wir jetzt aufhören, wird die Seuche zurückkehren“, hat die international ausgezeichnete Lepra-Ärztin Dr. Ruth Pfau oft gesagt. Damit dies nicht passiert, muss die Lepra mit den echten Zahlen mehr Gewicht auf der gesundheitspolitischen Agenda bekommen.


Seit Jahren kämpft die DAHW aus Gründen der Menschlichkeit gegen die Stigmatisierung von Leprapatienten. Die Stigmatisierung ganzer Länder hingegen ist eine Ursache für die großen Differenzen in den offiziellen Statistiken. Gerade Schwellenländer wie Indien oder Brasilien müssten für einen ehrlicheren Umgang mit der Lepra belohnt anstatt für die hohe Zahl von Neuerkrankungen geächtet werden, fordern die Experten der DAHW.

Lepra ist mit einer Kombination aus Antibiotika in sechs bis zwölf Monaten heil-bar. Die Medikamente werden den Ländern von der WHO auf Grundlage der offiziellen Statistiken zur Verfügung gestellt. Die DAHW und andere Hilfswerke ermöglichen Patienten den Zugang zu Behandlung und Medikamenten. Die Behandlung kostet im Durchschnitt 50 Euro.

Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) sorgt seit 1957 dafür, dass Leprapatienten Zugang zu Gesundheitsdiensten bekommen. Sie unterstützt heute nationale Lepra- und Tuberkulose-Kontrollprogramme, Krankenhäuser, bildet medizinisches Fachpersonal aus und fördert Rehabilitationsmaßnahmen für Menschen mit Behinderungen. Für 302 Projekte in 33 Ländern stellt die DAHW 2008 rund 12,3 Millionen Euro zur Verfügung.

Hinweis für Redaktionen:
Vom 30. Januar bis zum 4. Februar 2008 findet in Hyderabad / Indien der 17. Internationale Leprakongress statt. Veranstalter ist die International Leprosy Association (ILA) in Zusammenarbeit mit der indischen Regierung. Unterstützt wird der Kongress u.a. von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Internationalen Vereinigung der Leprahilfswerke (ILEP), deren Gründungsmitglied die DAHW ist. Mehr Informationen zum Leprakongress unter: http://www.17ilc2008.com/


In Hyderabad stehen Ihnen als Ansprechpartner zur Verfügung:

  • Dr. Adolf Diefenhardt, medizinischer Leiter der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW)
  • Jochen Hövekenmeier, Pressereferent,
    mobil:(0 17 2) 54 53 014 oder dahw-presse@web.de

Zur aktuellen Situation in Brasilien steht Ihnen Manfred Göbel zur Verfügung. Der DAHW-Repräsentant ist zur Zeit auch ILEP-Koordinator für Brasilien und ist in Deutschland als Buchautor bekannt geworden.

Kontakt über DAHW-Pressestelle: presse@dahw.de

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