"Ich halte still ihre Hand"

Sudan - Rumbek: Adak Manyang und ihre Tochter Anhak, die auf der TB-Station in Rumbek behandelt werden

18.08.2005, am zweiten Tag ihrer Reise besuchte Anne Will, die Botschafterin der Aktion "Gemeinsam für Afrika", eine Station für Leprakranke und eine Volksschule in Rumbek.


9:00 Uhr, Rumbek,
African Expedition Camp

Andreas kommt eigentlich aus Lippstadt. Über viele Umwege ist er in der provisorischen Hauptstadt Südsudans gelandet und managt seit einigen Wochen das "African Expedition Camp", den größten Campingplatz der Stadt. In den 400 Zelten wohnen Journalisten, UN-Bedienstete und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt. Sie wollen dabei sein, wenn hier der neue Sudan geplant wird. Es gibt viel zu tun. Noch sind es nur Schlammpisten, die durch Rumbek führen, Ziegen und Kühe haben Vorfahrt. Die meisten der 300.000 Bewohner leben in kleinen Rundhütten aus Stroh. Es ist noch früh, aber die Sonne brennt schon jetzt vom wolkenlosen Himmel.

10:20 Uhr, Arcangelo-Ali-Krankenhaus
Die 22-jährige Adak Manyang hält ihre einen Monat alte Tochter ganz fest. Anhak, Adaks drittes Kind, liegt schwach in ihren Armen. Als ihr eigener Husten nicht mehr weggehen wollte, ließ sich Adak in der mit deutscher Hilfe aufgebauten Tuberkulose-Station untersuchen. Das war vor zwei Wochen. Die Ärzte fanden schnell heraus: Adak leidet an Tuberkulose, ihr Baby vermutlich auch. Ein halbes Jahr müssen die beiden jetzt im Krankenhaus bleiben. So lange dauert die Behandlung. Um Adak, Anhak und 130 weitere Patienten auf seiner Station kümmert sich der Arzt Joseph Lou Kenyi. Im mehr als 20 Jahre langen Bürgerkrieg in Südsudan, sagt er, hat sich die Lungenkrankheit wieder stark ausgebreitet.
Gut 250 neue Fälle hat er im vergangenen Jahr diagnostiziert. Wenn TB rechtzeitig behandelt wird, können die Patienten leicht geheilt werden. Doch jährlich sterben hunderte, die nicht wie Adak und Anhak zur Untersuchung gehen. Immer häufiger melden sich in Rumbek Patienten mit TB, die zugleich an der Immunschwäche HIV/Aids leiden. Für sie kommt oft jede Hilfe zu spät.

Nelson Monday weiß, dass er nicht mehr lange leben wird. Dennoch wirkt er gefasst. Der 27-Jährige ist bis aufs Skelett abgemagert. Seine Augen treten hervor, als er mit mir spricht. Vor einiger Zeit ist Nelson von Uganda nach Rumbek gekommen, um als Lehrer zu arbeiten. Jetzt will er unbedingt zu seiner Familie zurück und in ihrer Mitte sterben. Doch die Reise würde er derzeit nicht überstehen. Mit speziellen Medikamenten und viel Obst will Doktor Kenyi ihn jetzt so weit hochpäppeln, dass Monday seine letzte Reise antreten kann. Im Bürgerkrieg gibt es keine Statistiken. Keiner weiß, wie viele HIV/Aids-Infizierte genau es in Südsudan gibt. Ärzte wie Doktor Kenyi vermuten, dass es noch vergleichsweise wenige sind. Doch jetzt, nach dem Friedensschluss, wird die Zahl wohl sprunghaft steigen. In Ruanda haben Ärzte gesehen: Wenn Grenzen geöffnet und neue Straßen gebaut werden, kommen die Lastwagen und mit ihnen die tödliche Immunschwäche.

Anne Will spricht mit Nelson Monday, der an TB und HIV/AIDS erkrankt ist. Foto: Gemeinsam für Afrika / Thomas Einberger
Anne Will spricht mit Nelson Monday, der an TB und HIV/AIDS erkrankt ist

Einige Zimmer weiter treffe ich auf Mary Abol. Das linke Bein der 62-Jährigen liegt steif auf dem Krankenbett. Von ihrem linken Fuß ist nur noch ein in Mullbinde verbundener Stumpf geblieben. Mary hat Lepra. Wie viele andere auch, habe ich gedacht, dass es die Krankheit gar nicht mehr gibt. Doch in Wirklichkeit gibt es jedes Jahr weltweit eine halbe Million Neuinfektionen. Als Mary vor fünf Jahren zum ersten Mal auf die Station kam, war die Erkrankung noch frisch. Der Arzt strich mit Watte über ihren Körper: Dort, wo Mary nichts mehr spürte, hatten die Lepra-Bakterien ihre Nerven bereits angegriffen. Doch mitten in der Behandlung floh Mary zu einem Wunderheiler, der ihr viel Geld abnahm und nicht helfen konnte. Jetzt ist sie wieder hier und wird mit Antibiotika behandelt. Aber ihren Fuß werden die Ärzte ihr nicht zurückgeben können. Viele von Marys Freunden haben Angst, die "Aussätzige" zu berühren. Sie fühlt sich deshalb oft einsam. Ich halte still ihre Hand.


Für einen Leprapatienten ist es ganz besonders wichtig, dass man keine Angst hat ihn zu berühren.

15:00 Uhr, Volksschule Rumbek
John beordert mich an die Tafel. Eigentlich wollte ich dem Mathe-Unterricht diesmal wieder nur aus der letzten Reihe zusehen, aber jetzt muss ich ran. Die erste Aufgabe kriege ich hin: 49= 7y+7. 7 mal 6 ist 42, plus 7 macht 49. Ich hatte immerhin Mathe-Leistungskurs. Die zweite Aufgabe aber ist mir zu schwierig, und auch die dritte ist ganz schön kompliziert. Ich ernte einen riesigen Lacher, als ich die gut 50 Achtklässler auf den nackten Steinbänken nach einem Taschenrechner frage. Dann verrechne ich mich natürlich, und John macht seinen Schülern Mut: Seht ihr, wenn Ihr auch Schwierigkeiten mit Mathe habt, könnt Ihr immer noch zum Fernsehen.


Im Angesicht der Tafel: Anne Will rechnet

Text: Marc Engelhardt
Fotos:Thomas Einberger



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"Gemeinsam für Afrika” ist eine gemeinschaftliche Aktion von 33 Hilfsorganisationen. Anne Will ist Botschafterin der Aktion, Schirmherr ist Bundespräsident Horst Köhler.
Mehr Informationen unter http://www.gemeinsam-fuer-afrika.de/