"Tote und Verwundete in jeder Familie"

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Die Ordensfrau Ruth Pfau berichtet von ihrer Hilfe für Erdbeben-Opfer in Pakistan.


12.10.2005
"Es sieht so idyllisch aus wie ein Picknick: Zwei Zelte auf einer grünen Wiese, Kinder überall, Bäume und Herbstblumen. Aber wenn Du genauer hinsiehst: Ein sechs Wochen altes Baby – die Mutter, unter dem eingestürzten Dach verschüttet, hatte den Säugling durch ein Loch hinausgereicht und gesagt: "Ich komme hier doch nicht wieder heraus“. Sie war an der Hüfte eingeklemmt und starb nach 20 Minuten. Jetzt haben wir das Baby in Rawalpindi. Ich glaube, wir bringen es durch; es scheint, als hätte es sich nur den Oberschenkel gebrochen.

Die Kinder haben seit drei Tagen keine warme Mahlzeit gesehen, und auch wir haben nur Kekse und Äpfel. Der Lastwagen, der den Nachschub bringt, wird erst morgen kommen. Wir teilen, was wir haben: Wasser, Decken, Seife, Kekse, Obst, und wir hören zu.

Gestern Abend, zur Zeit des Fastenbrechens dachte ich, wie rasch schützende Sozialstrukturen nachgeben. Das ist nicht mein erster Ramazan, den ich in Azad Kashmir verbringe. Das abendliche Fastenbrechen war immer ein Fest. Man saß zusammen und wartete, dass die Stimme des Maulana erklang, dann reichte man Datteln, Wasser, Kleingebäck. Auch heute wartete man noch auf die Stimme des Maulana. Aber dann sitzt man, wo man gerade ist, und nimmt zu sich, was man gerade hat; gestern haben wir alles verteilt, über Nacht war nichts mehr übrig. Wir hoffen, dass wenigstens heute keiner fasten muss, dass uns der Nachschub bis zur Mittagszeit erreicht.

Die jungen Leute tragen Schutzmasken, irgendjemand muss sie verteilt haben, und sie müssen sie als hilfreich empfunden haben. Der ständige Gestank der verwesenden Kadaver von Menschen und Vieh ist schwer zu ertragen. Die Toten aus den Trümmern zu bergen, daran hat sich bis jetzt noch keiner gemacht, zumal nach den Lebenden auch erst seit gestern gesucht wird. 300 Kinder sind unter den Trümmern ihrer Schulen allein hier in der Nachbarschatt umgekommen. Gezählt hat die Todesopfer noch niemand. Die Überlebenden begraben wen sie finden, hinter den Trümmern unseres ehemaligen TB-Zentrums.

12.10.2005
"Wir campieren auf dem Gelände unseres Krankenhauses, über dem Neelum Fluss. Eine der Quellen am Flussufer ist nicht verschüttet, so dass wir Trinkwasser schöpfen können. Die halbe Fläche ist schon zum Friedhof geworden. Wir haben keine Erlaubnis dafür, aber wo soll man denn seine Toten begraben?

Das ehemalige Krankenhaus ist ein Trümmerhaufen; ich habe mir nie vorstellen können, dass ein ausgedehntes Gebäude so in toto zusammenstürzen kann. Es sieht aus, als hätte man es zusammengefaltet, halbiert. Für die Patienten war es glücklicherweise noch zu früh, vier waren auf der Veranda und sind noch herausgekommen. Von den Mitarbeitern sind vier leicht, zwei schwer verletzt. Das Team hat sie noch lebend aus den Trümmern geborgen, sie haben die schweren Zementplatten in einem Wahnsinnstempo in Gemeinschaftsarbeit mit einfachen Hämmern bearbeitet, bis ein Loch groß genug war, um die Verletzten herauszuziehen.

Eine unserer Mitarbeiterinnen war schon tot. Ein Mitarbeiter war verschollen, tauchte aber gestern wieder auf. Er war entkommen und nicht mehr zum Platz des Grauens zurückgekehrt, weil seine Familie auch kein Dach mehr über dem Kopf hatte. Dann erfuhr er, dass wir gekommen waren, und hat damit wenigstens unsere Sorgen etwas erleichtert.

Röntgenabteilung , Labor, und die gesamten unersetzlichen Patientenkarteien liegen nun unter den Trümmern. Es hat sintflutartig geregnet und es regnet immer noch. Da lässt sich wohl nichts mehr retten. Und Mitarbeiter, die noch nach ihren überlebenden oder toten Angehörigen unter den Trümmern ihrer Häuser suchen, kann man nicht bitten, Patientenkarteien auszugraben.

Die beiden Wagen sind spurlos verschwunden. Etwa unter den Trümmern? Oder von Familien, die das Transportmittel brauchten, entführt? Am dritten Tage finden wir sie, einen morgens, den anderen am Nachmittag, und schaffen es, dass sie uns wieder ausgeliefert werden. Die Nummernschilder haben sie entfernt, wir werden sie in Rawalpindi nachmachen lassen.

Ein paar Hölzer ziehen wir noch unter den Steinen hervor, um uns eine Tasse Tee zu kochen. Teeblätter, Zucker, Milchpulver haben wir mit, das Wasser gibt die Quelle. Zur Erleichterung von Familien und Team haben wir jetzt wenigstens morgens und abends eine Tasse heißen Tee. Wir haben einen einzigen Kochtopf mittlerer Größe, woher, das wissen wir nicht, aber wir setzen Kochutensilien auf jeden Fall auf unsere Notstandsliste, wo wir schon Kerzen, Streichhölzer, Taschenlampen mit Batterien stehen haben. Und Regenschirme! Wir können und können keine Zelte auftreiben, aber unter einem Regenschirm haben wenigstens die Kinder ein wenig Schutz.

Wir haben die Nacht im Jeep geschlafen. Wir, das sind meine kleine Mitschwester Almas, und ich. Die Botschaft hat uns Schlafsäcke gestiftet, und das deutsche Technische Hilfswerk (THW) hat sie ausgeliefert. Herrlich warm! Nachts meldet sich das Erdbeben wieder, aber nicht ernstlich. Am Morgen ist alles nass, wegen des profusen Morgentaus. Und wir haben sowieso nur den zweiten Tag keinen Regen.

Shabir hatte heute Nacht bei seinen Verwandten geschlafen. Sie wohnen auch auf der Strasse, haben aber einiges von ihren Möbeln retten können. Shabirs Kinder haben wir gestern nach Rawalpindi evakuiert, damit er frei sein kann für Rettungsarbeiten. Er und die Männer der Umgebung haben heute Nacht sechs Einbrecher festgenommen. Einbrecherbanden, die in der zerstörten Stadt stehlen, das ist eine ernste Gefahr heute. "Nur ein einziger Mann unter ihnen war aus Muzaffarabad“, sagt Shabir, der, der den Weg gewiesen hat, er hatte noch 2800 Rupees in der Tasche. Die anderen sind alle aus Pakistan (also von außerhalb des Sonderdistrikts Kaschmir) und hatten keine einzige Rupee bei sich.

14.10.2005
Die Männer sitzen auf den Trümmersteinen, die sie sich als Sitzgelegenheiten auf die Wiese geholt haben, um Nachrichten auszutauschen. Die Geschichten sind immer dieselben: Wir haben sie nicht zeitig genug unter den Trümmern unter den Erdlawinen herausholen können. Wir haben keine Maschinen, wir können es nur mit unseren Hämmern und Schaufeln versuchen. Mit unserem Team stehen wir vor den Trümmern des Krankenhauses. Hier lag Inshaullah, wir konnten seine schwache Stimme hören. Wenn wir das abgesackte Dach abtragen können, dann kriegen wir ihn, dachten wir uns, noch raus, und dann haben wir abwechselnd und zusammen gehämmert und gehämmert.... Und dann haben wir auch unsere Hilfsschwester gefunden, aber die war schon tot, und wir konnten sie nur noch begraben. Und ob noch vielleicht vier Patienten unter den Trümmern liegen, das wissen wir auch nicht. Auf einmal so viele, so viele werden nie ein Begräbnis haben.

Unsere Lepra-Assistenten sind bis zu drei Tagen zu Fuß über die Berge unterwegs gewesen, als sie erfuhren, dass wir in Muzaffarabad seien. Den ersten Tag saßen wir nur zusammen, verstört, wie versteinert. Auch ich konnte und wollte nichts sagen. Ich wusste auch nicht, wo und wie und ob und wann anfangen. Und mit was? Dann kam der erste Lastwagen, aber ohne Zelte. Die große Enttäuschung! Aber wenigstens Decken und Lebensmittel hat er gebracht. Und am dritten Tag fingen die Menschen an, unter den Trümmern zu suchen. Militär, Hilfsorganisationen begannen mit ihrem Einsatz.

Helikopter aus dem Ausland besprühen die Stadt aus der Luft; man kann den Kadavergeruch nicht mehr ertragen, doch Tote bergen sie nicht. Das Militär sucht nur noch nach Überlebenden, sie hat dafür die nötigen Maschinen. Gestern haben wir zwei gefunden. Wir, wir fühlen alle das gleiche ...

14.10.2005
Nachts im Jeep. Über die Bundeswehr haben wir Schlafsäcke bekommen, jetzt hoffen wir nur, dass uns keiner überfällt. Und selbst wenn sie es täten: Hier braucht wirklich jeder alles. Ein Vormittag im Hauptquartier aller Hilfsorganisationen und des deutschen Technischen Hilfswerks. Wir haben ein paar neue Freunde gewonnen; sie sind unbeschreiblich hilfreich. Das tut uns gut. Dann ins pakistanische Hauptquartier. Es ist nicht möglich, nach Athmugam zu kommen. Der Fahrweg im engen Tal des Neelum-Flußes ist total verschüttet, schon drei Kilometer außerhalb von Muzaffarabad kommt man nicht mehr durch. Das Flüchtlingslager am Neelum drei Kilometer außerhalb Muzaffarabads, hat drei Tage darauf warten müssen, ehe die Armee mit einem Helikopter die Verwundeten evakuierte. Die Bilanz: Schätzungsweise 500 Tote (die genauen Zahlen kennt keiner).

Der Hubschrauberlandeplatz liegt voll von Verwundeten. Die Ärzte der Armee kümmern sich um sie. Wir schaffen es, an den General heranzukommen, der die Huschraubereinsätze organisiert. Er kennt uns, er hat zwei Jahre lang in Kundl Shahi, in einer felsigen Enge des Neelum, gedient. Er sagt uns jede Unterstützung zu. Später erfahre ich, dass er der Gesundheitskommissar von Azad Kashmir ist, den ich seit 6 Monaten zu treffen versuche.

Zurück beim Technischen Hilfswerk. Die reizende junge Tierärztin und Hygienikerin, Oberstleutnant Dr. Rossmann, bietet uns eine Vorratsflasche auf der Veranda an, die wir dankbar annehmen. Das Team räumt seine Kühltruhe aus: Vollkornbrot ... , wir haben die erste warme Mahlzeit seit drei Tagen, braune Bohnen mit Käseeinlage, Obstsalat, Nachtisch (den wir vor dem Hauptgericht essen), sauberes Trinkwasser. Schließlich packen sie uns zwei Kartons mit Wasserflaschen und Esswaren voll.

Nach drei Stunden sind wir zurück. Dazwischen liegt eine traumatische Erfahrung. Der erste Lastwagen mit Lebensmitteln ist angekommen. Wir waren auf so etwas nicht vorbereitet, sonst hätten wir ihn gleich unter Militärschutz in das THW-Camp gefahren. So konnten wir nichts anderes tun als austeilen, der Menge, dem Mob, der sich – weiß Gott woher – im Handumdrehen angesammelt hatte, teils unbewaffnet, teils aber bewaffnet. Kinder in Lumpen und barfüssig in der Kälte, aber die Patronen für ihre Kalashnikoffs, die hatten sie. Und man kann es ihnen nicht einmal vorwerfen, den Räuberbanden, die sich da zusammenrotteten und die Verzweiflung derer nutzen, die alles verloren haben.

Es war nicht daran zu denken, irgendetwas für unsere Patienten zu retten. Den zweiten Lastwagen fingen wir vorher ab, fuhren mit ihm direkt zum deutschen Stützpunkt. Von dort fuhren Sie die Güter unter Militärschutz zu uns ins Camp. Zwischendurch organisierten wir, dass die pakistanische Luftwaffe die Sachen mit ihren Hubschraubern in die weit entfernten Dörfer im Neelumtal mitnimmt. Zurück in Plate stellte es sich heraus, dass keiner der Lepra-Assistenten bereit war, die Verteilung zu übernehmen. Wenn ein Hubschrauber landet, und die kommen ja alle vom Militär, wirft die Besatzung die Hilfsgüter auch nur aus dem Hubschrauber auf die Landefläche, dann geht das Gerangel los, dann laden sie die Schwerkranken ein und fliegen zurück. Eine geregelte Verteilung zu versuchen, würde uns das Leben kosten. Wir werden also neue Pläne machen.

Die Nacht im Jeep. Meine kleine Mitschwester Almas genießt die Situation! Das macht es mir leichter. Wir haben uns ein wenig eingewöhnt, wie man auf 60 x 180 cm Wohnfläche lebt, arbeitet und schläft, aber dann wimmert das Baby die ganze Nacht im Zelt. Der Regen hat zwar aufgehört, die Sterne stehen am Himmel, aber durch den Bodennebel sind die draußen Schlafenden völlig durchnässt.

Die erste Periode der Erstarrung scheint vorbei. Menschen graben in den Trümmern ihrer Häuser nach ihrem Besitz, bringen ihn auf engen gefährlichen Bergpfaden in unser Klinikgelände; dort, meinen sie, ist er sicher.


Viele Verletzte können nur notdürftig versorgt werden.

Ilyas, unser Mann in Islamabad, hat herausgefunden, dass sich eine Gruppe junger Männer als Hilfstruppe konstituiert hat. Sie nennen sich ‚Rote Brigade’. Wir kennen die meisten von ihnen, und alle kennen uns. Sie haben eine Telefonverbindung nach Pakistan hergestellt, stellen uns Sicherheitskräfte für unsere Lebensmittellager zur Verfügung, und jetzt bauen sie uns eine Toilette. Ob man sich auf diese Jungen mit Kalashnikoffs verlassen kann, müssen wir erst durch unsere Quellen erfragen. Gestern am ersten Tag schon haben unsere Leute eine kleine Toilette gebaut, für die Frauen, wirklich phantasievoll, das Baumaterial aus der Wand einer Ruine hat noch einen völlig intakten weißen Klingelknopf. Wir müssen doch lachen. Das Team ist voll beschäftigt, das Camp zu etablieren. Man hört noch kein Lachen, aber man bekommt gelegentlich schon ein Lächeln des Einverständnisses.

Das Erdbeben
Man weiß alles darüber. Es ist auf allen Fernsehschirmen der Welt. Aber was es heißt, was es bedeutet...  Wir, die wir dabei gewesen sind –  wir, die wir noch den Atem anhalten, wenn uns die Nachbeben an den Morgen erinnern, wir reden nicht. Weil wir es nicht ausdrücken können.

Mir Zaman lacht kurz. Sein Haus, das war einmal, sagt er, "aber was soll man darum trauern? Keiner hat mehr ein Haus. Mein Junge hat sich das Bein gebrochen, aber er ist aus den Trümmern der Schule lebend herausgekommen. Eine Röntgenaufnahme kann man in Muzaffarabad nicht machen, aber der Doktor vom Heer hat wenigstens einen Gipsverband angelegt. Die Russen haben hier ein Camp aufgemacht, vielleicht haben sie ein Röntgengerät dabei, sonst werde ich Schulden machen auf die Gesundheit meines Kindes.“ Wir können ihn beruhigen. Wenn er es finanziell nicht schafft, sind wir da ...

Wenn wir durch die Stadt, dieses Massengrab, müssen, tragen wir Schutzmasken. Wegen dem Verwesungsgeruch. Hier und da hämmern Familienangehörige in den Trümmern, in der Hoffnung, wenigstens die Toten zu Bergen. Seit gestern ist das Militär mit Kränen hier und hilft uns, Trümmer zu heben und Tote zu Bergen.

Es ist schwer, es sich vorzustellen, und wir denken auch nicht mehr zurück: Vor drei Wochen sind wir hier gewesen. Dr. Bushra hat uns in das neu gebaute Neelum-Hotel eingeladen, um den Beginn der Blindheits-Vorsorge zu feiern, mit einem vorzügliches Essen. Jetzt ist das alles ein Trümmerhaufen. Nach den Toten hat man noch nicht gesucht.

Im Gesundheitsministerium hatten wir den Plan zur Bekämpfung von Erblindung ausgearbeitet. Wir sind noch nicht wieder dort gewesen. Wo bzw. ob die Regierung schon tagt, wissen wir nicht. Wenn, dann sowieso nur wegen der Katastrophenhilfe. Und im Lepra- und Tuberkulose-Zentrum hatten wir damals Pläne geschmiedet, wie wir die Unterlagen veröffentlichen würden, schließlich sind wir schon seit 1971 hier mit der Tuberkulose-Bekämpfung beschäftigt...

Heute gibt es keine Familie, die keine Toten zu beklagen, keine Verwundeten zu versorgen hätte.

Dr. Ruth Pfau, Pakistan