Ansteckende Krankheiten - Hindernis für Entwicklung

Tuberkulose-Kranker in Neu-Delhi

Die Gesundheitssysteme der Entwicklungsländer brauchen Unterstützung, um mit der Bedrohung durch Infektionskrankheiten fertig zu werden


Die Gesundheitssysteme der Entwicklungsländer brauchen Unterstützung, um mit der Bedrohung durch Infektionskrankheiten fertig zu werden

Bis 2015, so haben es 189 Staats- und Regierungschefs im September 2000 in der Millenniumserklärung vereinbart, soll die Armut halbiert werden. Dazu müssen „HIV/Aids, Malaria und andere Krankheiten“ wie die Tuberkulose bekämpft werden. Was als Entwicklungsziel in der Erklärung festgeschrieben ist, ist aber noch lange nicht erreicht.

„Gesundheit ist nicht alles – aber ohne Gesundheit ist alles nichts“ sagt der Volksmund. Neben der Bildung gehört die Gesundheit zu den wichtigsten Voraussetzungen der Armutsbekämpfung. Denn wer arm ist, braucht eine gute gesundheitliche Verfassung, um seine Produktivität zu sichern, ein Einkommen zu erzielen und seine Entwicklungsmöglichkeiten nutzen zu können. Real sind Arme jedoch höheren Gesundheitsrisiken ausgesetzt und haben schlechteren Zugang zu Gesundheitsversorgung als bessergestellte Teile der Weltbevölkerung. Und sie sind anfälliger für ansteckende Krankheiten.

Gewaltige Anstrengungen sind notwendig, um die Gefährdung durch diese Krankheiten zu bannen. 33 Millionen Menschen leben mit HIV/Aids, über zwei Millionen Tote fordert die Immunschwäche jährlich. Fast ebensoviel, annähernd zwei Millionen, sterben pro Jahr an Tuberkulose (TB) und eine Million an Malaria. An den „vergessenen tropischen Krankheiten“ (siehe Glossar S. 18), zu denen die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Buruli Ulcer, Leishmaniose, Chagas und auch die Lepra zählt, leiden eine Milliarde Menschen, ein Sechstel der Weltbevölkerung. Die große Mehrheit davon lebt in den Entwicklungsländern.

Die Gesundheitssysteme vieler Länder des Südens können die gigantische Aufgabe, diese Krankheiten zu bekämpfen, nicht allein bewältigen. Dazu braucht es viel Geld – aber nicht nur: gut ausgebildetes Personal und einheitliche Standards bei Diagnose und Therapie sind unverzichtbar Nur wenn Gesundheitsdienste sorgfältig arbeiten, kann die Ausbreitung von TB oder Aids eingedämmt werden.

Wichtig sind auch Angebote, die auf die Lebensverhältnisse der Patienten abgestimmt sind. Wer viele Monate genau nach Plan Medikamente einnehmen, für den Lebensunterhalt der Familie sorgen und kilometerweit zum nächsten Gesundheitsposten laufen muss, ist auf eine Infrastruktur angewiesen, die das möglich macht. Wer seine Finger wegen einer Lepra-Erkrankung nicht mehr bewegen kann, muss von einem Chirurgen behandelt werden können. Hier leisten nichtstaatliche Organisationen, die sich auf medizinische und medizinisch-soziale Aufgaben spezialisiert haben, einen wichtigen Beitrag.

Auch die Lepra ist noch nicht endgültig besiegt. Trotz großer Fortschritte durch Aufklärungskampagnen und eine neue Therapie seit Anfang der 1980er Jahre erkranken immer noch mehr als 250.000 Menschen pro Jahr neu an Lepra. Jeder zehnte neue Patient ist ein Kind – ein Beweis, dass die Übertragung noch nicht unter Kontrolle ist. Im öffentlichen Bewusstsein spielt die Lepra heute dennoch keine große Rolle mehr. Anders die Tuberkulose. Die Erreger der beiden Krankheiten sind verwandt, die Behandlung erfordert jeweils eine mehrmonatige Antibiotika-Einnahme, in beiden Fällen haben Betroffene oft unter Ausgrenzung zu leiden. Doch an keiner anderen behandelbaren Infektionskrankheit sterben heutzutage so viele Menschen wie an Tuberkulose.

Besorgniserregend ist die Zahl der Tuberkulose-Fälle unter Aids-Kranken. Und erschreckend ist die wachsende Resistenz von TB-Bakterien gegen die Standardtherapie. Schon jetzt gibt es nicht genügend Medikamente für die mehr als 500.000 Patienten mit der multiresistenten Form der TB. Die Gesundheitsdienste in Asien, Afrika, Lateinamerika und den GUS-Staaten stehen dadurch vor enormen Problemen. Es rächt sich, dass die meisten Medikamente über 40 Jahre alt sind und die Forschung nach neuen Arzneimitteln erst in den späten 1990er Jahren wiederaufgenommen wurde. Zu lange glaubte man, die Tuberkulose verschwinde von selbst.

Zur Verwirklichung der Millenniums-Entwicklungsziele ist auf Initiative der G-8-Länder der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria (GFATM) eingerichtet worden. Staaten und private Akteure wie die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung haben sich hier zu einer Public Private Partnership zusammengeschlossen und stellen große Summen bereit. Über zehn Milliarden US-Dollar wurden bisher bewilligt, etwa fünf Milliarden davon ausgezahlt. Damit bringt der Fonds rund die Hälfte der internationalen Mittel zur Bekämpfung von Malaria und Tuberkulose auf, bei HIV/Aids etwa ein Viertel. Niemals zuvor stand so viel Geld zur Verfügung. Nicht automatisch sind damit jedoch auch alle Probleme gelöst – manche entstehen sogar neu.

So schafft es Probleme, wenn Personal aus den existierenden Einrichtungen dorthin abwandert, wo mehr Geld bezahlt wird, beispielsweise in spezielle Zentren, die mit den Mitteln des Globalen Fonds oder anderer großer Geber unterstützt werden. Unter Umständen schwächt man das ohnehin schwache Gesundheitssystem also sogar noch mehr, wenn man unkoordinierte oder zu einseitige Maßnahmen ergreift. Die Angebote müssen also in das allgemeine Gesundheitssystem integriert werden. Zugleich ist auch die Unterstützung von sehr krankheitsspezifischen Aufgaben, die nur von Fachleuten ausgeführt werden können, notwendig. Denn man kann etwa die Tuberkulose nur kontrollieren, wenn man Zentren und Fachleute für die speziellen Probleme dieser Krankheit hat. Die Zunahme von Resistenzen zum Beispiel hat ihre Ursache auch darin, dass Patienten ihre lange Behandlung nicht unter regelmäßiger Aufsicht durchgeführt haben und das traditionelle Basisgesundheitssystem für spezifische Probleme wie den Therapieabbruch nicht ausreichend gerüstet ist.

Es gilt also, die gezielte Bekämpfung von Lepra, TB und vernachlässigten Krankheiten zu fördern. Wichtig ist, dass dabei alle staatlichen und privaten Akteure zusammenarbeiten und in Diagnostik und Therapie dieselben Qualitätsstandards anwenden.

Renate Vacker 
Akteur für Entwicklung