Kleines Glück mitten in Afghanistan

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Zahra I. mit ihren Kindern im Krankenhaus von Panjau

Eine Leprapatientin in Panjau erhält erstmals Hilfe


Panjau, ein kleines Dorf im Zentralgebirge von Afghanistan. Kabul ist weit weg. Zumindest auf dem Landweg. Die Straße in die Hauptstadt wird von den Taliban kontrolliert. Immer noch. Schon wieder. Wie auch immer. Die Menschen in den kleinen Orten sind von der Außenwelt abgeschnitten. Denn den einstündigen Flug nach Kabul können sich nur die wenigsten leisten. Und mit dem Bus fahren wäre lebensgefährlich. Zumindest jetzt. Denn niemand weiß, auf wen es die Taliban, die Milizen oder kriminelle Banden gerade abgesehen haben. Die Menschen in den abgelegenen Regionen des Hazarajat ziehen es vor, kein Risiko einzugehen, zumindest keines, das nicht sein muss. Sie bleiben, wo sie sind: In den Bergtälern, den abgelegenen Steppen, den kleinen Weilern.

So erging es auch Zahra I. Sie war krank, sehr krank. Eine Reise nach Kabul war für die Familie unerschwinglich. Für Zahra alleine wäre die Fahrt möglich gewesen, doch Frauen dürfen in Afghanistan nicht selbständig reisen. „Der Ehemann, der Vater oder der Bruder müssten sie begleiten, da es sich um eine verheiratete Frau handelt“, ergänzt Jawad A. von LEPCO (eine Abkürzung von "Leprosy Control"), der afghanischen Partnerorganisation der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e. V.

Zahra wollte zu einem Spezialisten, am besten nach Kabul. Ihr Mann erlaubte es nicht. Zu teuer, zu viele Gefahren auf dem Weg, lauteten seine Begründungen. Und den nächstgelegenen Gesundheitsposten durfte Zahra vorerst auch nicht aufsuchen. Denn zuhause wartete die Familie, das Haus musste geputzt und die Kinder versorgt werden. Die 36-Jährige hoffte monatelang auf Besserung. Vergeblich. Erst als sie zusammenbrach und den Haushalt nicht mehr führen konnte, brachte ihr Mann sie in die kleine Gesundheitsstation nach Panjau. Die zweieinhalb Stunden Autofahrt waren erschwinglicher als die weite, gefährliche Fahrt nach Kabul. Trotzdem riss sie ein Loch in die Haushaltskasse. „Erst wenn sie zuhause nicht mehr arbeiten können, dürfen sich weibliche Familienmitglieder untersuchen lassen. So ergeht es vielen Frauen in Afghanistan“, betont Jawad A. Und in Panjau arbeitet das Gesundheitspersonal von LEPCO, das von der DAHW unterstützt wird.

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Patientinnen warten vor dem Hospital auf ihre Behandlung.
Foto: Sabine Ludwig

Mittlerweile waren Zahras Gesicht, ihre Hände und Füße stark angeschwollen und gerötet. Vor einem Jahr hatte die 36-Jährige ihr sechstes Kind geboren. „Das Kind hat mir die Krankheit gebracht“, sagt sie und deutet auf ihr entstelltes Gesicht. Gesundheitshelfer Tahir A. kennt die Symptome. Seine Vermutung will er nicht sagen, zumindest nicht vor ihrem Ehemann.

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Das Klinikpersonal vor dem kleinen Krankenhaus im Zentralgebirge von Afghanistan.
Foto: Sabine Ludwig

Zuerst werden noch Hauttests durchgeführt. Die furchtbare Gewissheit teilt er Zahra Stunden später mit. Unter vier Augen: „Sie haben Lepra!“ Die Analphabetin kennt die Krankheit nicht, hatte noch nie etwas davon gehört. Tahir A. erklärt sie ihr. „Bitte sagen Sie meinem Mann nichts davon“, stammelt sie. „Er will mich schon jetzt nicht mehr im Haus haben. Wenn er erfährt, dass ich so krank bin, kann ich nicht mehr zurück.“ Tahir kennt diese Fälle. Sie gehören zur Normalität in den abgelegenen Regionen im Hindukusch. Deshalb sagt er auch den betroffenen Familien nicht die Wahrheit. Eigentlich nie. Nur den Patientinnen. „Ihre Frau leidet an einer Hautkrankheit und muss erstmal hierbleiben“, wird er später Zahras Mann mitteilen. So ist es am besten.


So können Sie helfen:

Lepra stoppen - am besten gleich jetzt!


Jetzt, nach zweieinhalb Monaten im Krankenhaus von Panjau, geht es der Frau besser. Ihre zwei Jüngsten sind bei ihr. Sie spielen in einer Ecke des Zimmers. Ja, sie sei glücklich, meint sie schüchtern. Sie weiß, dass sie wieder gesund werden wird, aber auch, dass es noch dauern kann. Die Schwellung in ihrem Gesicht ist ein klein wenig abgeklungen, ganz wird sie wohl nicht mehr zurückgehen. Das Wichtigste hier sind ihre Kinder, die ihr Halt und Zuversicht geben. Der Rest der Familie hat sie noch nicht besucht. Es wird wohl auch niemand kommen, zu weit und zu teuer sei die Fahrt. „Mindestens zwei Monate wird sie noch auf der Krankenstation bleiben müssen“, sagt Tahir zu Jawad A.

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Zahara I. wird nie über ihre Erkrankung sprechen. Ihr Ehemann würde sie verstoßen. Sie sagt, sie hätte eine Hauterkrankung, die behandelt werden muss.
Foto: Sabine Ludwig


Zahra hat noch einmal Glück gehabt. Sie wird zurückgehen in ihr Bergdorf, geheilt und glücklich, zumindest das, was sie sich unter Glück vorstellt. Sie wird wieder in die Familie aufgenommen werden, mit all ihren Pflichten. Über ihre Hautkrankheit wird dann niemand mehr sprechen.

Infokasten:

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e.V. schon mit der afghanischen Nichtregierungsorganisation zusammen. LEPCO wurde in den 1980er Jahren von der Lepraärztin Dr. Ruth Pfau gegründet. Es wird heute von einem Konsortium unterstützt, dem neben der DAHW auch Caritas international, Caritas Luxemburg und Misereor/Katholische Zentralstelle für Entwicklungshilfe (KZE) angehören.



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