Lepra: die unerforschte Krankheit

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Untersuchung in einer Schule mitten im Amazonas Urwald. Auch Aufklärung über die Krankheit gehört zu den Aufgaben der Gesundheitshelfer Bild: Jochen Hövekenmeier

Obwohl es die Lepra schon seit biblischen Zeiten gibt ist bei weitem noch nicht alles über diese Krankheit erforscht. So wichtig wie die Behandlung ist die Aufklärung.


Das Mycobacterium Leprae

Am 28. Februar 1873 beschrieb der norwegische Arzt Armauer Hansen erstmals das Bakterium, das Lepra verursacht. Es ist ein säurefestes Stäbchenbakterium, das zwei bis drei Wochen zur Teilung benötigt und nicht von den weißen Blutkörperchen zerstört werden kann.

Im menschlichen Körper wachsen die Bakterien in Bahnen des äußeren Nervensystems und schädigen diese. Zumeist sind Arme und Beine betroffen, weil die Bakterien für die Teilung eine nicht zu warme Umgebung benötigen. Bislang konnte das Bakterium lediglich in Gürteltieren gezüchtet werden, die eine geringere Körpertemperatur haben.

Wegen der langsamen Vermehrung beträgt die Inkubationszeit durchschnittlich vier bis sechs Jahre, es wurden sogar Fälle mit bis zu 30 Jahren dokumentiert.

Die Übertragung

Wahrscheinlich wird Lepra als Tröpfcheninfektion übertragen, allerdings gibt es hier keine gesicherten Erkenntnisse. Wegen der Trägheit der Bakterien muss der Kontakt eng und längerfristig sein, eine kurze Berührung reicht für eine Infektion nicht aus, im Gegensatz zu weit verbreiteten und alten Vorurteilen.

Rund 90% aller Menschen weltweit sind genetisch resistent und können nicht an Lepra erkranken. Aber sie können sich infizieren und wahrscheinlich dann auch andere Menschen anstecken („silent transmitters“), ebenso wie bereits erkrankte Menschen. Dies erschwert die Suche nach Infektionsquellen.

Die Erkrankung

Grundsätzlich wird ein gesundes Immunsystem eine Infektion mit Lepra-Bakterien eindämmen. Ist das Immunsystem geschwächt, vermehren sich die Bakterien stark und die Krankheit wird ausbrechen – ähnlich wie bei anderen Krankheiten der Armut.

Die Krankheit beginnt im Frühstadium mit sichtbaren Hautflecken, weshalb sie auch oft mit anderen Hautkrankheiten verwechselt wird. Ein deutlicher Hinweis auf Lepra ist jedoch, dass durch die Schädigung der Nerven der Patient an den betroffenen Stellen kein oder kaum noch Gefühl hat. Eine Schnelldiagnose ist ein Drucktest mit Stiften: Wenn der Patient eine Berührung nicht spürt, ist eine Lepra-Erkrankung sehr wahrscheinlich.

Ist das Immunsystem des Patienten noch weitgehend in Ordnung, entwickelt sich zumeist die Paucibazilliäre (Tuberkuloide) Lepra (PB). Diese schwächere Form schreitet langsam voran und ist schnell zu heilen.

Die schwere Form ist die Multibazilliäre (Lepromatöse) Lepra (MB), die Bakterien haben sich sehr stark vermehrt. Die Krankheit schreitet sehr schnell voran und äußert sich besonders durch Geschwüre an Händen, Füßen, an den Ohren oder im Gesicht.

Beide Formen der Lepra können, wenn sie zu spät entdeckt werden, zu irreparablen Schädigungen der Nerven führen.


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Die Therapie

Die Multidrug-Therapy (MDT) wurde in den 1970er Jahren mit finanzieller sowie fachlicher Unterstützung der DAHW im Forschungszentrum Borstel entwickelt sowie in einem Feldversuch auf Malta getestet. Sie ist ein Mix aus den drei Antibiotika Rifampicin, Dapson und Clofazimin und muss sechs Monate bei der PB- sowie zwölf Monate bei der MB-Lepra eingenommen werden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die MDT 1982 als Standard-Therapie empfohlen, und dies ist bis heute gültig. Bislang gibt es glücklicherweise keine nennenswerten Resistenzen gegen diese mehr als 50 Jahre alten Medikamente.

Bei einigen Patienten gibt es Immunreaktionen, die starke Schmerzen verursachen. Hier können Cortison oder andere, sehr stark entzündungshemmende Medikamente helfen.

Mit Beginn der Therapie ist ein Patient nicht mehr infektiös, die Krankheit ist nach Abschluss komplett ausgeheilt. Schädigungen aufgrund einer zu lange nicht entdeckten Erkrankung bleiben jedoch bestehen.

Die medizinischen Folgen

Wegen der Schädigungen von Nervenbahnen ist es wichtig, eine Lepra-Erkrankung in möglichst frühem Stadium zu entdecken – andernfalls drohen diese Schäden irreparabel zu werden. Als Folge können einige Patienten bestimmte Muskeln nicht mehr bewegen – zumeist in Händen oder Füßen. Dies führt zu „Krallenhänden“, weil die Finger durch die Sehnen zur Handfläche gezogen werden oder zu „Fallfüßen“, weil ein Patient seinen Fuß nicht mehr nach oben ziehen kann.

Noch schlimmer allerdings sind die chronischen Entzündungen, deren Ursachen zumeist in kleinen Verletzungen liegen. Weil durch die unterbrochenen Nerven die Patienten an bestimmten Stellen kein Schmerzempfinden mehr haben und die Verletzungen nicht bemerken, entzünden sie sich chronisch. Dies führt zu einer Reaktion, die oft mit „abfaulen“ bezeichnet wurde und auch fast so aussieht.

Die sozialen Folgen

Seit Jahrtausenden ist Lepra mit dem Stigma des „Aussatzes“ behaftet – aus Angst vor Ansteckung ebenso wie aus Abscheu vor dem Anblick der von Spätfolgen betroffenen Gliedmaßen. Bis zur Einführung der MDT haben viele Länder vorgeschrieben, nach der Diagnose in eine Leprakolonie zu gehen und dort bis zum Lebensende zu bleiben.

Viele dieser Dörfer gibt es weiterhin, dort wohnen ehemalige Lepra-Patienten sowie ihre Nachkommen. Hier fühlen sie sich frei von Diskriminierung, weil alle Bewohner dieses Schicksal teilen. Der größte Nachteil: Besonders junge Menschen, die zur Ausbildung in Schule oder Beruf das Dorf verlassen, werden oft mit ihrer Herkunft aus einem Lepradorf diskriminiert – selbst dann, wenn sie selbst nicht erkrankt waren.

Ehemalige Patienten leiden oftmals unter den Schädigungen an Händen und Füßen. Zwar haben sie gelernt, auch mit diesen Behinderungen den Alltag oder auch den Beruf zu meistern, jedoch werden sie daran schnell als ehemalige Lepra-Patienten erkannt. Und noch schlimmer: Niemand sagt „ehemaliger Patient“, es heißt immer nur „Leprakranke" – egal, wie lang die Krankheit schon zurück liegen mag.

Neben der Abscheu vor dem Anblick und der – völlig unbegründeten – Angst vor Ansteckung spielt auch das Gesellschaftssystem eine große Rolle. In Entwicklungs- und Schwellenländern bekommen nur die Menschen Arbeit, die als besonders belastbar gelten, und das traut man ehemaligen Lepra-Patienten nicht zu.

Eine nur rudimentäre Bildung sorgt bei vielen Menschen zudem für die Manifestierung alter Vorurteile gegen Lepra, so dass die meisten ehemaligen Patienten aus Angst vor der Krankheit sozial gemieden werden.


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