Welt-Tuberkulose-Tag 2016: Tuberkulose trifft immer die Schwächsten

Patienten beim wiegen

Sakandar I. beim Wiegen

Die meisten TB-Patienten in Afghanistan sind Frauen


Sakandar I. geht es nicht gut. Er friert, als er mit nackten Füßen auf der Waage steht. Dr. Frishta ist bei ihm in dem kleinen Behandlungsraum des Krankenhauses von Masar-i Sharif. Draußen ist es ruhig. Sie lauscht. Gestern um diese Zeit gab es Großalarm in der Stadt. Die Taliban wollten in einem nahen Vorort Geisel nehmen. Die Ärztin erinnert sich an den Lärm, die die AK 47s, besser bekannt als Kalaschnikows, und unzählige Mörserangriffe, verursachten. Und sie sagt, dass ihre Arbeit davon beeinträchtigt wird, wenn es Ausgangssperren gibt, wenn Straßenkontrollen ein Durchkommen fast unmöglich machen.

Doch heute kann die 40-Jährige normal arbeiten. Sie konzentriert sich auf Sakandar, ihren Patienten. Leichte Gewichtszunahme. Von 48 Kilo auf 53 Kilo. Gut! Der Mann wollte nicht in die Klinik, auch nicht, als sein Husten immer stärker wurde. Die angsterfüllten Augen seiner Frau um den Alleinversorger der Familie. Daran erinnert sich Sakandar heute. Denn was soll nur werden, wenn er nicht mehr ist? Aus der Familie, aus seiner Frau? Ein Verwandter war es, der ihn rettete. Ihn einfach mitnahm in die Klinik nach Masar-i Sharif. Und Sakandar vertraute darauf, dass dort alles gut wird.

Heute weiß er, dass er dem Verwandten sein Leben verdankt. Der sich an das Schild „LEPCO CLINIC“ an einer Hauswand mitten in der nordafghanischen Metropole erinnerte. Und daran, dass LEPCO eine Abkürzung von "Leprosy Control" sei, nämlich die afghanische Partnerorganisation, mit der die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e. V. seit 30 Jahren zusammenarbeitet.

LEPCO wurde in den 1980er Jahren von der Ordensfrau und Lepraärztin Dr. Ruth Pfau gegründet. Es wird heute von einem Konsortium unterstützt, dem neben der DAHW auch Caritas international, Caritas Luxemburg und Misereor/Katholische Zentralstelle für Entwicklungshilfe (KZE) angehören.

Sprechstunde mit Dr. Frishta

Sprechstunde mit Dr. Frishta
Foto: DAHW/Sabine Ludwig

Dr. Frishta arbeitet seit 15 Jahren in dieser Klinik. Sie hat viele Einzelschicksale erlebt: Frauen, die halbtot kommen, weil sie nicht Bescheid wissen über ihre Tuberkuloseerkrankung und auch, weil sie ihr Zuhause nicht verlassen dürfen. Weil der Mann es eben nicht will. Und der hat das Sagen, hier in Afghanistan. Inschallah1. Denn eine anständige Frau bleibt zuhause, versorgt ihn, die Kinder und das Haus. Genau in dieser Reihenfolge. Dass die meisten Frauen mangelernährt sind, weil das gute, nahrhafte Essen zuerst den Männern gereicht wird, egal ob zuhause oder anderswo. Frauen bekommen die Reste ab. Das war schon immer so und wird wohl auch noch lange so bleiben. Es sei von Gott gewollt. Und es war schon immer das Los der Frauen.

Dr. Frishta will das nicht akzeptieren: „Ich sage meinen Patientinnen immer, dass sie sich um sich selbst kümmern, auf ihre Gesundheit achten müssen und auf die ihrer Kinder, vor allem die der Töchter. Und dass sie in die Schule gehen und lernen sollen. Denn dann wird ihr Leben besser werden als das ihrer Mütter und Großmütter. Wissen ist Macht, auch hier, in Afghanistan. So einfach ist das!“

Jamila H. bei der Behandlung

Jamila H. bei der Behandlung
Foto: DAHW/Sabine Ludwig

Jamila H. ist eine der Frauen, die Dr. Frishta mit ihrer Aussage meint. Seit sechs Monaten ist die 22-Jährige krank, hat heftige Hustenattacken, Gewichtsverlust und Schwindel. Erst als sie nicht mehr aus dem Bett kommt, wird ihr Zustand von dem Ehemann bemerkt.

Irgendjemand hat dann von der LEPCO-Klinik in der rund fünf Autostunden entfernten Provinzhauptstadt erzählt. Mit letzter Kraft hievt sich Jamila auf das Maultier, dass sie zwei Stunden durch die karge Landschaft trägt. An ihrer Seite sind Mann und Schwester. Ihr Erstgeborenes hat sie bei der Familie gelassen. Nach zwei Stunden gelangen sie an die Bushaltestelle, von da aus sind es weitere endlose Stunden bis sie Masar-i Sharif erreichen. „Jamila ging es bei ihrer Ankunft sehr schlecht“, erinnert sich Dr. Frishta.

„Mangelernährung“, stellt die Ärztin fest. „Hinzu kommt, dass sich die junge Frau nie so richtig von der Geburt ihres ersten Kindes erholt hat. Diese Schwäche trägt dazu bei, dass viele Gebärende, vor allem sehr junge, an Tuberkulose erkranken.“ Jamila muss insgesamt drei Monate im Krankenhaus bleiben, Medikamente nehmen, um dann hoffentlich geheilt zu ihrer Familie zurückkehren zu können.

Lesen und Schreiben hat Jamila nie gelernt. Dr. Frishta sieht es als ihre Aufgabe an, sie an die Medikamente zu erinnern, auf sich zu achten. Es wird ein langer und schwieriger Prozess werden. Doch Jamila wird es letztendlich auch schaffen, genau wie Sakandar. Inschallah1.

- Sabine Ludwig

1: Inschalla kann  man mit "So Gott will" aber auch mit "so ist es Gottes Wille" übersetzen.


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