30. Juni 2015

"Es lohnt sich zu kämpfen"

Dr. Charlotte Amedifou, DAHW-Ärztin in Togo, hilft Menschen, die an Lepra leiden

Es ist Zeit zu kämpfen. Das ist Ambele Adoto sofort klar, als er die

Flecken auf der Haut seines Neffen Felix sieht. Zu oft schon musste der

52-Jährige hilflos mit ansehen, wie Lepra das Leben von

Familienmitgliedern zerstörte.

Mit hellen Flecken geht es los, die Finger und Zehen fühlen sich

taub an. In einem späteren Stadium kommen Geschwüre und Lähmungen dazu.

Im schlimmsten Fall führen die Nervenschädigungen zu Verstümmelungen an

Händen und Füßen.

Bei Edem entdeckt Dr. Amedifou verdächtige Flecken. Foto: DAHW 

„Einige

meine Cousins und ein Onkel sind schwer an Lepra erkrankt“, erinnert

sich Adoto. Seinem Neffen sollte dieses Schicksal erspart bleiben. „Ich

war so glücklich, als mir die Gesundheitshelfer erklärten, dass die

Krankheit mittlerweile heilbar ist“, sagt der Familienvater.

Den Teufelskreis aus Armut und Krankheit durchbrechen

Ambele Adoto lebt mit seiner Familie in einem abgelegenen Dorf in

Togo. Seit über 50 Jahren arbeitet die DAHW Deutsche Lepra- und

Tuberkulosehilfe e.V. in dem westafrikanischen Land. Damals erkrankten

noch über 15.000 Menschen jedes Jahr an Lepra. Die Krankheit verursachte

unermessliches Leid für die Kranken und ihre Familien, die häufig

ausgegrenzt wurden.

Vieles hat sich seitdem verbessert. Zusammen mit den

Gesundheitsbehörden legte die DAHW ein landesweites Kontrollprogramm für

Lepra, später auch für Tuberkulose und Buruli Ulcer auf. Die Fallzahlen

gingen rapide zurück. Die meisten Kranken können während der Behandlung

weiter in ihren Dörfern weiter leben.

Dr. Charlotte Amedifou (links im Bild) bei Ambele Adoto (rechts neben Dr. Amedifou) und seiner Familie. Foto: DAHW

Doch trotz aller Anstrengungen und Erfolge: Lepra ist noch immer

nicht ausgerottet. „Ja, es gibt die Krankheit noch“, betont Dr.

Charlotte

Amedifou, DAHW-Ärztin in der togolesischen Hauptstadt Lomé. „Sie

stürzt auch heute noch Familien ins Elend. Deshalb müssen wir

weiterkämpfen. Wir müssen den Teufelskreis aus Armut und Krankheit

endlich durchbrechen.“

Dr. Amedifous Arbeitstage sind oft lang. Vor allem dann, wenn sie

zusammen mit örtlichen Gesundheitshelfern in weit entfernte und

entlegene Dörfer fährt. Um 7:30 Uhr lädt sie dann ihre Arzttasche und

Medikamente in das Auto und macht sich auf den Weg in die umliegenden

Krankenhäuser und Gesundheitsstationen. Viele Menschen warten schon auf

die 42-jährige Ärztin. Die Schlange vor dem Sprechzimmer ist lang. Dr.

Amedifou nimmt sich Zeit für jeden Einzelnen. Welche Symptome zeigen

die Patienten? Gibt es Hinweise auf Lepra, Tuberkulose oder Buruli

Ulcer, eine bakterielle Erkrankung, die auch als „kleine Schwester“ der

Lepra bezeichnet wird? Wenn ja, wie weit ist die Krankheit schon

fortgeschritten? „Es ist sehr wichtig, dass wir diese Krankheiten früh

erkennen. Denn dann sind sie in der Regel gut heilbar“, betont Dr.

Amedifou.

Die Wege zu den Patienten sind lang und beschwerlich. Foto: DAHW

Frühe Diagnose rettet Leben

Das hat auch Ambele Adoto erfahren. Nachdem sein Neffe Felix an

Lepra erkrankt war, brachte Ambele Adoto auch drei seiner Söhne in die

Gesundheitsstation. Besorgt hatte er zuvor seine Frau und seine zehn

Kinder nach den verdächtigen Flecken abgesucht und war bei den drei

Jungen fündig geworden. Der Gesundheitshelfer machte einen Nasen- und

Ohrenabstrich bei den Kindern. Dieser einfache Test zur Diagnose kostet

nur etwa 10 Euro und kann auch in entlegenen Gebieten durchgeführt

werden. Bei Edem (7) und Ablam (15) war der Test positiv. Doch die

beiden hatten Glück, die Krankheit war noch in einem relativ frühen

Stadium.

Dr. Amedifou bringt die Medikamente mit. Foto: DAHW 

Ein

halbes Jahr bekam Ablam Antibiotika, Edem musste sie ein ganzes Jahr

lang schlucken. „Sie haben sehr gut auf die Therapie angesprochen“, sagt

Dr. Amedifou zufrieden. Es gab keinerlei Komplikationen oder

Nebenwirkungen. „Nur bei Edem sind noch ein paar Flecken an der Schulter

zu sehen. Aber die werden auch noch verschwinden“, ist Amedifou

überzeugt. Wie seine Cousins hat auch Felix die Krankheit gut

überstanden.

Regionale und lokale Strukturen sind der Schlüssel

In den kommenden Jahren hat sich die DAHW deshalb zum Ziel gesetzt,

noch stärker aktiv nach Lepra-Fällen in den Dörfern zu suchen. Wichtig

ist dabei die gute Zusammenarbeit mit den 46 Lepra-Kontrolleuren des

Landes sowie den regionalen staatlichen Gesundheitsdiensten und

Krankenhäusern. Außerdem sind die lokalen Gesundheitshelfer in den

Dörfern wichtige Ansprechpartner für Dr. Charlotte Amedifou. Sie

berichten ihr von neuen Patienten, fragen um Rat, wenn es um eine

geeignete Behandlung geht. „Manchmal halten sie mich auch einfach auf

der Straße auf, wenn ich vorbei komme“, sagt Dr. Amedifou und lacht. Das

bringt zwar die Planung der Ärztin gehörig durcheinander, aber sie

nimmt das gelassen. Schließlich habe sie genau deshalb diesen Beruf

ergriffen, um Menschen in Not zu helfen.

Die Gesundheitshelfer der DAHW werden in den Dörfern erwartet. Foto: Röhm / DAHW

Auf dem Rückweg von ihren Außensprechstunden nimmt Dr. Amedifou

sich deshalb viel Zeit, zusammen mit den Gesundheitshelfern nach den

Patienten zu sehen. Sie ist froh über das Vertrauen, dass ihr

entgegengebracht wird. Das hilft ihr, wenn es darum geht, die Menschen

über die Krankheit aufzuklären. „Viele Dorfbewohner wissen zum Beispiel

nicht, wie Lepra übertragen wird“, sagt Dr. Amedifou, „und dass eine

gute Hygiene vor Ansteckung schützt.“ Woran erkennt man die Krankheit?

Wie geht es nach der Diagnose weiter? Wie lange müssen Medikamente

genommen werden? Geduldig beantwortet die Ärztin alle Fragen.

Ambele Adoto muss nicht mehr aufgeklärt werden. Im Gegenteil. In

seinem Dorf ist er zum „Aufklärer“ geworden. „Ich rate jedem, sofort in

die Gesundheitsstation zu gehen, wenn Lepra-Symptome auftreten“, sagt er

bestimmt. Seine Söhne und sein Neffe sind heute wieder gesund, weil sie

rechtzeitig behandelt wurden. Dafür ist Ambele Adoto sehr dankbar. „Ich

habe gesehen, wie Verwandte wegen der Lepra entsetzliche Geschwüre

bekamen und schließlich sogar gestorben sind. Heute werden wir geheilt,

weil es Medikamente gegen die Krankheit gibt. Es lohnt sich zu kämpfen.“