03. Juni 2004

Äthiopien: Mehr als nur ein Krankenhaus

Bisidimo ist das älteste Projekt der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe: Seit 1958 werden dort Kranke und Ausgestoßene versorgt.  

Den Bisidimo-River, der dem Lepra-Krankenhaus in Äthiopien einst seinen Namen gab, gibt es schon lange nicht mehr. An den einst mächtigen Fluss erinnert jetzt nur noch ein höchstens handbreites Rinnsal, mehr stehend als fließend, im breiten Flussbett. Aber das Krankenhaus "Relief Center Bisidimo“ das erste Projekt der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe überhaupt, ist mehr denn je zum Vorzeigen geeignet. Mit seinen zahlreichen flankierenden Einrichtungen dient es nicht nur der Heilung der Patienten, sondern auch ihrer Wiedereingliederung in die Gesellschaft.

Die Feiern zum 45-jährigen Bestehen waren im jahr 2003 dem äthiopischen Fernsehen einen Beitrag in den Abend-Nachrichten wert. Die Deutsche Welle berichtete. Mit dem äthiopischen Vize-Gesundheitsminister war die Deutsche Botschafterin Dr. Helga Gräfin Strachwitz aus dem über 500 Kilometer entfernten Addis Abeba gekommen. Und im Vorfeld der Feier traf sich der äthiopische Staatspräsident Girma Wolde Giorgis mit Dr. Horst Frank aus Würzburg, dem damaligen Präsidenten der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe. Im ehemaligen Kaiserpalast informierte ihn Dr. Frank über die aktuelle Lage im Kampf gegen Lepra  und Tuberkulose.

Im Morgengrauen, als die Moskitos in Bisidimo  das Stechen einstellten und sich zurückzogen,  begannen die Frauen der nahen Dörfer bereits mit dem Einstimmen auf den Festtag:  Es war kein Singen, eher die afrikanische Variante des Jodelns.  Später kamen Trommeln dazu. Bei jedem prominenten Gast, der eintraf, wurden aufs Neue Freudengesänge angestimmt.


Kinder klatschen bei einer Parade, die zum 45-jährigen Bestehen des Krankenhauses in Bisidimo abgehalten wird.

Das Zeremoniell ging dann für afrikanische Verhältnisse sehr schnell über die Bühne: Es dauerte höchstens dreieinhalb Stunden - beginnend mit dem parade-ähnlichen Vorbeimarsch des Klinikpersonals, geheilter Lepra-Patienten, der Schulen, der Bauern aus Gende  Kore, Kuffa Kasse und anderen Dörfern, der Frauen, die mit Unterstützung aus Bisidimo vom Regen vernachlässigtes Land durch künstliche Bewässerung wieder für den Anbau von Gemüse und Futterpflanzen nutzen.

Beim Jubiläum waren auch ehemalige Lepra-Patienten aus der Anfangszeit von Bisidimo dabei - Leute, die den Präsidenten der Deutschen Lepra- und Tuberkulosehilfe Dr. Horst Frank noch als Arzt in Bisidimo erlebt hatten, die ihn jetzt umarmten, küssten und immer wieder betonten, dass Bisidimo in ihrem Leben neben der medizinischen Behandlung auch einen Neuanfang bedeutet hat.

Für die 50-jährige Razija Ahmed, die aus Garamuletta stammt, wurden bei dem Jubiläum wieder schlimme Erinnerungen lebendig: Als vor Jahren bekannt wurde, dass sie an Lepra erkrankte, hat ihr Mann sie aus dem Haus geworfen. Seine Verwandten kamen und nahmen  ihr das Kind,  das sie gerade stillte, von der Brust. "Ich habe“, erzählt die Frau,  "den Jungen nie mehr gesehen“. Zwei Tage war sie unterwegs nach Bisidimo, nach der Behandlung ist sie, wie viele Patienten in den vergangenen 45 Jahren, geblieben. Sie wohnt in der Ansiedlung Gende Kore, die - vor dem Krankenhaus entstanden - schnell gewachsen ist und heute die Ausmaße einer afrikanischen Kleinstadt hat. Bisidimo, sagt sie, bedeute die Wende in ihrem Leben. Hier fand sie ihren zweiten Mann, auch Lepra-Patient. Von da an wurde alles besser.

Stundenlang erzählen kann Adem Jarso aus Gende Feron in Harar. Er dürfte um die 70 sein und wurde noch vom legendären Lepraarzt Doktor Féron behandelt. Mit dem Deutschen Graf Franz von Magnis, einem Bisidimo-Pionier und anderen ist Jarso als Tagelöhner in den Busch am Fluss Bisidimo gezogen und hat mit erlebt, wie aus einem Zeltlager allmählich ein Krankenhaus aus Stein entstand. Das war die Zeit,  als man in der Umgebung von Bisidimo noch mit Löwen und Elefanten rechnen musste.

Bisidimo und die für das Projekt Verantwortlichen haben auf allgemeine Veränderungen und konkrete Herausforderungen reagiert. Dass die Zahl der Lepra-Patienten rückläufig ist, hat dieses Krankenhaus, nicht zum Museum werden lassen. Es ist ein Allgemein-Krankenhaus geworden, in dem inzwischen Tuberkulose- und Malaria-Patienten die Statistik anführen. Besonders die Dürre, die seit Jahren in der Region um Bisidimo herrscht, lässt auch viele hungernde Menschen in dem Krankenhaus Zuflucht suchen. In ihrer Not schicken Eltern ihre Kinder in das Behandlungs- und Rehabilitationszentrum. Dort können sie endlich ihren Hunger stillen.


Frauen warten mir ihren Kindern auf die Behandlung.

Die Klinik bildet einen Kontrast zu den trostlosen, meist schmutzigen staatlichen Kliniken in der Hauptstadt Addis Abeba. Wie eine Oase wirken die Augenklinik und die von Würzburger Rotariern mitfinanzierte Zahnklinik: Zwischen den Flachbauten wachsen Mango- und Papaya-Bäume und blühen Jacaranda-Büsche.

Unter den Ehrengästen saß einer, der sich in seinem dunklen Anzug erkennbar unwohl fühlte und vor der drohenden Ehrung am liebsten davon gelaufen wäre: der Österreicher Karl Schwarzkopf. Er war über ein Jahrzehnt lang Chef der Kfz-Werkstatt in Bisidimo und für alles zuständig, was mit Technik zu tun hat. Für ihn sind in Bisidimo einige Träume in Erfüllung gegangen: Dazu gehört die Einrichtung einer handwerklichen Trainingsstätte für  junge Leute, die ein großes Problem haben: Leprakranke Eltern - und das bedeutet zum Teil leider immer noch ausgesprochen schlechte Startchancen für die Kinder, auch wenn die gesund sind.

Bei einem Rundgang durch Bisidimo erlebten die Ehrengäste auch die Farm des Krankenhauses. Auf 20 Hektar, die mangels Regen nicht für Ackerbau genutzt wurden, ist eine Mango-Plantage entstanden mit knapp 2 000 Bäumen. Es gibt eine Biogas-Anlage: Die hundert Kühe der  Krankenhaus-Farm liefern Energie. Ein Wasser-Reservoir macht es möglich, dass die Felder des Relief Centers bewässert werden können.

PS: Bei der Gepäckkontrolle im Flughafen von Dire Dawa, vor dem Rückflug nach Addis Abeba, ließ ein Mann vom Sicherheitsdienst beim Anblick von Mikrofon,  Recorder und Fotoapparat, ein verstärktes "Interesse“ erkennen, das gnadenloses Durchwühlen mit vielen Fragen bedeutet. Deswegen sagte ich dem Beamten, obwohl der mich gar nicht nach dem "Woher kommen Sie?“ gefragt hatte, dass ich zur Berichterstattung bei der 45 Jahr-Feier im Krankenhaus von Bisidimo war, dass das ein Lepra-Krankenhaus in der Nähe von Harar ist, ob er davon schon einmal gehört hat. "Selbstverständlich kenne ich Bisidimo. Die haben dort jetzt sogar einen deutschen Zahnarzt“, sagte er und klappte meinen Koffer zu. Das widersprach mit Sicherheit seinen Vorschriften, Journalisten besonders gründlich zu filzen, aber es sprach für Bisidimo.

(Text von Franz Barthel, Fotos von Ursula Meissner)