04. Mai 2020

COVID-19-Geberkonferenz in Brüssel

TEM-Aufnahme von Virionen des SARS-CoV-2 Foto: NIAID

Offener Brief an Dr. Angela Merkel: In der Corona-Pandemie globale Solidarität beweisen

(4. Mai 2020) Im Vorfeld zur Online-Geberkonferenz, die anlässlich der COVID-19-Pandemie am 4. Mai 2020 in Brüssel stattfand, hatte die DAHW gemeinsam mit dem Bündnis Entwicklung Hilft und weiteren Organisationen in einem Offenen Brief an die Bundesregierung globale Solidarität gefordert.

Mit Erfolg: Binnen weniger Stunden konnten fünf Milliarden Euro für die Entwicklung eines Impfstoffes, von Tests und Medikamenten eingesammelt werden, Bundeskanzerlin Dr. Angela Merkel sagte 525 Millionen Euro zu. 

"Große Summen, die im Kampf gegen COVID-19 von reichen Staaten aufgewendet werden, aber entscheidend ist, dass die gemeinsam finanzierten Produkte dann auch in ärmeren Ländern erhältlich und erschwinglich sind", konstatierte Dr. Sebastian Dietrich, Medizinischer Berater der DAHW.

Der Offene Brief im Wortlaut

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

Gesundheit ist ein Menschenrecht, auch in Krisenzeiten. Seit Ausbruch von SARS-CoV-2 befindet sich die Weltgemeinschaft in einer Situation mit bisher unbekannter Dynamik. Weltweit geraten Gesundheitssysteme an ihre Grenzen oder kollabieren. Menschen haben Angst um Familie, Freunde und Nachbarn, um ihren Arbeitsplatz und um ihre Zukunft. Die spürbar zunehmende Unsicherheit vieler betrifft auch medizinische Fragen: Wann wird es eine gezielte Behandlung geben, die Leben rettet, und Impfstoffe, die uns gegen das Virus schützen? Stehen genügend Behandlungskapazitäten zur Verfügung? Wird sich Jede und Jeder die notwendige medizinische Versorgung überhaupt leisten können?

Bundespräsident Steinmeier sagte am 16. März: „Viren haben keine Staatsangehörigkeit. Genauso wird das Gegenmittel keine Staatsangehörigkeit haben.“ Diese Aussage ist klar und eindrücklich. Die derzeitigen Entwicklungen laufen jedoch leider in die entgegengesetzte Richtung.

Medizinische Schutzkleidung wird stellenweise nur noch für den eigenen nationalen Bedarf produziert und gehortet. Manche Regierungen versuchen sich bereits jetzt einen exklusiven Zugang zu erfolgsversprechenden Medikamenten und Impfstoffen zu sichern. Pharmakonzerne blockieren aus Profitinteresse durch Patente die rasche weltweite Produktion von Impfstoffen, den Zugang zu Medikamenten und Schnelltests.

Das vorherrschende Credo scheint zu sein: Unsolidarisches Verhalten lohnt sich, am Ende gewinnen die Stärkeren! Entsprechend bleiben die Schwächsten und Benachteiligten und insbesondere Menschen in ärmeren Ländern auf der Strecke. Das können und wollen wir nicht akzeptieren.

Wir appellieren daher an Sie: Nutzen Sie die Ihnen zur Verfügung stehenden Mittel, um sicherzustellen, dass dringend erforderliche Medikamente und Impfstoffe weltweit allen Menschen zu einem bezahlbaren Preis zur Verfügung stehen.

Setzen Sie sich dafür ein, dass der Zugang zu dringend benötigter Schutzkleidung nicht durch Exportbeschränkungen begrenzt wird und dass medizinische Materialien global dort eingesetzt werden, wo sie am dringendsten gebraucht werden.

Unterstützen Sie ärmere Länder gezielt und direkt mit finanziellen Mitteln und technischer Expertise bei der Bewältigung dieser Pandemie. Nur wenn die Übertragung des Virus global verlangsamt, und nur wenn der Zusammenbruch von Versorgungssystemen vermieden wird, kann die Krise gemeistert werden.

Nehmen Sie bei Ihrem politischen Handeln gegen COVID-19 auch und gerade die Gesundheit und den Schutz der Schwächsten und Benachteiligten in den Fokus: Beispielsweise Menschen ohne Obdach, Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität in Deutschland und Europa, Geflüchtete an den europäischen Außengrenzen und andernorts, Menschen, die auf beengtem Raum zusammenleben und deshalb die erforderlichen Abstandsregeln nicht einhalten können, wie Kinder in Slums oder Flüchtlingslagern, oder Menschen im Strafvollzug. All diese Menschen und viele weitere marginalisierte Gruppen werden von dieser globalen Krise besonders getroffen und brauchen jetzt unser solidarisches Handeln.

Egoistische Interessen von Staaten oder Gewinnerwartungen von Firmen dürfen nicht über das Leben von Menschen gestellt werden.

Setzen Sie sich jetzt für globale Solidarität ein. COVID-19 ist eine Herausforderung, die nur grenzübergreifend und gemeinsam bewältigt werden kann. Ein entschlossenes Handeln kann als Vorbild für eine gerechtere künftige globale Zusammenarbeit für Gesundheit dienen.

Mit hochachtungsvollen Grüßen

Zeichnende Organisationen:

•    Aktionsbündnis gegen AIDS
•    Ärzte der Welt e.V.
•    Ärzte ohne Grenzen e.V. / Médecins Sans Frontières
•    Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V.
•    Brot für die Welt
•    BUKO Pharma-Kampagne
•    Christoffel-Blindenmission (CBM)
•    Deutsche Aidshilfe
•    Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e.V (DAHW)
•    Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW)
•    Difäm – Deutsches Institut für Ärztliche Mission e.V.
•    Freie Flüchtlingsstadt Nürnberg
•    HelpAge Deutschland
•    Johanniter Unfallhilfe e.V. / Johanniter Auslandshilfe
•    Kindernothilfe e.V.
•    Medibüro Berlin - Netzwerk für das Recht auf Gesundheitsversorgung aller Migrant*innen
•    Medibüro Hamburg
•    medico international
•    MediNetz Aachen e.V.
•    MediNetz Bielefeld e.V.
•    MediNetz Bonn e.V.
•    MediNetz Freiburg e.V.
•    MediNetz Hannover - Medizinische Flüchtlingsberatung e.V.
•    MediNetz Jena e.V.
•    MediNetz Leipzig e.V.
•    MediNetz Tübingen e.V.
•    MediNetz Würzburg e.V.
•    Medizinische Flüchtlingshilfe Bochum e.V.
•    Memento Preis für vernachlässigte Krankheiten
•    MEZIS e.V.
•    Misereor e.V.
•    Missionsärztliches Institut Würzburg
•    Peoples Health Movement Deutschland
•    Plan International Deutschland
•    SEEBRÜCKE - Schafft Sichere Häfen
•    STAY! Düsseldorfer Flüchtlingsinitiative e.V.
•    Unabhängige Patientenberatung Tübingen e.V.
•    Universities Allied for Essential Medicines (UAEM)
•    Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää)
•    Verein demokratischer Pharmazeutinnnen und Pharmazeuten (VdPP)
•    World Vision Deutschland e.V.

Zeichnende Einzelpersonen:

•    Prof. Dr. Martin Sternberg, Vorsitzender des Graduierteninstituts für angewandte Forschung der Fachhochschulen NRW
•     Ingeborg Simon
•    Prof. Dr. Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung, Tutzing
•    Prof. Dr. Christine Godt, Professorin für Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht, Carl von Ossietzky Universität
•    Waltraud Seitz
•    Klemens Ochel, MPH; Fachberater für Globale Gesundheit; Missionsärztliches Institut Würzburg
•    Tilman Rüppel
•    Johanna Paul
•    Sieglinde Mauder
•    Rainward Bastian
•    Christine Kornblum
•    Prof. Dr. Peter G. Kremsner, Direktor, Institut für Tropenmedizin der Universität Tübingen
•    Daniela Hoyer
•    Dr. Anke Osterloh
•    Anke Gaußmann
•    Prof. Dr. Christoph Heintze
•    Prof. Dr. Heinz-Jochen Zenker
•    Dr. Mousa Mazidi
•    Sylvia Gabelmann, Bundestagsabgeordnete
•    Martin Patzelt, Bundestagsabgeordneter
•    Dr. Rainer Neef, Mitglied im Verein "Gesundheitsversorgung für Papierlose" und Medinetz Göttingen
•    Andreas Müller, Domvikar, Seelsorger der Erzdiözese Bamberg für Flüchtlinge und Migranten im Großraum Nürnberg
•    Franziska Formazin
•    Heike Baehrens, Bundestagsabgeordnete, Vorsitzende Unterausschuss Globale Gesundheit
•    Prof. Dr. Gisela Bretzel, Laborleiterin, Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin, Klinikum der Universität München
•    Adelheid von Guttenberg i.R.
•    Stefanie Beckmann
•    Dr. Margot Käßmann, Theologin
•    Dr. med. Amand Führer, Arzt und Sozialanthropologe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Epidemiologie der Universität Halle
•    Dr. Regina Schumann
•    Dr. med. Jessica Groß
•    Marion Hörl
•    Caritas Führer, Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller & Dr. Michael Führer, Pfarrer der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens
•    Ottmar von Holtz, Bundestagsabgeordneter
•    Eva Schreiber, Bundestagsabgeordnete
•    Lisa Spingler
•    Ines Klohr
•    Eva Herrmann
•    Kordula Schulz-Asche, Bundestagsabgeordnete