29. September 2016

Elephantiasis: Eine grausame, aber behandelbare Krankheit

Mühsam steigt sie die drei Stufen vor dem Haus herab, Schritt für Schritt, und jeder einzelne schmerzt. Endlich unten angekommen, setzt Malti D. sich sogleich auf den kleinen Vorsprung der Mauer, der als Bank dient. Deutlich sichtbar sind
nun ihre stark angeschwollenen Beine, als ob sie nicht zu diesem Körper gehören wollten. Ebenso wie der rechte Arm und beide Hände, mit denen die 60-Jährige kaum etwas richtig festhalten, nicht mal ihre Enkelkinder auf den Arm nehmen kann.

Malti D. leidet an Elephantiasis, und das bereits seit 40 Jahren. Es grenzt an ein Wunder, dass sie überhaupt noch laufen kann, denn behandelt wird die Krankheit landesweit erst seit zwölf Jahren. 2004 hat der indische Staat begonnen, einmal pro Jahr allen von dieser Krankheit betroff enen Menschen die richtigen Medikamente zu geben, sagt Rajni Singh: „Die töten die Würmer ab, die das Lymphsystem der Kranken zerstört haben, aber das System selbst kann damit nicht wieder geheilt werden. Es bleibt zerstört.“

Der 54-jährige Mitarbeiter des DAHW-Partners LEPRA (engl. Lepra- HIlfsorganisation) weiß, wovon er redet: Seit fast 30 Jahren arbeitet er hier im Distrikt Munger, zunächst als Experte für Lepra, jetzt auch zusätzlich für Elephantiasis. Singh war selbst daran erkrankt, hat aber frühzeitig die richtigen Medikamente bekommen und daher immer noch funktionierende Lymphdrüsen.

Oft ist medizinische Betreuung zu teuer

Vielen Menschen in dieser Region am Ganges ergeht es anders – Menschen wie Malti D. Jahrelang war sie zu verschiedenen Heilern gegangen. Das wenige Geld, das ihr Mann in der Landwirtschaft verdienen konnte, reichte nicht für einen Arzt. Erst vor zwölf Jahren kamen die ersten Mitarbeiter des staatlichen Gesundheitsdienstes ins Dorf und begannen mit der Medikamenten- Kampagne.

Seither geht es der Mutter von fünf Kindern etwas besser, zumindest hat sie nicht mehr ständig Fieber. „Allerdings“, schränkt Singh ein, „geheilt ist sie noch lange nicht. Dafür muss man jedes Jahr diese starken Medikamente einnehmen, und das über einen Zeitraum von sechs bis acht Jahren. Erst dann sind alle Würmer und auch alle Larven abgetötet.“

Medikamente und Massagen helfen

Doch hier in Tarapur ist man gut 60 km von der Distrikt-Hauptstadt Munger und damit 60 km von funktionierender medizinischer Versorgung entfernt. Die Reisfelder, auf denen der bekannte Patna-Reis angebaut wird, sorgen für immerwährenden Nachschub an Moskitos, die wiederum die Larven der Parasiten einsaugen und weiterentwickelt auf ihr nächstes Opfer übertragen.

An kaum einem anderen Ort der Welt gibt es mehr Menschen mit Elephantiasis als im indischen Bundesstaat Bihar, in dem auch Tarapur liegt. Und ausgerechnet hier sind drei der letzten acht Medikamenten-Kampagnen ausgefallen. Zu zwei weiteren wurde Malti D. erst eingeladen, als die Gesundheitshelfer längst wieder weg waren. Die Information war irgendwo auf dem Behördenweg aufgehalten worden.

„Dreimal Medikamente in acht Jahren reicht nicht aus, um die Krankheit zu heilen“, sagt Experte Singh ihr off en. Und macht ihr zugleich Hoff nung: „Aber gleich werden wir zum IPOD-Camp gehen, da zeige ich allen Betroff enen, wie man mit der Krankheit leben, die Folgen wie Schmerzen reduzieren kann.“

IPOD steht für Integrated Prevention of Disabillity, auf Deutsch: Verschiedene Maßnahmen zur Vermeidung von Behinderungen. Patienten lernen, wie sie selbst oder mit Hilfe von Angehörigen eine Lymphdrainage machen können. Damit die viel zu große Menge an Flüssigkeit in Armen und Beinen auch trotz der nicht mehr funktionsfähigen Drüsen abfl ießen kann. Dann zeigt Singh ihnen, wie sie die Haut in diesen Bereichen speziell pfl egen müssen, weil sie über Jahre hinweg stark gespannt war und hart sowie brüchig geworden ist. Zum Abschluss gibt er allen Patienten eine Selbsthilfe-Ausrüstung (self-care kits) für die nächsten Monate.

Malti D. kann endlich wieder hoffen

Finger und Zehen wieder richtig bewegen zu können, mehr als nur ein paar Schritte laufen und vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft endlich mal die Enkelkinder auf den Arm nehmen zu können, davon träumt Malti D. schon lange. Ihr jüngster Sohn Ranjit und dessen Frau begleiten sie daher zu der Veranstaltung und lernen, wie sie ihr künftig helfen können. Mit ihren vier Kindern leben sie in der gleichen Wohnung, stehen als Helfer gern zur Verfügung.

Wieder Zuhause, wagt sich der Sohn von Malti D., Ranjit, gleich an seine erste Lymphdrainage. Wenn seine Mutter die Beine in der Nacht hochlegt, wird sie morgen schon deutlich weniger angeschwollene Beine haben. Zum ersten Mal seit 40 Jahren. Und in wenigen Tagen wird sie auch mit ihren Händen wieder etwas festhalten können. Vielleicht eines der Enkelkinder, die gerade noch ihren massierenden Vater bestaunen.