01. Juni 2017

JB 2016 - Die Insel der kranken Kinder

Wasser aus dem See wird auch als Trinkwasser genutzt, ungeachtet der Gefahr durch Bilharziose.

Am Victoriasee ist Schistosomiasis eine riesige Herausforderung

Idyllisch wirkt Ijinga – auf den ersten Blick. Sonne, Strand und Wasser prägen die Heimat von rund 2.000 Menschen.Wären die Häuser auf der kleinen Insel im Victoriasee etwas heller, könnte man hier Fotos für Urlaubsprospekte machen. Doch die Lage ist eher Fluch als Segen: zuviel Wasser und doch zu wenig, denn das Wasser aus dem See ist das einzige Wasser, das hier genutzt werden kann. Zum Trinken, Kochen, Waschen und alles andere, wofür wir Europäer einfach den Wasserhahn aufdrehen und sauberes Wasser aus der Leitung bekommen.

Sauber ist das Wasser in einem der größten Binnenseen der Welt eigentlich auch – auf den ersten Blick. Denn die tödliche Gefahr, die dort lauert, kann man mit bloßem Auge nicht sehen. Milliarden von mikroskopisch kleinen Zerkarien schwimmen in der Nähe des Ufers und lauern auf ihre Opfer. Beim Kontakt bohren sich diese Larven durch die menschliche Haut und wandern in Blase oder Darm, um sich dort zu Pärchenegeln zu entwickeln. Als fertige Schistosomen, die der Krankheit auch den Namen geben, zerstören sie die Organe und produzieren ständig neue Nachkommen in Form von Eiern, die durch Kot oder Urin wieder ins Wasser gelangen. Ein tödlicher Kreislauf.

Auf Ijinga trifft man irgendwann Julius Ncheyeki, den Leiter der Dorfschule. Fast 600 Schüler muss er mit seinem kleinen Team unterrichten, aufgeteilt in acht Klassen, davon zwei Vorschulklassen. Dass er in einer Klasse 91 Kinder unterrichten muss, die Klassenräume selbst kaum Platz für die Hälfte bieten und dazu noch fast baufällig sind, bereitet ihm nicht die größten Sorgen. Das ist fast normal für Dorfschulen in Tansania. Weitaus größere Sorgen macht sich der 38-jährige Schulleiter um die Gesundheit seiner Kinder: Alle Schüler auf Ijinga sind nämlich an Schistosomiasis erkrankt.

Im Oktober 2016 wurde dies festgestellt, als Folge der Idee, die vernachlässigte Tropenkrankheit Schistosomiasis näher zu erforschen. Wissenschaftler der DAHW und des Missionsärztlichen Instituts in Würzburg sowie der Universität in Mwanza, Würzburgs Partnerstadt in Tansania und nur 50 Kilometer entfernt von Ijinga, kamen auf die Insel und haben die meisten Bewohner untersucht. Ihr Ziel ist es, die effektivsten Methoden gegen Schistosomiasis zu finden.

Die Tropenmediziner Dr. Godfrey Kaatano,
Dr. Andreas Müller und Dr. Uwe Ziegler (v.i.n.r.) besprechen sich vor einer Reihenuntersuchung
Foto: Jochen Hövekenmeier / DAHW

In Tansania gibt es jährliche Kampagnen gegen Schistosomiasis, dann kommen Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums in die betroffenen Dörfer und geben jedem Einwohner eine Dosis Praziquantel. Dieses Medikament ist hoch wirksam und durch Unterstützung der WHO auch für Gesundheitssysteme in armen Ländern verfügbar. Aber die Mitarbeiter kommen nicht immer in jedes Dorf, und nur sehr selten auf die vielen kleinen Inseln. Und wenn sie da sind, sind oft viele der Menschen bei ihrer Arbeit und bekommen keine Medikamente.

„Einige Menschen hier leben seit 30 Jahren mit der Krankheit“, schildert dann auch Dr. Andreas Müller, Tropenmediziner vom Missionsärztlichen Institut, „und nach so langer Zeit ist die Leber stark vergrößert, ständig Blut in Stuhl oder Urin. Die Lebenserwartung sinkt durch die Krankheit dramatisch. Dabei spielt es auch kaum eine Rolle, ob die Menschen durchgehend erkrankt sind oder ein Mal pro Jahr die Würmer abgetötet werden, nur um sich dann gleich wieder neu zu infizieren.“

Mit Ultraschall kann man die Vergrößerung der Organe durch Schistosomiasis erkennen.
Mit Ultraschall kann man die Vergrößerung
der Organe durch Schistosomiasis erkennen.
Foto: Jochen Hövekenmeier / DAHW

Damit den Kindern von Ijinga dieses Schicksal erspart bleibt, arbeiten DAHW und das Missionsärztliche Institut zusammen. Dr. Christa Kasang, Forschungs-Koordinatorin der DAHW: „Wir müssen neu und quer denken, ohne die bisherigen Möglichkeiten außer Acht zu lassen. Die Lösungen dürfen weder kompliziert noch teuer sein, ansonsten werden sie in Gegenden wie den abgelegenen Inseln vom Victoriasee nicht praktikabel sein.“

Gezielte Abgabe der Medikamente, Versorgung mit sauberem Trinkwasser durch Brunnen oder Regenwasseranlagen, Entsorgung von Abwasser, Aufklärungsarbeit oder einfach nur Vermeidung des Kontakts mit Wasser sind die Aufgaben. „Das ist nicht unbedingt hoch wissenschaftlich“, sagt die Forscherin, „aber unsere Aufgabe wird es sein, die Erfolge von einzelnen Maßnahmen oder von Kombinationen aus verschiedenen Maßnahmen messbar zu machen und so die effektivsten Lösungen zu finden.“

Jeder Patient wird penibel registriert und dann erst genau untersucht. Nur so wird die Studie später auch verwertbar.
Jeder Patient wird penibel registriert und dann erst genau untersucht. Nur so wird die Studie später auch verwertbar.
Foto: Jochen Hövekenmeier / DAHW

Dorflehrer Julius Ncheyeki unterstützt diese Arbeit. Für die Untersuchungen stellt er Räume seiner Schule zur Verfügung, obwohl sie schon längst aus allen Nähten platzt. Seine Schüler lernen, vorsichtig im Umgang mit dem allgegenwärtigen Seewasser zu sein und die neu gebaute Toilettenanlage der Schule zu benutzen. „Jeder kleine Schritt kann uns helfen“, hat der Lehrer von den Wissenschaftlern gelernt. Dieses Wissen vermittelt er gern weiter an die Menschen auf seiner Insel: „Wir sind es den Kindern von Ijinga schuldig, dass sie eine Zukunft haben können, die nicht von der Krankheit beeinflusst wird.“


Was sind NTDs?

Neglected Tropical Diseases – NTDs, auf Deutsch: Vernachlässigte Tropenerkrankungen. Unter diesem Begriff werden bei der Weltgesundheitsorganisation WHO derzeit 17 Krankheiten aufgeführt. Die Bezeichnung „Vernachlässigt“ ist leider die passende Beschreibung für den Umgang mit diesen Krankheiten in den reichen Ländern Europas oder Nordamerikas: Es gibt nur wenig Geld für die Erforschung dieser dort kaum vorkommenden Krankheiten, und oft noch weniger, um den akut erkrankten Menschen in den armen Ländern des Südens zu helfen.

Beispielhaft für diese Vernachlässigung ist die Krankheit Lepra, die seit zwei Jahren auf dieser Liste erscheint. Aber auch andere Krankheiten, die in Deutschland kaum ein Arzt wirklich kennt, sind hier zu finden: Chagas, Leishmaniose, Elephantiasis, Buruli Ulcer oder Schistosomiasis sind diejenigen, um deren Opfer sich die DAHW auch kümmert.

Diese Krankheiten haben eines gemeinsam: Sie sind Krankheiten der Armut, die Auswirkungen der Armut wie Unter- oder Mangelernährung, schlechte Hygiene oder Wohnverhältnisse, erhöhen dramatisch das Risiko einer Erkrankung.

Die DAHW unterstützt die Arbeit gegen Leishmaniose in Afghanistan, Elephantiasis in Indien, Chagas in Südamerika, Schistosomiasis in Tansania oder gegen Buruli Ulcer in Westafrika, weil sie hier die Möglichkeiten dazu hat. Diese bestehenden Strukturen aus der langjährigen Lepra-Arbeit helfen auch bei anderen Krankheiten der Armut, den ärmsten Menschen in ohnehin armen Ländern einen Zugang zu Diagnose und Therapie zu ermöglichen.

Wie in der Lepra-Arbeit kann und will die DAHW diese Arbeit allerdings nicht allein machen. Selbst wenn die DAHW ihre Spendeneinnahmen verhundertfachen könnte und dazu in der Lage wäre, so würde man damit die Probleme dieser Krankheiten nicht nachhaltig lösen können. Es geht gerade bei den NTDs darum, die zwar schwachen, aber durchaus vorhandenen Strukturen der Gesundheitssysteme zu nutzen und so auch gezielt zu stärken.