13. March 2020

NGOs fordern erneut: Rüstungsexporte in den Jemen stoppen!

Foto: DAHW-Jemen / DAHW

Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen fordern von der Bundesregierung die Ausweitung des Rüstungsexportmoratoriums für die Jemen-Militärkoalition.

(Berlin, 13. März 2020) – Am 31.03.2020 endet das Rüstungsexportmoratorium gegen Saudi-Arabien. Deswegen fordern erneut zahlreiche deutsche und internationale Organisationen, darunter die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe, erneut einen umfassenden Rüstungsexportstopp für alle Länder der von Saudi-Arabien geführten Militärkoalition im Jemen-Krieg. Jetzt, da die Bundesregierung erneut über das Moratorium entscheidet und die Lage im Jemen weiter verheerend ist, wenden sich die Organisationen in einem offenen Brief an die Mitglieder des Bundessicherheitsrates und appellieren an sie, konsequent zu handeln: "Es braucht ein umfassendes, rechtlich verbindliches und zeitlich nicht befristetes Rüstungsexportverbot für alle Mitglieder der von Saudi-Arabien geführten Militärkoalition, solange diese am bewaffneten Konflikt beteiligt sind oder die Gefahr besteht, dass auch deutsche Rüstungsgüter zu Menschen- und Völkerrechtsverletzungen im Jemen beitragen", heißt es in dem offenen Brief.

Die unterzeichnenden Friedens-, Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen fordern zudem die Abschaffung bestehender Ausnahmen für deutsche Komponentenlieferungen im Rahmen europäischer Gemeinschaftsprojekte und die Ausweitung des Verbots auf bereits erteilte Exportgenehmigungen. Zudem fordern die Organisationen die Bundesregierung auf, dem  Europäischen Parlaments zu folgen und sich auch für ein EU-weites Waffenembargo gegen alle Mitglieder der von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition im Jemen einzusetzen.

Neben zahlreichen deutschen Organisationen und Bündnissen haben auch Organisationen aus Frankreich und den Niederlanden den Brief unterzeichnet. "Wir sprechen mit einer Stimme. Jeden Tag treten die Kriegsparteien im Jemen die Menschenrechte und das humanitäre Völkerrecht mit Füßen. Gleichzeitig genehmigte die Bundesregierung von 2015 bis 2019 für Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Ägypten, Jordanien und weitere Mitglieder der von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition Rüstungsexporte in Höhe von insgesamt mehr als sechs Milliarden Euro“, kritisieren die Organisationen.

Sie erinnern zudem eindringlich daran, dass den Preis dieses Krieges Millionen Kinder, Frauen und Männer zahlen, deren Lebensgrundlage zerstört ist: 24 Millionen, oder rund 80 Prozent der Bevölkerung, davon 12,3 Millionen Kinder, sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. 10 Millionen Menschen leiden stark an Hunger, 3,2 Millionen sind akut mangelernährt - darunter 2 Millionen Kinder unter fünf Jahren und über 1 Million schwangere und stillende Frauen.


    Offener Brief an die Mitglieder des Bundessicherheitsrates

    Frau Bundeskanzlerin
    Dr. Angela Merkel
    Bundeskanzleramt
    Willy-Brandt-Straße 1
    10557 Berlin

    Berlin, 13.03.2020

    Ein breites Bündnis aus Organisationen aus der Entwicklungs-, Friedens- und Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfsorganisationen fordert:

    Umfassendes Rüstungsexportverbot für die Jemen-Militärkoalition

    Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

    der Beginn des Kriegs im Jemen jährt sich bald zum fünften Mal. Im Jahr 2019 gab es mehr als 3.000 direkte Todesopfer, sehr viel mehr Menschen leiden an der durch den Krieg verursachten Not. 24 Millionen, oder rund 80 Prozent der Bevölkerung, davon 12,3 Millionen Kinder, sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. 10 Millionen Menschen leiden stark an Hunger, 3,2 Millionen sind akut mangelernährt - darunter zwei Millionen Kinder unter fünf Jahren und über eine Millionen schwangere und stillende Frauen. Im vergangenen Jahr ist zudem die Zahl der Cholera-Verdachtsfälle auf über 861.000 angestiegen, mehr als 1.000 Menschen sind an der Krankheit gestorben. Aufgrund der durch den Krieg vielerorts zusammengebrochenen Trinkwasser-, Hygiene- und Gesundheitsversorgung schweben viele Menschen in akuter Lebensgefahr. Die Menschenrechtslage ist weiterhin katastrophal und die Kriegsführung unverändert brutal – so kamen bei einem Luftangriff der Koalition in der Region Al-Hayjah Mitte Februar nach UN-Angaben mehr als 30 Zivilistinnen und Zivilisten ums Leben. Die UN-Koordinatorin für humanitäre Hilfe, Lise Grande, kommentierte diesen Angriff wie folgt: „Under international humanitarian law, parties which resort to force are obligated to protect civilians. Five years into this conflict, and belligerents are still failing to uphold this responsibility. It’s shocking.” (Washington Post, online: 16.2.2020).

    Wir, die unterzeichnenden Organisationen, fordern die Bundesregierung deshalb auf, das im September letzten Jahres gegenüber Saudi-Arabien verlängerte Rüstungsexportmoratorium erneut zu verlängern und weitere wirksame Schritte zu unternehmen, um den Nachschub an  Waffen für den Krieg im Jemen zu unterbinden. Angesichts der nach wie vor eklatanten Verletzungen des humanitären Völkerrechts und der Menschenrechte durch die dortigen Kriegsparteien muss die Bundesregierung zwingend das Moratorium in ein umfassendes und zeitlich nicht befristetes Rüstungsexportverbot für die Mitglieder der von Saudi-Arabien geführten Militärkoalition überführen. Dieses darf keine Ausnahmen für Komponentenlieferungen im Rahmen europäischer Gemeinschaftsprojekte und bereits erteilter Exportgenehmigungen zulassen.

    Die Bemühungen der Bundesregierung bei der Umsetzung des Hodeidah-Abkommens haben wir positiv zur Kenntnis genommen. Gleichzeitig hat sie aber 2019 durch die Genehmigung von Waffenexporten an am Jemen-Krieg beteiligte Staaten im Wert von rund € 1,1 Milliarden die eigenen Bemühungen zur Beendigung des Konflikts konterkariert, denn es besteht nach wie vor eindeutig die Gefahr, dass mit deutschen Rüstungsgütern die Menschenrechte und das humanitäre Völkerrecht im Jemen verletzt werden. Rüstungsexportgenehmigungen in Länder der Militärkoalition im Jemen stehen damit im eklatanten Widerspruch zu selbst gesetzten Vorgaben der Bundesregierung sowie nationalen, europäischen und internationalen rechtlichen Verpflichtungen, wie sie sich aus dem Gemeinsamen Standpunkt der Europäischen Union und dem internationalen Waffenhandelsvertrag ergeben.

    Daher fordern wir Sie als Mitglieder der Bundesregierung auf:

    • Verhängen Sie nun ein umfassendes, rechtlich verbindliches und zeitlich nicht befristetes Rüstungsexportverbot gegenüber allen Mitgliedern der von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition im Jemen, solange diese am bewaffneten Konflikt beteiligt sind oder die Gefahr besteht, dass auch deutsche Rüstungsgüter zu Menschen- und Völkerrechtsverletzungen im Jemen beitragen. Dieses Rüstungsexportverbot darf keine Ausnahmen für Komponentenlieferungen im Rahmen europäischer Gemeinschaftsprojekte und bereits erteilte Exportgenehmigungen zulassen.
    • Folgen Sie der Entschließung des Europäischen Parlaments und setzen Sie sich für ein EU-Waffenembargo gegen alle Mitglieder der von Saudi-Arabien angeführten Militärkoalition im Jemen ein.

    Mit freundlichen Grüßen

    Die Unterzeichnenden:

    - Aktion gegen den Hunger
    - Aktionsbündnis „Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel!“
    - Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF)
    - Amnesty International Deutschland e.V.
    - Ärzte der Welt e.V.
    - Brot für die Welt
    - CARE Deutschland e.V.
    - DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e. V.
    - Deutscher Caritasverband e.V.
    - Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre
    - DFG-VK Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstverweigerer
    - ECCHR – European Center for Constitutional and Human Rights
    - Forum Ziviler Friedensdienst e. V.
    - Frauennetzwerk für Frieden e.V
    - Friedensfestival Berlin e.V.
    - Greenpeace Deutschland e.V.
    - HelpAge Deutschland e.V.
    - IPPNW- Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.
    - NaturFreunde Deutschlands
    - Netzwerk Friedenskooperative
    - NRC Flüchtlingshilfe Deutschland
    - Ohne Rüstung Leben
    - Oxfam Deutschland
    - pax christi – Deutsche Sektion e.V.
    - RüstungsInformationsBüro (RIB)
    - Save the Children Deutschland e.V.
    - Terre des hommes
    - urgewald

    - ACAT France - ACTION DES CHRÉTIENS POUR L'ABOLITION DE LA TORTUR
    - Alliance internationale pour la défense des droits et libertés "AIDL"
    - ASER-Action Sécurité Ethique Républicaines
    - Handicap International e.V.
    - PAX (Pax for Peace Netherlands)


    Offener Brief vom 19.09.2019