29. January 2020

„Weder die Krankheiten, noch die Betroffenen vernachlässigen“

„Gesundheit ist ein Menschenrecht“, mahnt Burkard Kömm, Geschäftsführer der DAHW zum ersten Welttag gegen Vernachlässigte Tropenkrankheiten (NTDs). „Dazu gehört auch der Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen, doch der fehlt Milliarden Menschen weltweit.“ Um auch sie zu erreichen, müssen Strukturen aufgebaut, Barrieren abgebaut und Stigmata entgegengewirkt werden. „Wir brauchen ganzheitliche Strategien in der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit!“ (Im Bild: Behandlung einer von Lymphatischer Filariose betroffenen Frau in Indien.) Foto: Bernd Hartung / DAHW

Die DAHW begrüßt den neuen Welttag gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten

(Würzburg, 30.01.2020) – Weltweit sind über 1 Milliarde Menschen von einer vernachlässigten Tropenkrankheit (Neglected Tropical Disease, NTD) betroffen, viele Millionen sterben jährlich an den Folgen. „Als ‚vernachlässigt‘ gelten diese Krankheiten, weil ihnen trotz ihrer Verbreitung kaum Aufmerksamkeit zukommt“, weiß Burkard Kömm, Geschäftsführer der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe. „Vor allem aber sind es die von NTDs betroffenen Menschen, die vernachlässigt werden.“ Fehlender Zugang zu sauberem Wasser und zu Gesundheitsdiensten, schlechte Hygiene- und Ernährungsbedingungen begünstigen eine Infektion mit einer NTD. In Ländern des Globalen Südens sind sie besonders weit verbreitet. „Um NTDs nachhaltig zu bekämpfen, müssen wir auch die Armut bekämpfen“, so Kömm. Dazu brauche es mehr finanzielle Mittel – eine zentrale Forderung vieler Organisationen zum ersten Welttag gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten. Aber das alleine reiche nicht: „Entscheidend für die Wirksamkeit unserer Hilfsmaßnahmen ist, dass wir Projekte sektorübergreifend und inklusiv gestalten, Betroffene und ihre Gemeinden von Anfang an mit einbeziehen und die lokalen und kulturellen Bedingungen und Bedürfnisse berücksichtigen.“

Wenige Tage nach dem 66. Welt-Lepra-Tag folgt am 30. Januar 2020 nun der erste Welt-NTD-Tag: ins Leben gerufen von über 150 Organisationen weltweit, um auf das globale Gesundheitsproblem „NTDs“ (Neglected Tropical Diseases, Vernachlässigte Tropenkrankheiten) aufmerksam zu machen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt aktuell 20 Erkrankungen zu dieser Gruppe, die meist infektiöse Ursachen haben und von Armut begünstigt werden. Neben Lepra sind das unter anderem Buruli Ulcer, Chagas, Leishmaniose, Lymphatische Filariose (Elephantiasis), Frambösie (Yaws) und Schistosomiasis (Bilharziose). Gegen diese sieben NTDs ist die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e. V. aktuell in rund 20 Ländern in Asien, Afrika und Lateinamerika aktiv. „Der Großteil dieser Erkrankungen kann zu schweren Behinderungen führen und ist mit einem großen Stigma belastet“, informiert Dr. Saskia Kreibich, Public-Health-Beraterin bei der DAHW. Betroffene werden ausgegrenzt, verlieren ihr soziales Umfeld und ihre Arbeit. „Diesen Teufelskreis aus Armut und Krankheit müssen wir durchbrechen.“

Sektorübergreifende und inklusive Hilfe

Mit Einzelprojekten und -maßnahmen könne man das Problem armutsbedingter Krankheiten jedoch nicht langfristig in den Griff bekommen, so die Expertin. „Um die Ursachen und nicht nur das Auftreten von NTDs nachhaltig zu beheben, brauchen wir integrierte NTD-Programme, die verschiedene Sektoren mit einbeziehen – wie beispielsweise Bildung, WASH (Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung) sowie Tier- und Umweltgesundheit.“ Dieser „One Health“-Ansatz berge gleich mehrere Vorteile: Durch die Zusammenarbeit und den fachlichen Austausch der beteiligten Akteure, entstehen Synergien, die einerseits die Effizienz der Ressourcennutzung (Personal, Finanzen und Zeit) und andererseits die Effektivität der Projektarbeit erhöhen. Zudem werde die Akzeptanz in der Bevölkerung erhöht: „Die Aufklärung in Schulen und Gemeindezentren, wie man sich vor einer Infektion schützt, die Verbesserung der Wasser- und Sanitär-Situation, um eine Ausbreitung zu verhindern, der Aufbau von Gesundheitszentren zur Sicherung der medizinischen Versorgung – von diesen Maßnahmen profitieren alle“, so Kreibich. „NTDs sind ein gesellschaftliches Problem, dass sich nur in vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung lösen lässt.“

„Niemanden zurücklassen“

Besondere Aufmerksamkeit müsse schwer erreichbaren Risikogruppen zukommen: Menschen, die in abgelegenen Regionen, Gefängnissen oder Slums leben, marginalisiert werden oder von Behinderungen oder Beeinträchtigungen betroffen sind. „Das übergeordnete Prinzip der Agenda 2030 und ihren 17 Nachhaltigkeitszielen, das die UN 2015 ausgerufen hat, lautet ‚Niemanden zurücklassen‘“, erinnert DAHW-Geschäftsführer Burkard Kömm anlässlich des ersten Welt-NTD-Tages. „Wenn wir es damit ernst meinen, müssen alle an einem Strang ziehen – die Gemeinden in den betroffenen Gebieten, die nationalen politischen Instanzen und die internationalen Akteure.“ Weder die Krankheiten, noch die Betroffenen dürften länger vernachlässigt werden. „Schließlich ist Gesundheit ein Menschenrecht!“


Vernachlässigte Tropenkrankheiten (Neglected tropical diseases, NTDs) schaden den ärmsten der Armen


Einer von sechs Menschen weltweit ist von einer armutsassoziierten und vernachlässigten Tropenkrankheit (NTD) betroffen. Strategien der DAHW gegen NTDs


DZVT das Deutsche Zentrum für die sektorübergreifende Bekämpfung Vernachlässigter Tropenkrankheiten


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