26. August 2019

Musikalbum "Wir sind Kinder"

Startschuss für ein ganz besonderes Projekt: In Tansania und Würzburg entsteht ein Musikalbum für Vor- und Grundschulkinder.

Christof Balling, Kindheitspädagoge und Liedermacher und Dr. Dennis Schütze, Musikpädagoge und Kulturwissenschaftler sind im Auftrag der DAHW (Bereich Ehrenamt und Bildung) in Tansania in Projekten der DAHW, um Musikalbum aufzunehmen. Unter dem Arbeitstitel „Wir sind Kinder!“ werden Vor- und Grundschulkinder in Tansania, deren Familien und Lebenssituationen in Musikaufnahmen, Fotos, Videoclips portraitiert.

Ausgrenzungsprozesse sind sowohl in Tansania als auch in Deutschland Realität. In Tansania beziehen sich diese stärker auf Krankheiten, Lebensverhältnisse und/oder Aussehen (z. B. Albinismus), in Deutschland im Bereich Menschen mit Migrationshintergrund, Aussehen (Schleier etc.) u. a. Diese umfassen alle gesellschaftlichen Gruppen und damit auch Kinder und Jugendliche.

Das Projekt „Musikprojekt“ zeigt grundlegende Bedürfnisse von Kindern auf, geht auf ausgrenzende Prozesse (z. B. Leprakranke oder Menschen mit Behinderung) ein und thematisiert universelle (Kinder-)Rechte. Das durch den musik-pädagogischen Ansatz gewonnene, lehrpädagogische Material soll dazu dienen, Verständnis auf- und Vorurteile abzubauen. Im Sinne von „Globales Lernen“ und Inklusion kann zukünftig entsprechenden Nachfragen sowohl in Deutschland als auch in Tansania in den Zielgruppen erheblich besser begegnet werden.

Durch das Thema Inklusion/Ausgrenzung soll auch – zumindest in älteren Jahrgangstufen – ein Bezug zu den SDGs hergestellt (vor allem die Ziele 3, 4 und 10) und die entsprechenden Verknüpfungen aus unserer Projektarbeit mit eingebracht werden. Das Kürzel SDGs steht für „sustainable development goals“ die auch als Agenda 2030 bezeichnet werden. Die SDGs sind die im Jahr 2015 von der Weltgemeinschaft verabschiedeten 17 Ziele für eine nachhaltige Welt. Inhaltlich finden sich im Ziel 3 das Thema „Gesundheit“, Ziel 4 steht für Bildung und das Ziel 10 bezieht sich auf Inklusion und den Abbau von Barrieren. Der Ansatz dieses Vorhabens soll am Ende durch die über die Musik transportierte thematische Darstellung, zu einer Auseinandersetzung über verschiedene Lebenswelten, über Inklusion/Ausgrenzung führen und durch die auftretende bewusste Wahrnehmung, zu Verhaltensänderungen führen. So entsteht gelebte Toleranz, die zu gelebter Solidarität führen kann.

Der folgende Text ist der Blogeintrag von Dennis Schütze:

"Freitag ging es früh los in die Mara Regio zum ersten Dreh an einer Grundschule. Eine Stunde Rumpelpiste, da ist man schon erledigt, wenn man ankommt. Christof war ja tags zuvor bereits da gewesen und erzählte mir, dass seine niedrigen Erwartungen an den Zustand der Gebäude und Bedingungen sogar noch unterboten wurden. Die Schule befindet sich im absoluten Nirgendwo, Schüler sind die Kinder der umliegenden Kleinbauern. Das Schulgebäude ist sehr einfach gehalten und sieht von außen aus wie ein großer Stall. Die Fensteröffnungen haben kein Glas, sondern breitmaschigen Draht, immerhin zieht so ein sanfter Wind durch den Klassenraum. Die Klassen haben 70-120 Kinder pro Jahrgang, pro Jahrgang hat ein Schüler ein Buch mit Stoff für alle Fächer, die Kinder kommen mit kleinen Trinkwasserkanistern in die Schule, in den Pausen wird nicht gegessen, Pausenbrote gibt es nicht, natürlich auch nichts zukaufen oder Mittagsspeisung, die Kinder hungern tagsüber. Schüler die in der Nähe wohnen gehen mittags kurz nach Hause. Es gibt in den Schulräumen kein fließendes Wasser, keinen Strom, etwas abseits der Schule gibt es Latrinen. Einen Gemeinschaftsraum, Lehrerzimmer, irgendwelche Unterrichtsmaterialien oder Medien, etc. gibt es nicht. Der Sportplatz ist ein benachbartes Feld ohne Tore oder Basketballkörbe. Die Lehrer wohnen auf dem Schulgelände in einfachen Hütten, gekocht wird dort am offenen Feuer im Wohnzimmer, die Eltern und 3-5 Kinder leben in zwei kleinen Räumen, die durch einen Vorhang getrennt sind.

Die Schüler sind neugierig, kommen auf uns zu, nehmen keinen direkten Kontakt auf, weichen aber auch nicht von unserer Seite. Es sieht so aus, als wenn der komplette Schulbetrieb aufgrund unseres Besuches zum erliegen kommt. Hie und da sieht man einen Lehrer, eine Lehrerin. Man kann sie an ihren Ruten erkennen, mit denen sie angeblich nur Drohen und nicht schlagen. Fühlt sich aber nicht so an, die Kinder sind in der Nähre der Lehrer und anderer Erwachsenen auffällig devot, unterwürfig und zurückhaltend, ganz untypisch für Kinder, wie man sie als Europäer kennt. Nicht zufällig wurde die Prügelstrafe in Tansania erst vor einigen Jahren wieder legalisiert (!), erzählt uns unsere Führerin Grace.

Weil ein starker Wind weht, starten wir mit den Audioaufnahmen in einem leergeräumten Klassenzimmer. Eine Gruppe von Kindern singt unisono und tanzt dazu. Klassischer Call and Response: Es gibt einen Vorsänger/eine Vorsängerin und der Kinderchor antwortet. Uns werden drei Lieder dargeboten. Zu jedem Lied haben die Kinder einen anderen Grundtanzschritt, im Hintergrund spielen etwas ältere Jungs auf ziemlich mitgenommenen Handtrommeln und Stöcken dazu. Die Kinder singen und bewegen sich lebendig und voller Energie, Singen und Tanzen scheint ihnen zu gefallen. Die Aufnahmen sind im Kasten und gut gelungen.

Dann startet Christof draußen im Schatten des Mangobaums mit seinem Programm. Mit der Gitarre und einigen Kinderliedern, schafft er eine angenehme Atmosphäre und die Kinder lockern sich spürbar dabei. Während er spricht, singt, Gitarre spielt und Bewegungen vormacht, übersetzt Grace auf Kisuaheli und hat alle Hände voll zu tun, sogar unser Fahrer macht mit bei den Spielen, später kommen noch eine Lehrerin und der Direktor dazu. Als die Musikrunde zu Ende ist, gehen wir wegen des immer noch anhaltenden Windes und der nun erforderlichen Privatsphäre in das leere Klassenzimmer zurück. Wir starten mit den Einzelinterviews von ca. 8-10 ausgewählten Kindern. In den Tagen zuvor hatten wir mit Grace, die wieder als Übersetzer und Mittlerin agiert, die Fragen und die Vorgehensweise erklärt. Sie macht ihre Sache sehr gut, lässt den Kindern viel Raum für ihre Antworten. Christof ist kurz dabei, kümmert sich dann um die wartenden Kinder und verteilt kleine Mitbringsel (Anstecker, Luftballons, Bleistifte). Ich bin während aller Interviews im Raum und mir fällt wieder auf, wie zurückhaltend sich die Kinder verhalten. Sie machen in unserer Anwesenheit keine Witze, lachen kaum, sehen einem nicht in die Augen, reagieren ausweichend, sprechen extrem leise. Bei der Begrüßung haben sie einen schlaffen Händedruck, am Ende machen alle ausnahmslos einen Knicks bzw. Diener. Inhaltlich gesehen sind schöne Aussagen dabei, alles läuft gut.Lehrerin mit Kindern

Mittags verlassen wir die Schule, gehen in einer nahegelegenen Ortschaft essen. Wir stehen draußen, während man die Mahlzeit zubereitet und die Teller befüllt. Dann bittet man uns zum Essen in den dunklen Verschlag. Draußen zu essen bringt nach dem hiesigen Volksglauben Unglück und keiner will, dass die Besucher verhext werden.

Nachmittags begleiten wir Grace bei ihrer Arbeit und besuchen einen Schüler der Schule in seinem Zuhause. Maxwell ist ca. 10 Jahre alt und hat Probleme mit seinem Hörvermögen, allerdings nur auf der linken Seite, deswegen trägt er ein einfaches Hörgerät um den Hals, das mit einem Kabel zu seinem Ohr führt (finanziert vom DAHW). Wir werden von seinen Eltern, Geschwistern, der Großmutter, einer Tante und Nachbarskindern erwartet und freundlich empfangen. Die Familie wohnt zusammen in einer Lehmhütte in einem Raum, nebenan ein Stall, auf dem Vorplatz laufen Ziegen, Katzen, Hunde und Hühner herum. Grace spricht mit der Familie, den Eltern und bezieht auch Maxwell immer wieder ins Gespräch ein. Er ist scheu und zurückhaltend, anscheinend ist ihm der Trubel um seine Person unangenehm, er sagt fast kein Wort, obwohl er von allen Seiten bedrängt wird. Wir machen ein paar Fotos mit der Familie und Nachbarn. Am Ende lässt sich sogar die Großmutter zu einem Foto mit ihren Enkeln überreden.

Nach der Rückfahrt (1h Piste) brauchen wir alle eine Pause. Abends sind wir bei einer Mitarbeiterin zum Abendessen eingeladen. Christof und ich bringen kühles Bier mit (Serengeti Lager & Kilimanjaro Pils) mit, aber keiner will etwas abhaben, also trinken wir es selbst. Dort lernen wir auch den 78-jährigen US-amerikanischen Arzt Glen Brubacher kennen. Er stammt aus Pennsylvania, hat aber 30 Jahre in Shirati gelebt und gearbeitet und dort auch seine Ehefrau kennengelernt. Er lebt mittlerweile wieder in den USA, kommt aber jedes Jahr für einige Monate nach Shirati zurück um humanitäre Hilfe zu leisten, diesmal wird eine Wasserleitung repariert, als nächstes die Akkus der Solaranlage des Hospitals.

Es war ein langer, aufregender und produktiver Tag. Am morgigen Samstag werden die Materialien gesichtet, technisch gesehen sind sie okay. Dann Fotos aussuchen und Blogartikel schreiben. Am Sonntag haben wir frei und machen einen Vergnügungsausflug."


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