14. January 2019

Nach der Lepra beginnt das neue Leben

Die DAHW unterstützt jährlich Aufklärungskampagnen im brasilianischen Bundesstaat Maranhão

Regine Claudia Araujo dos Santos wartet im Flur des Krankenhauses Aquiles Lisboa in São Luís auf den Aufruf. Sie ist aufgeregt, denn es ist wohl das letzte Mal, dass Krankenschwester Shirley Priscila Chagas die hellbraunen Flecken ihrer Lepraerkrankung überprüft. Und dann endlich: „Ja, ich bin geheilt!“ Die Mittzwanzigerin ist glücklich und erleichtert. Jetzt kann sie ihre Pläne verwirklichen und in Rio de Janeiro Mode studieren. Es waren harte Monate, die hinter ihr liegen.

Der Nordosten von Brasilien ist arm, sehr arm. Die junge Frau liebt ihre Heimat, auch wenn sie hier ihr Vorhaben aus genau diesen Gründen nicht umsetzen kann. Sie glaubt daran, es zu schaffen und später einmal ihre Familie mit dem Verkauf selbst entworfener Kleider und Muster unterstützen zu können. Später, nach dem Studium. Später, als Designerin mit Vorbildfunktion.

Sie hat die Bilder im Sozialen Netzwerk Instagram gesehen, von anderen jungen Frauen, weltweit, die es mit einer Idee geschafft haben. Das hat auch sie motiviert, denn sie möchte genauso erfolgreich werden wie ihre Idole. Doch das geht nur mit dem Abschluss eines Studiums in der Tasche. Sie weiß, dass entbehrungsreiche Jahre vor ihr liegen, doch auch, dass sie kämpfen wird. Kämpfen für sich und ihre Eltern, die einmal ihre Hilfe benötigen werden. Genau dann, wenn sie alt und gebrechlich sind, denn eine staatliche Versorgung gibt es hier nicht. Und sie erinnert sich an die zurückliegenden Monate, die entbehrungsreich und schwierig waren und in denen sie wiederholt die Hoffnung verlor. Doch mit dieser Untersuchung sind endlich alle Fragen aus dem Weg geräumt, die Schmerzen, die Verzweiflung. Eine Freundin hat ihr einmal gesagt, dass sie schön sei und intelligent und dass sie daraus etwas machen solle. Genau das wird sie tun. Viel besser kann ihr neues Leben in Rio nicht beginnen.

Noch vor kurzem reagierte sie mit unerwarteten allergischen Reaktionen auf die Arzneien. „Sie musste eine andere Medikamentenkombination nehmen“, sagt Raimunda Mendoza, die Koordinatorin des staatlichen Lepraprogrammes. Die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e. V. unterstützt die Ausbildung des Gesundheitspersonals in dem neuen Krankenhaus mit der jahrzehntelangen Erfahrung, die das Hilfswerk in der Behandlung der Lepra in Brasilien hat. Auch Mendoza wurde im Bereich der Prävention geschult. In der Regel führt das deutsche Hilfswerk jährlich zwölf Aufklärungskampagnen in São Luís und Umgebung durch. „Das ist dringend notwendig“, ergänzt Mendoza, „denn sechs Prozent aller neuen Leprafälle zeigen bereits erste Deformationen an Händen oder Füßen.“

In der Tat, jedes Jahr gibt es 3.300 neue Leprapatienten im Bundesstaat Maranhão und in seiner Hauptstadt São Luís. Mittlerweile finden Aufklärungen über Lepra in allen Gemeinden statt. „Diese gehören zur Grundversorgung der Bevölkerung“, ergänzt Mendoza und fragt Regine Claudia Araujo dos Santos, wie es ihr nun mit dem guten Resultat geht. „Ich kann endlich an meine Zukunft denken“, lautet ihre leise Antwort. Denn ihre Mutter hätte schon Lepra gehabt, wahrscheinlich hat sich die künftige Studentin deshalb in der Familie angesteckt. Sie sagt das immer noch leise, sehr vage, da sie eigentlich nicht mehr über die Vergangenheit sprechen möchte.

Aber da ist noch der private Fernsehsender, der heute in der nahen ehemaligen Leprakolonie Bonfim einen Film dreht. Araujo do Santos ist dabei, um vor der Kamera über ihre Krankheit zu sprechen. Denn das ist sie ihrer Familie und den anderen Leprapatienten noch schuldig. Und außerdem ist es eine gute Übung, vor einer Kamera zu stehen. Für später, wenn sie es als hoffnungsvolle Jungdesignerin endlich geschafft hat. Daran glaubt sie ganz fest. „Aber nun ist es genug mit der Aufzeichnung“, strahlt sie, „jetzt beginnt mein neues Leben. In wenigen Tagen sitze ich schon im Flugzeug nach Rio.“