31. Januar 2016

WLT 2016 - Lepra macht Angst - Die schwierige Arbeit der DAHW am Amazonas

Patienten warten in Alfredo da Matta auf Ihre Untersuchung.

Aufgeregt ist Joao S., so wie noch nie in seinem Leben. Was wird ihm der Arzt des Hospitals Alfredo da Matta in Manaus, im brasilianischen Bundestaat Amazonas, gleich sagen? Wie werden die Flecken, die er auf seiner Haut entdeckt hat, sein Leben verändern? Es ist eine Mischung aus Angst und Wut, die ihn umtreibt.

Dabei hat er schon viel erlebt: Der 32-Jährige stammt aus einem kleinen Dorf an einem Nebenfluss des Amazonas, seit 14 Jahren lebt er in Manaus. „Hier gibt es Arbeit“, begründet er seinen großen Traum, der mit einer viertägigen Reise auf einem kleinen Boot begann und bislang in einem der Slums endete. Im Vergleich zu seinem Heimatdorf an der Grenze zu Kolumbien ist das trotzdem ein – wenn auch bescheidener – Wohlstand. Immerhin gibt es hier Arbeit und eine funktionierende medizinische Versorgung, die Joao nun hierher geführt hat, zur Untersuchung im Leprazentrum.

Joao S. bei der Aufnahme im Lepra-Referenzzentrum Alfredo da Matta.
Joao S. bei der Aufnahme im Lepra-Referenzzentrum Alfredo da Matta. Foto: Hövekenmeier / DAHW

Um ihn herum ist es laut und hektisch, das Warten auf die Untersuchung macht ihn noch nervöser. „Ruhig ist es hier nie“, beschreibt Dr. Pedro Cunha den Alltag im Hospital Alfredo da Matta. Mit langjähriger Unterstützung der DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe ist hier in Manaus, mitten im Urwald des Amazonas, das Lepra-Referenzzentrum für ganz Südamerika entstanden. Viele Menschen reisen von weit entfernt zu diesem Hospital, um sich untersuchen zu lassen, für ihre Therapie oder für weitere Behandlungen bei Lepra-Reaktionen oder Folgeschäden der Krankheit. Lepra ist im brasilianischen Bundesstaat Amazonas allgegenwärtig: Jedes Jahr bekommen hier rund 700 Menschen die Diagnose Lepra – und das bei lediglich 3,5 Millionen Einwohnern, so viel wie Berlin, verteilt auf einer Fläche vier Mal so groß wie ganz Deutschland. „Das erschwert unsere Arbeit enorm“, sagt Dr. Cunha, „wenn wir in den Urwald fahren, treffen wir manchmal einen ganzen Tag lang keinen einzigen Menschen, so groß sind die Entfernungen zwischen den Dörfern in Joaos Heimat.“

Transportmittel Boot: so kommen die Gesundheitshelfer in die entlegenen Amazonasregionen
Transportmittel Boot: so kommen die Gesundheitshelfer in die entlegenen Amazonasregionen Foto: Hövekenmeier / DAHW

Schon als Kind musste Joao mehr als zwei Stunden bis zur nächsten Schule laufen. Doch er ging gern zur Schule und hatte sehr gute Noten. Später besuchte er ein Gymnasium in Sao Gabriel, wohnte in einem Kloster und sah seine Familie nur in den Ferien. Nach dem Abitur wollte er studieren. In Manaus, der einzigen Universität im Bundesstaat Amazonas. Doch anders als in seiner Heimat fand er keine Einrichtung, in der er kostenlos wohnen konnte.

So landete er schließlich in einer kleinen Hütte am Stadtrand und nahm jede Arbeit an. Zehn Jahre lang lebte er sparsam und konnte sich dann endlich an der Uni einschreiben. Nächstes Jahr will er seinen Abschluss machen, sein Diplom als Ingenieur. Das wollte er schon immer werden, mit seinem Wissen Strom und damit den Fortschritt in die kleinen Dörfer seiner Heimat bringen. „Mit Wasserkraft“, sagt er mit glänzenden Augen, „davon gibt es mehr als genug in meiner Heimat. Und ich möchte, dass wir dies auch nutzen können. Aber jetzt…“

Joao S. kann nicht weiter erzählen. Zu sehr muss er an die Menschen in seinem Slum denken, die an Lepra erkrankt waren und verjagt wurden von ihren Nachbarn. Lepra. Ausgerechnet. Und das jetzt, so kurz vor dem großen Ziel. Die Untersuchungen nimmt er fast gleichgültig hin, doch später stellt er die Fragen, die ihm durch den Kopf gehen, seit er wegen einiger Flecken auf der Haut ins Gesundheitszentrum gegangen war und er dann hierher überwiesen wurde.

In seiner Heimat sieht dies anders aus: Die Teams von Dr. Cunha fahren mit Booten von Dorf zu Dorf und untersuchen die Menschen. Eine mühsame Arbeit, denn die Mitarbeiter erreichen nur wenige der verstreut lebenden Menschen. Wo sie Lepra entdecken, ist es oft schon zu spät: Bei 12% der Diagnosen gibt es schon deutlich sichtbare Behinderungen.

Die Mitarbeiter in Manaus erklären Joao, dass er Glück hatte. Seine Krankheit wird wohl ohne Behinderung verlaufen, weil sie früh entdeckt wurde. Auch wird sich hier eine Psychologin um ihn kümmern, denn die Mitarbeiter haben längst gemerkt, dass Joaos Welt zusammengebrochen ist. Eine Welt, die vor wenigen Tagen noch heil und voller Chancen auf eine bessere Zukunft war und jetzt so düster scheint wie das Leben der Menschen, die aus dem Slum vertrieben wurden und sich nun im Urwald verstecken vor der Wut ihrer Mitmenschen auf die Krankheit Lepra.

Doch Joao S. merkt schnell, dass die Menschen hier anders sind. Hier hat Niemand Angst, sich neben ihn zu setzen oder ihm gar die Hand zu reichen. Und Hoffnung machen sie ihm auch, dass er wieder vollständig gesund werden wird, weil er rechtzeitig zur Untersuchung kam. Er hat keine Entstellungen und keiner seiner Nachbarn, auch nicht seiner Studienkollegen, wird von der Krankheit ahnen. Denn davor hat Joao mehr Angst als vor jeder Untersuchung.

Bis er seine Abschlussprüfung macht, wird Joao S. wieder gesund sein. Und trotzdem werden die Mitarbeiter von Dr. Cunha auch dann noch für ihn da sein. Lepra ist besonders eine soziale Krankheit, weiß der Mediziner: „Die Angst vor Ausgrenzung, wenn Mitmenschen von der Krankheit erfahren, ist unser größtes Problem. Auch, wenn die Krankheit selbst längst geheilt ist, bleibt diese Angst, solange viele Menschen Vorurteile haben.“

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