Brasilien - Eine unglaubliche Geschichte

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Regelmäßig treff en sich Manfred Göbel und Alzira R., um anderen Lepra-Patienten zu helfen. Jetzt benötigt die 57-jährige selbst Hilfe.

Lepra: Frau verstoßen, entrechtet, diskriminiert


Seit 32 Jahren ist Manfred Göbel für die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe in Brasilien, der Hochburg der Lepra, tätig. Sein Büro hat er in Cuiabá, der Hauptstadt des Bundesstaats Mato Grosso: In zwei Bundesstaaten sorgt er inzwischen dafür, dass die notwendige Lepra-Expertise in den Gesundheitsposten der Städte und Gemeinden durch Schulungen praxisnah vermittelt wird und schaut immer noch sorgend bei vielen „seiner“ Patienten vorbei.

Eine davon, die heute 57-jährige Alzira R., bemerkte die ersten Lepra-Flecken auf der Haut mit 12 Jahren. Die Familie holte Rat bei Kräuterheilern, um die Krankheit zu vertuschen. Zuhause war das junge Mädchen eine Aussätzige: Ihr Geschirr und Besteck wurden von dem der Familie getrennt. Alzira musste allein schlafen und immer Abstand halten. Mit 19 schickte ihr Vater sie fort. Als Dienstmädchen nach São Paulo, fast 2.000 Km entfernt. Die Lepra hat er verheimlicht.

Herbst_Hap_264_Gespräch mit Frau Alzira

Im Laufe der Jahre sind viele Nerven durch die Lepra abgestorben und es haben sich chronische Entzündungen gebildet. In den Füßen hat sie kein Gefühl mehr und schließlich mussten sie amputiert werden. Die Finger kann sie nicht mehr strecken, die Hände daher kaum noch benutzen. Eine Physiotherapie soll nun helfen.

Dort verschlimmerte sich die Krankheit und ließ sich nicht mehr verstecken. So wurde Alzira in eine Leprakolonie gebracht, nun schon mit sichtbaren Behinderungen. Die zwangsweise Einlieferung war in Brasilien üblich. Sie lernte dort ihren Mann kennen und bekam zwei Kinder. Doch diese wurden ihr genommen und Alziras Eltern gegeben. Höchstens ein Mal pro Monat durfte sie ihre eigenen Kinder besuchen, sie dabei aber nicht berühren. Später hat ihr die eigene Mutter sogar verboten, das Haus zu betreten.

Erst 1981, als Lepra endlich heilbar war, wurden die Gesetze geändert. Alzira und ihr Mann durften nun die Kolonie verlassen und ihren Wohnort selbst bestimmen. In der Nähe von Cuiabá waren sie ihren Kindern nahe, um die sie sich später auch selbst kümmern durften. Sie versuchten Arbeit zu fi nden. Doch niemand wollte einen Leprakranken einstellen, auch wenn er längst geheilt war und keine Gefahr der Ansteckung mehr bestand.

Heute engagiert sich Alzira ehrenamtlich als Vizepräsidentin einer Selbsthilfeorganisation von Lepra-Patienten. Sie arbeitet mit Manfred Göbel und der DAHW zusammen. Gemeinsam kämpfen sie gegen Vorurteile und Benachteiligungen. Die sind immer noch vorhanden, weil fast jeder Mensch in Brasilien Lepra kennt: „Flecken auf der Haut, Fallfüße oder Krallenhände sind Zeichen der Lepra und Auslöser für das Stigma unserer Krankheit“, weiß Alzira aus eigener, leidvoller Erfahrung.

Auch wenn die Lepra geheilt ist, die Nervenschäden bleiben. Sie führen immer wieder zu Entzündnungen und müssen sorgfältig behandelt werden.

"Die Diskriminierung dauert an - bis heute"

"Alzira ist kein Einzelfall“, sagt Manfred Göbel: “ Zwar gibt es heute in Brasilien keine gesetzliche Ausgrenzung mehr, aber in den Köpfen und im Alltag lebt die Diskriminierung weiter.“ Und er kennt genügend Beispiele dafür:

Die 16-jährige Evelyn aus Rondonópolis versteckt ihre Krankheit aus Angst vor der Diskriminierung. „Ihre Freunde würde sie auf einen Schlag verlieren. Das ist leider noch Normalität“, weiß der DAHW-Repräsentant. Zwei Jahre lang wurde sie falsch behandelt, bis sie endlich zu uns ins Lepra-Zentrum kam. Dadurch hat sie heute einen „Fallfuß“ und erfi ndet ständig neue Geschichten von Fußverletzungen, wenn dies jemand merkt.

Fallfuß: Nerven sterben ab, der Muskel wird lahm und der Fuß benötigt eine Stütze. Damit sie niemand sieht, trägt Evelyn daher immer lange Hosen.

Der 10-jährige Vitor aus Varzea Grande ist wochenlang nicht zur Schule gegangen, weil er von den Mitschülern drangsaliert wurde. Sie machten sich lustig über die Flecken auf seiner Haut, von denen jeder wusste, was sie bedeuten. Zum Glück ging seine Mutter frühzeitig mit ihm zur Behandlung. Vitor wird wohl keine Folgen der Krankheit behalten. Manfred Göbel hat organisiert, dass ein Arzt die Schule besucht und den Kindern alles über Lepra erklärt – auch, dass Vitor keinen Mitschüler mehr anstecken kann.

 Vitor kann alle Finger normal bewegen. Er kam früh genug zur Behandlung.

Beide werden es sehr schwer haben im Leben, weiß Göbel schon heute: „Erst müssen sie lernen, mit ihrer Krankheit zu leben und dann sich gegen die Dummheit anderer Menschen verteidigen. Daher ist unsere Unterstützung so wichtig.“ 


Brasilien und die Lepra
Brasilien ist die Hochburg der Lepra

 

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