Nigeria - Selbsthilfe stärkt ein ganzes Lepradorf

Der ehemalige Leprapatient Eduard O. auf dem Cassava-Feld

Der ehemalige Leprapatient Eduard O. auf dem Cassava-Feld

Die DAHW hilft mit "CBR" den Menschen in Nigeria


Fast fünf Kilo wiegt die schwere Hacke, mit der Eduard O. die Erde auf dem Cassava-Hügel lockert, damit er das Unkraut besser zupfen kann. „Wenn es lange trocken ist, geht es nicht ohne die Hacke“, sagt er kurz und schwingt das Werkzeug, als wäre es die einfachste Sache der Welt. Dabei ist es fast ein Wunder, dass er die Hacke überhaupt halten kann: drei Finger und der Daumen an der linken Hand, das ist alles, was ihm die Lepra gelassen hat.

Trotzdem ist Eduard täglich mehrere Stunden auf dem Feld, arbeitet wie fast alle im kleinen Dorf St. Patrick. Nur die Kinder und Alten müssen nicht arbeiten, dennoch helfen sie oft, sofern es die Gesundheit oder die Schularbeiten zulassen. Das Dorf ist auf keiner Landkarte verzeichnet und liegt direkt neben dem Hospital „Mile 4“. Ursprünglich war dieses Dorf die Leprakolonie, die sich mindestens „vier Meilen entfernt von Abakaliki“ befinden musste. Aus der kleinen Behandlungsstation des Dorfes hat sich später das heutige Krankenhaus entwickelt.

Livinus Otu erreicht mit seinem DAHW-Motorrad alle PatientenLivinus Otu erreicht mit seinem DAHW-Motorrad alle Patienten

Das Dorf ist geblieben und verwaltet sich mittlerweile selbst. Die Menschen hier haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam das Leben zu meistern, um stark genug dafür zu sein. Das genau ist der Sinn von „CBR“, die Abkürzung steht für „community based rehabilitation“ oder auf deutsch: „Gemeindenahe Rehabilitation“. Viele der Menschen hier waren früher an Lepra erkrankt – ihre Behinderungen sind eine Folge dieser Krankheit.

Im Mittelpunkt steht die Selbsthilfegruppe, die demokratisch ihre Entscheidungen trifft zum Wohle der ganzen Gemeinschaft. Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen – vor 40 Jahren war dies auch ein wichtiges Anliegen in Deutschland. Auch bei uns mussten damals viele Menschen lernen, dass Menschen mit Behinderungen eher zum Wohle der Gemeinschaft arbeiten können als dieser zur Last werden.

Eduard macht heute früher Feierabend, denn wie jeden Montag trifft sich die Dorfgemeinschaft. Auf dem Plan stehen Entscheidungen für die ganze Woche: wer auf welchem Markt die Waren verkauft, wer gerade geerntet hat oder wer hilft, die Ernte zu verarbeiten: schälen, trocknen, mahlen und fermentieren. Aber auch darum, was mit den Einnahmen gemacht wird, wer über seine Arbeit hinaus noch einen Teil bekommt, in welche Teile für Maschinen, Werkzeuge oder Häuser im Dorf investiert werden soll.

Jeder hilft mit: Eine Dorfbewohnerin bereitet Cassava-Fladen zu

Jeder hilft mit: Eine Dorfbewohnerin bereitet Cassava-Fladen zu

Kurz vor dem Dorfplatz trifft Eduard auf Dr. Joseph Chukwu, den medizinischen Berater der DAHW in Nigeria, und den DAHW-Sozialarbeiter Livinus Otu. Erst wenige Jahre ist es her, dass Livinus Otu die Dorfbewohner von St. Patrick zu einem starken Team geformt hat. Schon Jahre zuvor hatten sie begonnen, Cassava anzubauen. Doch weil damals jeder nur für sich selbst gearbeitet hatte, blieb nur wenig zum Verkauf übrig.

Weil das mit den gemeinsamen Entscheidungen so gut funktioniert hat, traf sich die neu installierte Dorfgemeinschaft nun regelmäßig. Immer mit dabei: Sozialarbeiter Otu, der speziell für diese neue Form der Entwicklungszusammenarbeit von der DAHW ausgebildet wurde. Mit Erfolg: In St. Patrick schaut niemand mehr darauf, ob einer aus der Gemeinschaft an einer Behinderung leidet oder nicht.

Die Verbindung zum Hospital „Mile 4“ ist immer noch aktuell: Nicht nur, dass Dr. Chukwu regelmäßig nach seinen alten Leprapatienten sieht – auf dem Markt vor dem Krankenhaus verkauft die Dorfgemeinschaft den größten Teil seines Cassavamehls. Und wie fast alle Angestellten des Hospitals nutzt auch Dr. Chukwu diese Möglichkeit, sich täglich mit frischen Lebensmitteln aus der Region einzudecken.

„Ich bezahle hier auch nicht mehr als auf den Märkten in der Stadt“, erklärt der Arzt den Erfolg der Dorfgemeinschaft: „Aber wenn ich sehe, dass diese Menschen endlich für ihr eigenes Auskommen sorgen können, dass sie von ihrer Hände Arbeit endlich wieder leben können, dann wäre ich sogar bereit, mehr zu bezahlen.“

Dass ihre Arbeit ein Erfolg ist, dessen sind sich Dr. Chukwu und Livinus Otu sicher: Das Dorf ist zu einer starken Gemeinschaft geworden, die selbst für ihre Alten und Schwachen sorgt. Das sichtbarste Zeichen für den Arzt, der Medizin in Wien studiert hat, ist die Sauberkeit im Dorf: „Wenn die Menschen selbst Verantwortung übernehmen, dann liegt auch nicht der Müll überall herum. St. Patrick ist wohl das sauberste Dorf in weitem Umkreis.“



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Cassava

Cassava oder Maniok (Maniho esculenta) ist ein Knollengemüste, das vorwiegend in Brasilien, Thailand, und Indonesien und Nigeria angebaut und als Beilage, Brei oder Fladen verzehrt wird.

Verwendet werden hauptsächlich die Wurzelknollen als Nahrungsmittel.

Die 15 bis 100 cm langen und 3 bis 15 cm dicken Knollen können ein Gewicht bis zu 15 Kilogramm erreichen.

Maniok enthält in roher Form eine Blausäure freisetzende Substanz. Damit diese entweicht, muss es vor dem Genuss gegart werden.

Jeder kann ein Retter sein

Jeder kann ein Retter sein! ist eine Kampagne der Deutschen Lepra und Tuberkulosehilfe e.V.

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Mile 4 - von der Leprastation zum allgemeinen Krankenhaus