8. Therapie

Die eigentliche Chemotherapie der Lepra konnte in den letzten beiden Jahrzehnten dramatisch vereinfacht und standardisiert werden.


Zugleich entstandene neuere, komplexere Konzepte einer Behandlung der Infektion und ihrer Folgen, die die Prävention von Körperbehinderungen, rekonstruktive chirurgische Maßnahmen und die sozio-ökonomische Rehabilitation der ehemaligen Patienten in die Gesellschaft mit einbeziehen.


8.1 Chemotherapie
Die von der WHO (World Health Organisation)empfohlene Chemotherapie der Lepra basiert unmittelbar auf der o. a. klinischen Einteilung:

  Mutibacilläre Lepra (MB) Paucibacilläre Lepra (PB) Single skin lession
Rifampicin 600mg 1x monatlich über 12 Monate 600 mg 1x monatlich über 6 Monate 600mg einmalig
Dapson 100mg täglich über 12 Monate 100mg täglich über 6 Monate  
Clofazimin 50mg täglich über 12 Monate- einmal Monatlich 300mg    
Ofloxacin     400mg einmalig
Minocylin     50mg einmalig

In der Feldarbeit werden die Medikamente in sogenannten Blistern ausgegeben, die die komplette Dosis für einen Monat enthalten. Um den allgegenwärtigen Versorgungs- und Transportproblemen in den endemischen Gebieten weitergehend gerecht zu werden, kann bei MB Lepra die Einnahme von 12 Monatsdosen über maximal 18 Monate verteilt werden, bei PB Lepra die Einnahme von 6 Dosen über 9 Monaten.

8.2 Therapie der Reaktionen
Fast ebenso bedeutungsvoll ist die Behandlung der Reaktionen: Wichtigstes Therapeutikum ist Predniso(lo)n, daß in (gewichtsbezogenen) Dosen bis maximal 60 (80?) mg täglich verabreicht werden darf. Die - bei MB Lepra 100 mg täglich betragende - Clofazimin-Dosis kann zusätzlich auf 200-300 mg erhöht werden. Bei Reaktionen vom Typ 2 ist Thalidomid in Dosen bis 300 mg täglich hoch effektiv. Die Verwendbarkeit ist freilich bei bekanntem teratogenen Effekt vielfach durch die Rechtslage eingeschränkt. Die progrediente Affektion von Nerven im Rahmen der Reaktionen kann die chirurgische Dekompression erforderlich machen.

8.3 Prävention von Behinderungen (Prevention of Disabilities - PoD)
In den vielen Jahren praktischer Arbeit mit akut und vormals an Lepra Erkrankten wurde eine Reihe sich ergänzenden Maßnahmen entwickelt, die allesamt die Prävention von Behinderungen verfolgen. Die Bedeutung der sachgerechten Behandlung von Neuritiden wurde schon angesprochen. Ebenso wichtig ist die praktische Unterweisung der Betroffenen zur eigenen Durchführung folgender Maßnahmen:

  • aktive und passive Physiotherapie paretischer oder kontrakter Gliedmaßen einschließlich der Augenmuskulatur
    Hautpflege
  • Protektion von Augen und Akren durch Salben, Sonnenbrillen, Handschuhe und spezielle Schuhe mit Gummieinlage, aber auch durch solche Details wie Kochutensilien mit wärmeisoliertem Griff und Zigarettenmundstücke für Raucher
  • Identifikation und Vermeiden aller sonstigen Gefahrenquellen in Haushalt und Arbeitsleben (Bagatellverletzungen)
  • Da die Therapie als oberstes Ziel die Rückführung der Patienten in ein normales Sozialleben ohne permanente medizinische Betreuung verfolgt, kommt gerade der Unterrichtung in Präventionsmethoden eine Schlüsselrolle zu; nur sie ermöglicht es den Betroffenen, sich selbst um die Vorsorge zu kümmern.

 
8.4 Wiederherstellungschirurgie
Die plastische Chirurgie in der Lepratherapie dient zum einen funktionell-anatomisch der sekundären und tertiären Prävention ( Die sekundäre Prävention bezieht sich auf die zeitgerechte Behandlung einer Krankheit nach ihrem Ausbruch, um bestimmte Folgen zu verhindern. Die tertiäre Prävention umfaßt die Rehabilitation von Personen mit bestimmten Langzeitfolgen einer Erkrankung) von Behinderungen, indem sie bestimmten Fehlstellungen vorbeugt oder sie korrigiert. Sie unterstützt die tertiäre Prävention (i. e. Rehabilitation) des weiteren, indem sie die kosmetische Akzeptanz eines vormals an Lepra Erkrankten in der Gesellschaft verbessert. Einige gängige Operationen seien aufgeführt:

  • plastische Rekonstruktion der Nase
  • Rekonstruktion des Lidschlusses durch Tarsorrhaphie, Gewichtimplantation (Gold), Transfer einer Schlinge des M. temporalis
    Nervendekompression, Neurolyse
  • Korrektur der Krallenhand durch Insertionstransfer von M. flexor digitorum superficialis oder M. extensor carpi radialis longus sive brevis
    Rekonstruktion der Opposition des Daumens durch Insertionstransfer des M. abductor pollicis brevis
  • Insertionstransfer M. tibialis posterior zur Korrektur des Fallfußes
  • Arthrodese des Sprunggelenks bei Kollaps des Fußgewölbes
  • Die Komplexität der geschilderten Eingriffe macht deutlich, daß sie erhebliche Ansprüche an Operateur wie Patienten stellen. Sie sind sowohl an ausgewählte Zentren als auch an sorgfältige Indikationsstellung, Vor- und Nachbehandlung gebunden. Nach dem Transfer einer Schlinge des M. temporalis etwa sollte der Patient in der Lage sein, den Lidschluß durch eine zentralnervöse Komponente der Kaubewegung zu erzielen. Letztlich ist Wiederherstellungschirurgie wohl in der Lage, wichtige funktionelle und ästhetische Verbesserungen bei Deformitäten zu erzielen. Sie kann selten ganz davon befreien.

8.5 Sozio-ökonomische Rehabilitation
Das überlieferte Stigma, das der Lepra und den an Lepra Erkrankten anhaftet, rechtfertigt besondere Bemühungen um die Rückführung der Betroffenen ins gesellschaftliche Leben. Sozio-ökonomische Rehabilitationsprojekte streben eine möglichst umfassende Reintegration an. Sie müssen daher sowohl die Eigeninitiative der Betroffenen wecken als auch die Bereitschaft der Gemeinschaft zur Eingliederung ehemaliger Patienten fördern. Wesentliche Maßnahmen auf diesem Wege sind:

  • (die im Idealfall leihweise) Bereitstellung der notwendigen finanziellen Mittel etwa zur Begründung einer selbständigen Existenz
    die Beschaffung von Wohnraum
  • berufliches Training vom kurzen Kurs bis hin zur kompletten Ausbildung
  • Informationskampagnen zur Aufklärung der Bevölkerung mit Betonung des zu vernachlässigenden Ansteckungsrisikos durch ausbehandelte Lepra-Patienten
  • Die Unterstützung sollte - wann immer möglich - an Fortschritte in Richtung selbständige Versorgung der Unterstützten gebunden sein, um einer fortwährende Abhängigkeit Vorschub zu leisten.