Ein Mediziner mit Leib und Seele

Ein Leben für seine Patienten: Arif H. aus Afghanistan. Foto: Sabine Ludwig / DAHW

Ein Leben für die Patienten: Arif H. aus Afghanistan. Foto: Sabine Ludwig / DAHW

Es gibt eine Sache im Leben, die an ihm nagt. Die sich in seine Gedanken, seine Seele eingebrannt hat. Über die er nur leise spricht, mit Leuten, denen er vertraut, nicht zu den Fremden, die ihm täglich begegnen: "An den letzten und wichtigsten Prüfungen meines Medizinstudiums konnte ich nicht teilnehmen, wegen des Krieges", sagt Arif H., medizinischer Leiter einer Organisation, mit der die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe e. V. in Afghanistan zusammenarbeitet.


(Kabul, 10. Oktober 2015). Doch gleich darauf lächelt er wieder. Dann gewinnt der Optimismus des 53-Jährigen die Oberhand. Wie immer, denn Zuversicht und Humor sind in einem Land wie Afghanistan überlebenswichtig. Sein Leben ist die Medizin und sie war es auch immer gewesen, damals beim Studium im pakistanischen Karachi und anschließend in Kabul, als erst die Mujaheddin kamen und dann die Taliban. H. hat nie aufgegeben, auch jetzt nicht, wenn er im Zentralgebirge unterwegs ist und Menschen behandelt, die Tuberkulose (TB) haben.

"64 Prozent der TB-Kranken sind Frauen", betont er. Er weiß auch, warum das so ist: "Das nahrhafte Essen geht immer zuerst an die männlichen Familienmitglieder. Die Frauen bekommen die Reste ab." Ihr Immunsystem ist aufgrund von Mangelernährung so geschwächt, dass sie anfällig sind. Viel anfälliger als die Männer in den kleinen Dörfern, in den nur schwer zugänglichen Bergregionen, in denen Männern alles und Frauen nichts gehört.

"Kranke weibliche Familienmitglieder können nicht einfach zum Arzt gehen. Das verbieten ihnen die Männer. Erst, wenn sie so schwach sind und den Haushalt nicht mehr erledigen können, wird ihnen medizinische Hilfe erlaubt." Der fünffache Familienvater muss es wissen, er ist in den Bergen geboren und dort zur Schule gegangen. Noch heute hat er es fast immer eilig und geht schnell. Viel schneller als seine Kollegen. "Damals war der Schulweg weit, wir mussten über Bergrücken klettern, über Stock und Stein", lacht er heute. "Die schnelle Gangart, um rechtzeitig zum Unterricht zu kommen, habe ich mir nie abgewöhnt."

Seine Heldin ist Dr. Ruth Pfau. Mit ihr war er in den 1980er Jahren als junger Medizinstudent unterwegs, in den abgelegenen Dörfern seines Heimatlandes und auch bei Krankenbesuchen in Pakistan. Die deutsche Lepraärztin hätte sein Leben geprägt, seine Berufung verstärkt und ihre Erfahrungen an ihn weitergegeben. Seine Augen strahlen, wenn er über sie erzählt und darüber, dass er ein wenig wie sie sein möchte, fokussiert darauf, Menschen zu behandeln und ihnen ein wenig Sicherheit zu geben. Sicherheit in einem Land, das ein Pulverfass ist, dass vielleicht nie mehr so wird, wie zwischen den Jahren 2001 und 2006, "als die Taliban besiegt waren, wir Ruhe und fast auch so etwas wie Frieden hatten."

Dann könnte er sich vielleicht auch endlich seinen größten Traum erfüllen. "Die verpassten Diplome nachholen und noch einmal Vorlesungen besuchen." H. weiß, dass das nur für ihn wichtig ist. Denn seine Patienten stehen allesamt hinter ihm und stärken ihm den Rücken. "Ich behandle Menschen, mit denen niemand etwas zu tun haben möchte. Wegen ihrer Stigmatisierung! Doch das ist meine Wahl. Denn auch sie wurden von Gott geschaffen." H. denkt nach. "Ruth Pfau hat mir diesen Weg gezeigt, und ich bin dankbar dafür. Ich werde diesen Weg gehen, solange wie möglich."