3. Epidemiologie

Indien: Geheilt: Dr. Salafia untersucht einen Patienten, der seine Hand wieder bewegen kann

Wie bei jeder anderen Erkrankung auch stellen Prävalenz und Inzidenz der Lepra die Eckpfeiler der epidemiologischen Beurteilung dar.


Aufgrund einiger Besonderheiten der Infektion (lange latente Infektion bzw. Inkubationsperiode sowie generell niedrige Manifestationsrate der Erkrankung) ist jedoch die Korrelation zwischen registrierter und wirklicher Prävalenz resp. Inzidenz unbekannt. Die registrierte Prävalenz war im übrigen durch die bis in die frühen 90er Jahre des 20. Jahrhunderts übliche Dauerbehandlung artifiziell hoch. Der Effekt der dann zunehmend gängigen Entlassungen aus der Therapie wurde durch die parallele Verkürzung der Chemotherapie extrapoliert. Daher liefert die registrierte Inzidenz einen der Wirklichkeit gerechteren Eindruck von der epidemiologischen Dynamik. Dies Phänomen steht in gewissem Widerspruch zur Politik der WHO, die den Schwellenwert für effektive Seuchenkontrolle bzw. Elimination der Erkrankung bei einer registrierten Prävalenz von 1/10.000 Einwohnern ansetzt. Die folgende Graphik illustriert die Entwicklung der Patientenzahlen über Zeit im letzten Jahrzehnt:

Zahl der registrierten Leprapatienten 2002 bis 2008

Das konstante Aufkommen neuer Erkrankungen ist trotz der vielfach propagierten Fortschritte bei der Eliminierung der Lepra klar ersichtlich. Dieser Trend mag allerdings auch der zunehmenden Aktivität der Kontrollprogramme zuzuschreiben sein und mag daher seinerseits positive Aspekte der wirklichen Entwicklung verschleiern. Des weiteren ist die rückläufige "Prävalenz" der Lepra zwar der immer zügigeren Entlassung der Patienten aus der früher regelhaft lebenslangen Therapie zu verdanken und somit ein Artefakt. Diese Entwicklung war und ist jedoch mit tatsächlichen substantiellen Fortschritten bei der Rückführung von ehemaligen Lepra-Patienten in die Gesellschaft begleitet.  Die Zahl der Neuinfektionen liegt zur Zeit bei ca. 250'000 Personen pro Jahr und hat sich nach einem stärkeren Rückgang zwischen 2002 und 2004 auf diese Grössenordnung eingependelt.  Die folgende Karte stellt die besonders von der Lepra betroffenen Länder zusammen. Die herausragende Rolle Indiens und auch Brasiliens ist mehr als augenfällig: Beide Länder liegen auch bei der relativen Inzidenz bezogen auf die Gesamtbevölkerung in den vorderen Rängen: Neue Fälle / 100.000

Am schlimmsten betroffen ist Indien mit über 50% aller Leprakranken, gefolgt von Brasilien mit ca. 40'000 neuen Fällen pro Jahr.

Lepra Epidemiologie Aufklaerungszahlen 2007 - Lepra

Die Epidemiologie beschäftigt sich nicht nur mit der Verteilung einer Erkrankung über Ort und Zeit, sondern auch mit weitergehenden Korrelationen und ihnen möglicherweise zugrunde liegenden Kausalketten. Drei prädisponierende Faktoren für die Transmission von M. leprae zwischen Individuen sind gesichert:

  • enger Kontakt mit einem Infizierten
  • lang andauernder Kontakt mit einem Infizierten
  • hohe Erregerdichte beim Infizierten (Hauptrisiko geht von an lepromatöser Lepra Erkrankten aus - s. u.!)
  • Ob die Transmission des Erregers zur Erkrankung führt, hängt von der Immunkompentenz des Infizierten ab. Diese ist sowohl durch genetische als auch durch Umweltfaktoren (Ernährung) geprägt. Beide stehen in komplexer Beziehung auch zur sozio-ökonomischen Situation des Infizierten, womit sich die gesicherte Korrelation zwischen Leprarisiko und sozialer Marginalisierung erklärt. Eine - von Region zu Region unterschiedliche, aber statistisch hoch signifikante - protektive Wirkung konnte für die übliche BCG-Impfung gegen Tuberkulose nachgewiesen werden